Früher wurde die MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankung (MOGAD) als Unterform der seronegativen Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) angesehen. Heute gilt MOGAD als eigenständige, klar definierte Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems. Obwohl klinische Überschneidungen mit NMOSD bestehen, unterscheidet sich MOGAD in wichtigen diagnostischen, radiologischen und immunologischen Merkmalen und erfordert spezifische therapeutische Ansätze.
MOGAD
MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankung (engl. MOG antibody-associated disorder = MOGAD)
MOGAD: Was ist das?
- «MOG»: Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein, ein Protein, das in der Schutzhülle (Myelin) der Nervenbahnen des zentralen Nervensystems vorkommt, zu dem das Gehirn (einschliesslich des Sehnervs) und das Rückenmark gehören.
- «MOGAD» steht für MOG Antibody Associated Disorder.
Dabei handelt es sich um eine seltene, im Zusammenhang mit MOG-Antikörpern stehende Erkrankung.
Seit 2018 wird MOGAD als eigenständige Erkrankung anerkannt, deren erste spezifische Diagnosekriterien 2023 veröffentlicht wurden. Dank intensiver Forschung konnten in den vergangenen Jahren wichtige Fortschritte im Verständnis von MOGAD erzielt werden. Laufende wissenschaftliche Arbeiten tragen dazu bei, die Erkrankung immer besser zu verstehen und neue Erkenntnisse für Diagnose und Behandlung zu gewinnen.
Bei MOGAD bildet das Immunsystem irrtümlicherweise Antikörper (IgG) gegen das MOG-Protein. Da sich dieses Protein auf der Myelinscheide befindet, greifen die Antikörper die schützende Hülle der Nervenfasern an. Dies führt zu einer Schädigung des Myelins, einem Vorgang, der als Demyelinisierung bezeichnet wird. Die daraus resultierenden Entzündungen können die Weiterleitung von Nervensignalen beeinträchtigen und verschiedene neurologische Symptome verursachen.
Häufigkeit
MOGAD gilt als seltene Erkrankung. Derzeit liegen keine genauen und endgültigen Schätzungen zu ihrer Häufigkeit vor. Die aktuell verfügbaren Daten weisen auf eine Häufigkeit von etwa 0,1 bis etwas mehr als 3 Fällen pro 100'000 Einwohner hin.
Auch das Verhältnis zwischen Frauen und Männern ist noch nicht eindeutig geklärt und variiert in verschiedenen Studien zwischen 1:1 und 2:1. MOGAD tritt häufiger bei Kindern und Jugendlichen als bei Erwachsenen auf.
Symptome
MOGAD ist durch das Auftreten von Schüben gekennzeichnet. Schübe oder Rückfälle sind Symptome, die plötzlich einsetzen oder sich über mehrere Tage entwickeln.
Art und Schweregrad der Schübe können dabei stark variieren – sowohl zwischen verschiedenen Betroffenen als auch bei derselben Person im Krankheitsverlauf. Auch das Alter spielt eine Rolle: Kinder, Jugendliche und Erwachsene zeigen teils unterschiedliche Krankheitsbilder.
Bei den meisten Betroffenen sind vor allem Rückenmark und Sehnerven betroffen. In manchen Fällen entzünden sich ausschliesslich die Sehnerven – einseitig oder beidseitig.
Häufige Symptome
- Sehstörungen: verschwommenes Sehen, Sehverlust, veränderte Farbwahrnehmung
- Motorische Störungen: Schwäche oder Lähmungen
- Sensibilitätsstörungen: Kribbeln, Taubheit, verminderte Empfindlichkeit (Parästhesien)
- Koordinations- und Gleichgewichtsprobleme: unsicherer Gang
- Blasen- und Darmstörungen: besonders häufig bei Rückenmarksbeteiligung
- Ist das Gehirn von der Entzündung betroffen, können Symptome wie Verlangsamung, Verwirrtheit, Krampfanfälle und kognitive Einschränkungen auftreten – zusammengefasst unter dem Begriff «enzephalopathisches Syndrom».
