Diagnose

Diagnose

Informieren Sie sich hier, mit welchen Untersuchungsarten und Kriterien eine MS diagnostiziert werden kann.

Einen «MS-Test» zur Diagnosestellung gibt es nicht. Zur Feststellung der Multiplen Sklerose müssen verschiedene Untersuchungen gemacht werden. Erfüllen die Ergebnisse anhand festgelegter Kriterien (McDonald-Kriterien 2010) die Anforderungen, steht die MS Diagnose oder ein Klinisch Isoliertes Syndrom (CIS=Vorstufe der MS) fest.

Die Untersuchungen dienen sowohl dem Ausschluss anderer Erkrankungen, die ähnliche Symptome wie die MS verursachen können, wie auch der Feststellung spezifischer MS Faktoren.

  • Anamnese

    Bei Verdacht auf eine Erkrankung des Nervensystems werden die Patienten fachärztlich (neurologisch) untersucht. Hierbei wird die Krankengeschichte aufgenommen und die Schilderungen von Angehörigen oder Drittpersonen gegebenenfalls mit einbezogen.

    Leider ist es nicht in jedem Fall möglich, länger zurückliegende Symptome als erste Krankheitszeichen einer MS zu definieren. Da mit der Diagnose eine Reihe von Veränderungen im Leben eines Betroffenen verbunden sind, ist die Diagnose äusserst sorgfältig zu stellen. Nur eindeutige, mindestens 24 Stunden anhaltende und nicht durch andere Erkrankungen erklärbare neurologische Symptome können rückwirkend in Einzelfällen als Erstsymptom gedeutet werden.

  • Neurologische Untersuchung

    Mittels neurologischer Untersuchungen überprüft der Arzt oder die Ärztin die Hirn- und Nervenfunktionen. Der Befund wird Neurostatus genannt. Die Untersuchung umfasst im Wesentlichen die Überprüfung folgender Aspekte:

    • Funktion der Augen
    • Funktion der Hirnnerven
    • Empfindung von Berührung, Temperatur und Schmerzen
    • Muskelkraft und Muskelspannung
    • Koordination der vegetativen Funktionen (Zusammenspiel der Nervenleitung für Harnblase, Mastdarm, Sexualorgane)

    Die Symptome werden standardisiert ermittelt und dokumentiert, so dass sie mit den Ergebnissen anderer behandelnder Fachärzte vergleichbar sind.

  • Magnetresonanz-Tomographie (MRI)

    Beim MRI (Magnetic Resonance Imaging) wird ein starkes Magnetfeld (keine Röntgenstrahlen) eingesetzt, um das zentrale Nervensystem bildlich darzustellen. Mit einem Kontrastmittel, das durch die Vene ins Blut verabreicht wird, können aktive Entzündungsherde in Gehirn und Rückenmark (Zentrales Nervensystem = ZNS) sichtbar gemacht werden. Verschiedene MRI Messmethoden geben Auskunft über das Alter der Läsionen (verletzte Stellen) und Gewebeverlust im ZNS. Das MRI ist nicht nur ein Mittel zur Diagnosestellung, sondern es dient auch zur Kontrolle des Krankheitsverlaufs, zur Standortbestimmung bei einem bevorstehenden Medikamentenwechsel und bei einem klinischen Verdacht auf einen MS-Schub.

  • Evozierte Potenziale

    Evozierte Potenziale sind elektrische Spannungsunterschiede, die nach einer durch Strom eingeleiteten Reizung bestimmter Nervenleitbahnen aufgezeichnet werden. Man unterscheidet folgende Potenziale:

    • Visuell evozierte Potenziale (VEP): durch Reizung des Sehsystems
    • Sensibel evozierte Potenziale (SEP): durch Reizung der Haut
    • Motorisch evozierte Potenziale (MEP): durch Reizung von Kopf, Hand- und Fussmuskeln

    Da die genannten Sinnessysteme nach einer Reizung die Signale über Nervenfasern weiterleiten, kann dann durch die Messung der jeweiligen Nervenleitgeschwindigkeiten auf die Funktionstüchtigkeit der Nervenbahnen im Rückenmark sowie des Sehnervs zurückgeschlossen werden. Bei der MS kann diese Leitgeschwindigkeit durch die teilweise oder gänzliche Zerstörung der Myelinschicht verzögert oder ganz unterbrochen sein.

  • Lumbalpunktion

    Bei einer Lumbalpunktion (LP) wird aus dem Rückenmarkskanal etwas Nervenwasser (Liquor) entnommen. Sind im Liquor bestimmte Eiweissmuster, v.a. sogenannte oligoklonale Banden (OKB), vorhanden, deutet das auf entzündliche Prozesse im zentralen Nervensystem hin. Die Lumbalpunktion hilft auch, andere Erkrankungen, z.B. die Borreliose (verursacht durch einen Zeckenbiss), auszuschliessen.

Die sogenannten McDonald-Kriterien erlauben die standardisierte Diagnosestellung einer MS. Erst wenn diese Kriterien erfüllt sind und auch andere Krankheiten als Ursache ausgeschlossen werden können, ist die Diagnose einer MS angezeigt.

