Herausforderungen digitaler Hilfsmittel

Fachartikel

Digitale Hilfsmittel sind aus dem täglichen Leben kaum mehr wegzudenken. Eine spezielle Arbeitsgruppe der Schweiz. MS Gesellschaft befasst sich damit, wie solche Hilfsmittel zur Unterstützung von Menschen mit MS und ihren Betreuungspersonen optimal eingesetzt werden können. An einem Workshop während des MS State oft he Art Symposiums 2023 wurden entsprechende Möglichkeiten vorgestellt und diskutiert.

Als eine der Möglichkeiten zur Integration digitaler Hilfsmittel in die Betreuung von Menschen mit MS stellte Prof. Dr. Viktor von Wyl (Universität Zürich) das «Bliib dra!» Programm vor. Dieses durch das Rehazentrum Valens erarbeitete Programm hat zum Ziel, Menschen mit MS nach einer stationären Reha dabei zu unterstützen, nach der Rückkehr nach Hause weiterhin körperlich aktiv zu bleiben. Dazu wird auf freiwilliger Basis auch ein Aktivitätstracker zur Erfassung der täglichen Bewegung eingesetzt.

«Unsere Hypothese war, dass eine solche Fitnessuhr die Programmteilnehmenden dazu motiviert, ihre täglichen Aktivitätsziele auch zuhause weiter zu verfolgen», erklärte von Wyl. Die mit dem Tracker erhobenen Daten sollen dem therapeutischen Team zudem Hinweise darauf liefern, ob eine Intervention von ihrer Seite, z.B. eine Kontaktaufnahme via Email, notwendig ist.

Motivation ist entscheidend

Wie es sich zeigte, nutzten einige der Teilnehmenden den Tracker über längere Zeit und fanden ihn hilfreich, andere schieden aus verschiedenen Gründen schon früh aus dem Programm aus: weil sich ihr Gesundheitszustand verschlechterte, weil sie über falsche Messungen von Schritten und Trainingseinheiten frustriert waren oder sie die Ergebnisse des Trackings demotivierten. Einige mochten auch den Gedanken nicht, durch den Tracker «überwacht» zu werden. «Im Zentrum des Einsatzes digitaler Hilfsmittel steht die Motivation. Wir müssen den richtigen Weg finden, um Menschen mit MS für die Nutzung solcher Hilfsmittel zu begeistern, auch wenn unter Umständen kein unmittelbar positiver Effekt auf das Wohlbefinden spürbar ist. Trotzdem muss ihr Einsatz zur Normalität werden, damit sie vor allem längerfristig einen Nutzen haben», beschrieb Prof. von Wyl eine der zentralen Herausforderungen bei der Umsetzung solcher Programme.

«MS Selbstmanagement Buddy»

Prof. Dr. Myrta Kohler (Ostschweizer Fachhochschule und Kliniken Valens) gab anschliessend einen kurzen Einblick in ein Projekt, an dem sie aktuell zusammen mit einem multiprofessionellen Team (IPM & IPW Ostschweizer Fachhochschule, Kliniken Valens, rewoso) arbeitet. «Wir MS-Nurses haben oft das Problem, dass wir nicht wissen, wieviel von unseren Hilfestellungen während einer stationären Rehabilitation bei den MS Betroffenen hängen bleibt, wieviel davon sie auch zuhause weiter umsetzen können», erklärte sie. Daher will sie zusammen mit dem Team eine App entwickeln (Arbeitstitel: «MS Selbstmanagement Buddy»), die das Selbstmanagement von MS-Betroffenen aktiv unterstützt.

Darüber hinaus soll sich die App automatisch an die Bedürfnisse der Nutzer anpassen. Für die Inhalte der App hat das Team internationale Leitlinien und die aktuelle wissenschaftliche Literatur, aber auch Experten und insbesondere direkt betroffene Personen konsultiert. «Es war eine grosse Herausforderung zu definieren, welche Inhalte wirklich in die App gehören», schilderte sie. Aktuell steht die Entwicklung des rein technischen Teils der App an, danach sollen sie 40 Menschen mit MS testen können.

Digitale Lösungen fordern ein Umdenken

In der anschliessenden Diskussion wurden unter anderem angesprochen, dass nicht nur den MS-Betroffenen die nötige Motivation zur möglichst langfristigen Nutzung digitaler Hilfsmittel vermittelt werden muss, sondern auch den Therapeutinnen und Therapeuten. Diese müssen sich mit den Möglichkeiten der neuen, digitalen Lösungen auseinandersetzen, die möglicherweise von ihren bisher eingesetzten Therapiepfaden abweichen. Diese neuen Optionen gilt es dann in die tägliche Routine einzubauen, was in der Anfangsphase auch mit einem vermehrten zeitlichen Aufwand verbunden sein kann.

Ausserdem wurde diskutiert, dass die Nutzung von Apps heute zwar zum täglichen Leben gehört, dass diese aber praktisch nie eine Funktion enthalten, über die Dritte (wie die Therapeuten von MS-Betroffenen) beispielsweise sehen können, wie aktiv jemand tatsächlich ist. Ob und wie sich diese (nachvollziehbare) Hürde für den routinemässigen Einsatz digitaler Hilfsmittel überwinden lässt, wird die Zukunft zeigen.

«MS State of the Art Symposium»

Das «MS State of the Art Symposium» ist der bedeutendste Fachkongress zum Thema Multiple Sklerose in der Schweiz und wird von der Schweiz. MS-Gesellschaft und ihrem Medizinisch-wissenschaftlichen Beirat organisiert. Dieses Jahr fand das Symposium am 28. Januar 2023 im KKL Luzern statt.

» MS State of the Art Symposium 2023