Verlauf
Die meisten Betroffenen erleben im Laufe der Zeit weitere Schübe (sogenannte rezidivierende MOGAD, 40-80% der Personen). Bei 20-60% können auch Verläufe mit nur einem einzigen Schub auftreten (monophasisch genannt). Chronisch-progressive, also schleichende Formen der Erkrankung, sind selten und stellen eine Ausnahme dar.
Im Allgemeinen ist die Genesung nach einem Schub gut, insbesondere wenn die Akuttherapie rechtzeitig begonnen wird. In einigen Fällen können akute Schübe jedoch zu schwerwiegenderen Behinderungen führen, etwa Sehbeeinträchtigungen oder in schweren Fällen zum Verlust des Sehvermögens oder zu Einschränkungen der Mobilität sowie der Harn- und Mastdarmfunktion.
Diagnose
Da MOGAD eine erst seit kurzem anerkannte Krankheit ist, kann die Diagnose und Abgrenzung gegenüber anderen entzündlichen Erkrankungen des zentralen Nervensystems, insbesondere der MS und der NMOSD, anspruchsvoll sein.
Ein zentraler Bestandteil der Diagnostik ist der Nachweis von MOG-Antikörpern im Blut. Dieser sollte mittels eines speziellen Labortests, des sogenannten zellbasierten Assays (cell-based assay, CBA), erfolgen, da diese Methode derzeit als Goldstandard gilt. Andere Testverfahren sind weniger zuverlässig und werden nicht empfohlen.
Neben dem Antikörpernachweis basiert die Diagnose auf bildgebenden Untersuchungen. Insbesondere die Magnetresonanztomographie (MRT) ermöglicht den Nachweis von Entzündungsherden (Läsionen) im Gehirn, in den Sehnerven oder im Rückenmark. Bei einer Beteiligung der Sehnerven können zusätzlich visuell evozierte Potenziale (VEP) sowie die optische Kohärenztomographie (OCT) eingesetzt werden. Während die VEP die Funktion und Leitfähigkeit der Sehbahn beurteilen, ermöglicht die OCT eine hochauflösende Darstellung der Netzhaut und der Nervenfaserschicht des Auges.
Ergänzende Informationen liefert die Untersuchung der Rückenmarksflüssigkeit (Liquor), die im Rahmen einer Lumbalpunktion gewonnen wird. Insbesondere das Fehlen der für MS typischen oligoklonalen Banden kann bei der Differentialdiagnose hilfreich sein: Bei Menschen mit MOGAD sind oligoklonale Banden in weniger als 20% der Fälle vorhanden. In einzelnen Fällen können im Liquor MOG-Antikörper nachgewiesen werden, die manchmal zusammen mit Antikörpern im Blut oder, seltener, auch ohne diese vorhanden sind. Dies kann die Diagnosestellung in bestimmten Situationen unterstützen.
Die ersten spezifischen Diagnosekriterien für MOGAD wurden 2023 veröffentlicht. Da die Diagnosestellung jedoch weiterhin eine sorgfältige klinische Beurteilung und die Einbeziehung verschiedener Untersuchungsbefunde erfordert, sollte sie möglichst in einem spezialisierten neurologischen Zentrum mit Erfahrung in der Betreuung von Menschen mit MOGAD erfolgen.
Behandlung
Verlaufstherapie
Aktuell gibt es keine speziell für die Behandlung zugelassenen Therapien. Aus diesem Grund werden sogenannte «Off-Label-Behandlungen» verwendet, d. h. Medikamente, die für andere Erkrankungen zugelassen sind, aber auch bei Menschen mit MOGAD wirksam sein können.
Zu den am häufigsten verwendeten gehören IVIG (intravenöse Immunglobuline, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen) und bestimmte Immunsuppressiva (wie Azathioprin, Mycophenolatmofetil und Methotrexat) sowie Rituximab (Mabthera®).