Die McDonald-Kriterien werden in der klinischen Praxis verwendet. Sie ermöglichen dem Arzt oder der Ärztin, die Diagnose MS mithilfe der Magnetresonanzuntersuchungen frühzeitig - nach einem ersten Schub - zu sichern. MS-Therapien können somit schon sehr früh eingesetzt werden, was den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen kann.

Die McDonald-Kriterien sind bereits mehrere Jahre praktisch erprobt und mehrmalig angepasst. Nachfolgend eine Zusammenstellung der Kriterien, wie sie heute Gültigkeit haben.

Diagnostische Kriterien nach McDonald

EDSS-Score

Die weltweit am weitesten verbreitete Skala zur Beschreibung der Beeinträchtigung durch die MS ist die Kurtzke-Skala, auch EDSS genannt. EDSS steht für Expanded Disability Status Score. Die Skala erstreckt sich von 0 bis 10 und beinhaltet detaillierte Angaben über den Behinderungsgrad.

Mit dem EDSS bewertet der Arzt oder die Ärztin immer wieder neu, welche Einschränkungen aufgrund der MS vorliegen. Somit kann der Verlauf der Krankheit nach international einheitlichen Kriterien beschrieben werden.

In den letzten Jahren wurde viel an der besseren Standardisierung des EDSS gearbeitet, insbesondere für den Gebrauch in Therapiestudien.

Anhand einer standardisierten neurologischen Untersuchung und Dokumentation werden acht Funktionssysteme bewertet:

  • Visuelles Funktionssystem (u.a. Sehschärfe)
  • Hirnstamm-Funktionssystem (u.a. Doppelbilder, Sensibilität im Gesicht)
  • Pyramidales Funktionssystem (u.a. Muskelkraft der Arme und Beine)
  • Kleinhirn-Funktionssystem (u.a. Finger-Nase-Versuch)
  • Sensibles Funktionssystem (u.a. Prüfung der Temperaturempfindlichkeit)
  • Harnblasen- und Mastdarm-Funktionssystem (u.a. Frage nach Inkontinenz)
  • Cerebrales Funktionssystem (u.a. Frage nach Konzentrationsstörungen)
  • Gehstrecke (Nutzung von Gehhilfen), mindestens 500m sollten ambulant getestet werden.

In Fachkreisen werden derzeit Skalen entwickelt, welche weitere funktionelle Beeinträchtigungen – etwa kognitive Einschränkungen – noch besser berücksichtigen sollen. Keine dieser neuen Skalen konnte bislang aber den EDSS ersetzen.

EDSS-Skala

Einteilung der neurologischen Defizite bei MS anhand der EDSS Skala nach Punktwert 0 bis 10

 0,0

normaler neurologischer Untersuchungsbefund

1,0

keine Behinderung, geringfügige Störung in einem funktionellen System

1,5

keine Behinderung, geringfügige Störung in mehr als einem funktionellen System

2,0

leichte Behinderung in einem funktionellen System

2,5

leichte Behinderung in mehr als einem funktionellen System

3,0

mässige Behinderung in einem funktionellen System, oder leichte Behinderung in drei oder vier funktionellen Systemen, aber volle Gehfähigkeit

3,5

mässige Behinderung in zwei funktionellen Systemen, und leichte Behinderung in einem oder zwei funktionellen Systemen, aber volle Gehfähigkeit

4,0

gehfähig ohne Hilfe und Ruhepause für mindestens 500 Meter, am Tag während 12 Stunden aktiv trotz relativ schwerer Behinderung

4,5

gehfähig ohne Hilfe und Ruhepause für mindestens 300 Meter, ganztägig arbeitsfähig, aber mit gewissen Einschränkungen wegen relativ schwerer Behinderung

5,0

gehfähig ohne Hilfe und Ruhepause für mindestens 200 Meter, Behinderung schwer genug, um tägliche Aktivität zu beeinträchtigen

5,5

gehfähig ohne Hilfe und Ruhepause für mindestens 100 Meter, Behinderung schwer genug, um tägliche Aktivität zu verhindern

6,0

mit einseitiger oder zeitweiliger Unterstützung ohne Ruhe-pause gehfähig für etwa 100 Meter

6,5

mit dauernder, beidseitiger Unterstützung ohne Ruhepause gehfähig für etwa 20 Meter

7,0

unfähig, auch mit Unterstützung, mehr als 5 Meter zu gehen; weitgehend an den Rollstuhl gebunden, der ohne Hilfe benutzt werden kann

7,5

unfähig, mehr als ein paar Schritte zu gehen; an den Rollstuhl gebunden, der mit Hilfe benutzt wird

8,0

weitgehend an Bett oder Rollstuhl gebunden, pflegt sich weitgehend selbstständig mit meist gutem Gebrauch der Arme

8,5

auch während des Tages weitgehend ans Bett gebunden, teilweise selbstständige Pflege mit teilweise nützlichem Gebrauch der Arme

9,0

Bettlägerigkeit , aber Nahrungsaufnahme und Verständigungsvermögen erhalten

9,5

Völlige Hilflosigkeit mit gestörter Nahrungsaufnahme und Verständigung

10

Tod durch MS