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Woher kommt die Erschöpfung bei MS?

Fatigue ist eines der häufigsten und schwerwiegendsten Symptome der Multiplen Sklerose. Sie kann plötzlich auftreten und einfachste Alltagstätigkeiten unmöglich machen.

Sind Sie müde, schläfrig, antriebslos? Fühlen sich Ihre Muskeln träge und schwer an? Fallen Ihnen schon einfache Aufgaben schwer, selbst wenn Sie genug geschlafen haben? Brauchen Sie länger, um Aussagen zu verstehen oder etwas zu sagen? All das sind Beispiele für Erscheinungsformen der Fatigue (Erschöpfung), dem Symptom der MS, über das die meisten Patienten klagen und das sie am stärksten einschränkt.

Die Hauptursache für die Fatigue bei MS ist nicht vollständig geklärt. Die Forschung auf diesem Gebiet wird dadurch erschwert, dass die Fatigue vielfältige Hintergründe haben und sich auf unterschiedliche Weise äussern kann. Es sind jedoch mehrere Ursprünge von MS-bedingter Fatigue bekannt, bei denen man ansetzen kann, um neue Therapien dagegen zu entwickeln.

Fatigue infolge von Gehirn- und Rückenmarksschäden

Bei MS greift das Immunsystem das Myelin an, das eine Isolationsschicht um die Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark bildet. Die dabei entstehenden Schäden wirken sich umfassend auf die Fähigkeit des Nervensystems aus, die vielfältigen Funktionen des Körpers zu steuern – vom Denk- und Erinnerungsvermögen bis hin zur Bewegungssteuerung.

Als primäre Fatigue bezeichnet man den Erschöpfungszustand, der unmittelbar durch die Zerstörung von Myelin und die anderen direkten Folgen der Angriffe des Immunsystems hervorgerufen wird. Primäre Fatigue kann folgende Ursachen haben:

Schädigung einer Gehirnregion, die an der Regulation von Müdigkeit beteiligt ist: Schäden an der Hirnanhangdrüse können die Freisetzung bestimmter Hormone blockieren oder verändern, die das Müdigkeitsgefühl steuern.

Hyperaktivität des Immunsystems: Die Autoimmunreaktion geht mit hoher Ausschüttung von Zytokinen einher. Diese Botenstoffe werden bei Virusinfektionen und MS-Schüben freigesetzt und führen zu Müdigkeit.

Erhöhter Energiebedarf durch Reparatur von geschädigtem Gewebe: Das Gehirn ist kein starres Gefüge. Hirnregionen, die für eine bestimmte Aufgabe zuständig sind, können auch die Funktion einer anderen Region übernehmen, indem sie neue Nervenverbindungen ausbilden. Diese «Neuverdrahtung» ist ein sehr aufwändiger Prozess. Schätzungen zufolge ist das Gehirn für 20 Prozent des Energieverbrauchs des Körpers verantwortlich. Die Reparatur geschädigter Gehirnregionen verschlingt besonders viel Energie. Dieser Energieaufwand führt zum allgemeinen Erschöpfungsgefühl.

Fatigue infolge der MS-Symptome

Sekundäre Fatigue ist eine indirekte Folge des Lebens mit MS. Das beste Beispiel ist die Müdigkeit infolge des Schlafmangels, der seinerseits mit verschiedenen MS-Symptomen zusammenhängen kann, von Muskelzuckungen und Restless-Legs-Syndrom über Blasenfunktionsstörungen und Stress bis hin zu MS-assoziierter Depression. Auch Medikamente zur Behandlung der MS können sekundäre Fatigue hervorrufen.

Was tun bei Fatigue?

Betroffene Patienten sollten die Symptome ausführlich mit ihren Ärzten besprechen, um herauszufinden, ob ihre Müdigkeit MS-spezifisch oder durch eine andere Erkrankung oder Störung bedingt ist. In manchen Fällen wird der Arzt ein Medikament verschreiben, in anderen können Umstellungen bestimmter Lebensgewohnheiten helfen, Hürden im Alltag zu überwinden.

Text: Dr. Lutz Achtnichts, Oberarzt Neurologie am Kantonsspital Aarau und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Schweiz. MS-Gesellschaft
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