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Tabus brechen

Benenne das, wofür Du dich schämst! Wir müssen darüber reden, damit es besser werden kann. Und es muss besser werden. Dir zuliebe, nicht für Dritte. Dazu braucht es Mut, viel Mut sogar, aber es ist unheimlich wichtig. Wenn immer mehr Menschen über Tabus sprechen, werden es irgendeinmal keine mehr sein. 

Machen wir einen Anfang. Nach meiner MS-Diagnose hatte ich psychische Probleme. Eine Therapie lehnte ich vehement ab, obwohl ich so dankbar gewesen wäre, über die neue Situation sprechen zu können - nicht in der Familie, sondern mit einer Fachperson. Aber zu einem Psychiater gehen? Nie im Leben! Das müssen nur andere, aber ich doch nicht.

Ich hatte grosse Angst davor, einfach abgestempelt und in eine Schublade gesteckt zu werden. Und ich schämte mich. Wofür und weshalb, das weiss ich bis heute nicht so genau. Man geht einfach nicht zum Psychiater, Punkt! Ende!  

Es ging mir schlechter und schlechter. Aber ich konnte und wollte mich der Tatsache, dass ich an MS erkrankt bin, nicht stellen. Wollte mich nicht damit auseinandersetzen. Bis es irgendeinmal zu viel wurde, psychischer Zusammenbruch. Jetzt musste sich etwas ändern, so konnte es nicht mehr weiter gehen.

Ich hatte unheimlich grosses Glück, den wirklich besten Psychiater zu finden. Eine grosse Last ist mir von den Schultern gefallen, endlich wieder Licht am Ende des Tunnels. Aber ich schämte mich weiterhin. So vergingen fast drei (!) Jahre, bis ich den Mut hatte, anderen zu sagen, ja, ich gehe zu einem Psychiater und ja, es geht mir um Welten besser. Es tut einfach gut! So, jetzt war es raus und was geschah? Genau: Nichts! 

Alle hatten Verständnis und waren froh, dass ich einen Menschen an meiner Seite gefunden habe, der mir guttat. Ich war mehr als acht Jahre bei ihm und habe noch heute Kontakt, obwohl er mittlerweile schon in Pension ging. 

Noch schlimmer, als zum Psychiater zu gehen? Inkontinent, und das im Alter von 22 Jahren! Das darf niemand wissen! Nicht einmal der Neurologe oder der Urologe. Was nicht gesagt wird, ist schlichtweg nicht da, existiert nicht. Wenn das meine Freunde wissen, dann wollen sie sicher nie wieder mit mir Kontakt haben. Es ist doch ekelhaft Windeln zu tragen, weil man ungewollt Urin verliert. Ich fühlte mich dreckig, habe manchmal mehrmals pro Tag geduscht.

Als ich mal wieder lange im Spital und in der Reha war, konnte ich es nicht mehr verstecken. Ich «outete» mich als «Windel-Pinklerin». Mit Hilfe von Medikamenten und Beckenboden-Training wurde es besser. Es verschwand nicht vollständig, aber es wurde besser. Je älter ich wurde, desto mehr traute ich mich, darüber zu reden, sowohl vor der Familie, als auch vor Freunden. Bis heute hat sich niemand über mich lustig gemacht oder den Kontakt abgebrochen - keiner von denen, die von meiner Inkontinenz wissen.  

Das mächtigste aller Tabus: Starke Suizidgedanken. Nein, die kann ich niemanden erzählen, weil sie mich sonst sofort in eine Psychiatrie einliefern (was wäre daran so falsch?!). Das - und dass es meine Eltern erfahren, waren meine grössten Ängste. Als es mit meinen Suizidgedanken angefangen hat, war ich sehr hilflos und vollkommen überfordert. Ich hätte nie gedacht, dass ich je einmal solche Gedanken haben werde. Die Diagnose MS hat meiner geschundenen Seele alles andere als gutgetan. Ich habe sogenannte «Freunde» verloren, weil sie mit meiner Diagnose nicht zu recht kamen. Meine Zukunftspläne wurden zerstört und ich verbrachte extrem viel Zeit im Spital und in der Reha. Alles wurde schwarz und ich schlitterte in eine tiefe Depression. Ich war extrem lebensmüde, konnte und wollte nicht mehr leben.

Diese Krisen kommen noch heute immer wieder auf. Aber mit Hilfe von meinem Psychiater habe ich gelernt, damit zu leben. Mal besser, mal weniger. Am Anfang ist es sehr befremdlich, jemandem offen und ehrlich zu sagen, dass man nicht mehr leben will. Und ich habe mich das extrem lange nicht getraut. Aber wenn man eine richtige Bezugsperson gefunden hat, ist es extrem entlastend, darüber zu sprechen. 

Das sind jetzt nur drei Beispiele über Tabus mit meiner MS, meine ganz eigenen Erfahrungen. Es gibt natürlich noch sehr viele mehr, aber die drei reichen, um aufzuzeigen, dass Tabus keine Tabus sein müssen.

Ich denke, wenn wir alle offener und toleranter werden, wird es sehr vielen Menschen besser gehen! Fangen wir damit an, jetzt, hier und heute und genau in diesem Moment!

Luana


Lattmann & Luana: ER war selfmade Himmelsstürmer und dirigierte als Aviatik-Manager eine Flotte von Business-Jets, ehe die MS ihm ein temporäres Grounding bescherte. SIE schlug als Jugendliche Belinda Bencic auf dem Tennis-Court, jetzt wehrt sie sich tagtäglich gegen den Versuch der MS, sie in die Knie zu zwingen. Oliver R. Lattmann (55) und Luana Montanaro (28) schreiben aus völlig unterschiedlichen Perspektiven über eine Sache: Ihre MS. Wie und wo sie im Alltag auf Verständnis und Solidarität treffen. Oder auch nicht. Und welche Hindernisse und Tabus ihnen rund um die unheilbare Krankheit MS in der Welt draussen (noch immer) begegnen. Lattmann & Luana sind #MiteinanderStark und unser Autoren-Team für den Welt MS Tag 2021.

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