Es ist wichtig zu betonen, dass viele der bei MS eingesetzten Immuntherapien bei MOGAD nicht wirksam sind und in einigen Fällen sogar zu einer Verschlimmerung der Erkrankung führen können.
Schubtherapie
Akute Schübe müssen unverzüglich mit entzündungshemmenden Therapien behandelt werden. Diese umfassen in der Regel hochdosiertes Kortison und in schweren Fällen die intravenöse Verabreichung von Immunglobulinen (IVIG) oder Verfahren zur Blutreinigung wie Plasmapherese oder Immunadsorption. Bei Kindern und Jugendlichen wird zunehmend auf IVIG zurückgegriffen.
In der Regel muss nach der Behandlung des akuten Schubs eine vorübergehende Erhaltungstherapie mit oralem Kortison fortgesetzt werden, die typischerweise etwa drei Monate dauert. Während dieser Zeit wird das Kortison schrittweise reduziert und dann, falls angezeigt, durch eine Langzeit-Erhaltungstherapie ersetzt.
Symptomatische Therapie
Die Behandlung der Symptome muss individuell auf die Bedürfnisse der betroffenen Person abgestimmt werden und kann Folgendes umfassen:
- medikamentöse Therapien
- Physiotherapie
- Ergotherapie
- Logopädie
- psychologische Unterstützung
- Einsatz von Hilfsmitteln
Dabei gelten ähnliche Prinzipien wie bei der MS. Weitere Informationen hierzu finden Sie in unseren MS-Infoblättern.
Kinderwunsch und Schwangerschaft
Eine Familienplanung mit Kinderwunsch, Schwangerschaft und Stillzeit ist bei Vorliegen einer MOGAD grundsätzlich möglich. Da die wissenschaftlichen Daten zu Schwangerschaft und Stillzeit bei MOGAD bislang noch begrenzt sind, basiert die Einschätzung möglicher Risiken sowie der Sicherheit von Immuntherapien häufig auf Erfahrungen aus anderen Autoimmunerkrankungen, bei denen dieselben Medikamente eingesetzt werden.
Ob eine Immuntherapie bei Kinderwunsch, während der Schwangerschaft oder in der Stillzeit begonnen, fortgeführt, angepasst oder pausiert werden sollte, muss individuell entschieden werden. Dabei werden die potenziellen Vorteile und Risiken sorgfältig gegeneinander abgewogen und gemeinsam mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten besprochen.
Bei Kinderwunsch oder einer bestehenden Schwangerschaft ist eine interdisziplinäre Betreuung durch Neurologinnen bzw. Neurologen und Gynäkologinnen bzw. Gynäkologen besonders wichtig, um eine sichere und individuell abgestimmte Behandlung zu gewährleisten.
Da MOGAD-Schübe zu bleibenden neurologischen Einschränkungen führen können, ist eine frühzeitige Beratung in einem spezialisierten neurologischen Zentrum bereits bei bestehendem Kinderwunsch sinnvoll. So können Schwangerschaft, Stillzeit und die Behandlung der Erkrankung bestmöglich aufeinander abgestimmt und begleitet werden.
Ausblick / Forschung
Die Forschung zu MOGAD entwickelt sich derzeit sehr dynamisch. Zahlreiche nationale und internationale Studien – darunter auch Projekte, die von der Schweiz. MS-Gesellschaft unterstützt werden – tragen dazu bei, die Erkrankung besser zu verstehen und immer gezieltere Therapieansätze zu entwickeln.
Erste Studien zu spezifischen Immuntherapien für MOGAD laufen bereits, weitere befinden sich derzeit in Vorbereitung. Diese Fortschritte geben Anlass zur Hoffnung, dass Betroffenen künftig noch wirksamere und individuellere Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen werden.
Kontakt zu Betroffenen
Suchen Sie den Austausch mit anderen MOGAD-Betroffenen? Besuchen Sie die Website des NEMOS-Netzwerks.