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«MSVirtual2020» - Personalisierte Medizin rückt einen Schritt näher

Biomarker im Blut geben Aufschluss über die Krankheitsentwicklung bei MS-Betroffenen und ermöglichen dadurch eine besser angepasste Therapie. Dies zeigt eine Studie, die von Dr. Özgür Yaldizli am Universitätsspital Basel geleitet wurde.

Vorgestellt wurden diese Ergebnisse auf der «MSVirtual2020». Das gemeinsame Treffen von ECTRIMS - und ACTRIMS-Neurologen fand aufgrund von Covid-19 erstmals online vom 11. bis 13. September 2020 unter dem Namen «MSVirtual2020» statt.

Die Studie ist aus der Schweizer MS Kohorte (SMSC) entstanden. Die SMSC ist ein von der Schweiz. MS-Gesellschaft unterstütztes Projekt der grossen Schweizer MS-Kliniken, das Therapie- und Krankheitsverlauf von inzwischen über 1‘400 MS-Betroffenen dokumentiert. Dabei werden klinische Daten wie Schübe und Grad der Behinderung mit MRI-Daten (Magnetresonanztomographie) verglichen. Der wichtigste Teil der SMSC ist aber, dass Proben von Blut und Nervenwasser gesammelt werden, um neue und bessere Biomarker entwickeln zu können (Biomarker sind Messgrössen, die bestimmte Aspekte einer Krankheit quantifizieren können) Dadurch kann der Verlauf der MS besser vorausgesagt und das Ansprechen auf eine Therapie genauer bestimmt werden, als das mit der klinischen Beobachtung allein möglich wäre.

«Neurofilamente» sind aussagekräftige Biomarker

Der bis anhin am weitesten entwickelte Biomarker ist die leichte Kette der Neurofilamente (englisch: «neurofilament light chain»). Neurofilamente sind Eiweisse, die das Skelett einer Nervenzelle bilden. Wenn Nervenzellen im Gehirn oder Rückenmark zerstört werden, gelangen diese Eiweisse ins Nervenwasser und von dort ins Blut, wo man deren Konzentration messen kann. Bei MS-Schüben steigt so die Konzentration der Neurofilamente im Blut an.

Die Studie von Dr. Yaldizli ging der Frage nach, ob MS-Betroffene mit erhöhter Neurofilament-Konzentration im Verlauf mehr Krankheitsaktivität entwickeln als MS-Betroffene mit niedriger Konzentration. Das am Universitätsspital Basel von Prof. Kuhle entwickelte Messverfahren ist das erste seiner Art, das aufgrund von Bestimmungen in Blutproben solche Aussagen erlaubt. An dieser Studie haben insgesamt 1‘366 MS-Betroffene aus 7 verschiedenen Kliniken (Basel, Aarau, Bern, Lausanne, Genf, Lugano, St. Gallen) über eine Beobachtungsdauer von im Mittel 5 Jahren teilgenommen.

Hohe Konzentration an Neurofilamenten = starke Krankheitsaktivität

Um den Effekt der MS auf die Neurofilamente zu untersuchen, musste das Forscherteam die Neurofilament-Konzentration der MS-Betroffenen mit gesunden Kontrollpersonen gleichen Alters vergleichen, da ein gewisser Anstieg der Werte im Alter normal ist. So war es möglich, mit Hilfe der Werte von über 8‘000 gesunden Kontrollpersonen festzustellen, ob bei MS-Betroffenen eines bestimmten Alters die Messwerte erhöht sind. Das Resultat der Studie war, dass die Neurofilament-Konzentration im Blut deutlich erhöht ist, wenn die MS-Betroffenen in den 4 Monaten vor der Blutentnahme einen Schub erlitten hatten oder ein rascheres Fortschreiten der chronischen Behinderung erfahren haben.

Interessanterweise hatten MS-Betroffene unter einer laufenden MS-Therapie niedrigere Neurofilament-Konzentrationen als MS-Betroffene ohne Therapie. Auch die Art der MS-Therapie war wichtig: Je stärker das MS-Medikament war, desto niedriger war die Neurofilament-Konzentration. Gleichzeitig hing die Neurofilament-Konzentration auch von der Krankheitsaktivität im MRI ab: Je mehr MS Läsionen die MS-Betroffenen im MRI des Gehirns hatten und je mehr Läsionen Kontrastmittel aufnahmen, desto höher war die Neurofilament-Konzentration.

Qualifizierte Aussagen über die zukünftige Krankheitsaktivität

Im zweiten Teil der Studie untersuchte das Forscherteam, ob ein einzelner Neurofilament-Wert im Blut von MS-Betroffenen eine Krankheitsaktivität in der Zukunft voraussagen kann. Diese Frage ist wichtig, weil der Arzt dadurch Hinweise erhält, welches Medikament für welchen Patienten am besten geeignet ist. Umgekehrt kann man bei anhaltend hohen Werten unter einer Behandlung frühzeitig erkennen, ob ein Patient ungenügend auf eine Therapie anspricht. Bisher steht dafür im Alltag nur das MRI zur Verfügung. Das MRI kann aber das Risiko für einen erneuten Schub in der Zukunft für einen einzelnen Patienten nicht ausreichend genau voraussagen.

Für diesen Teil der Studie wurden insgesamt 1‘062 Patienten mit einer schubförmigen MS ausgewählt. Das Hauptresultat war, dass eine erhöhte Neurofilament-Konzentration im Blut Schübe oder ein Fortschreiten der Behinderung in den darauffolgenden 12 Monaten voraussagen kann, und zwar unabhängig davon, ob neue Krankheitsaktivität im MRI nachgewiesen werden konnte oder nicht. Dies bedeutet, dass Neurofilament-Bestimmungen helfen, PatientInnen mit einem erhöhten Risiko für Krankheitsaktivität in den nächsten 12 Monaten zu identifizieren, auch wenn das MRI keine neuen oder sich vergrössernde MS-Läsionen anzeigt. Neurofilamente liefern also eine neue und genaue Zusatzinformation zum MRI.

Viel Entwicklungsarbeit wird noch zu leisten sein, um das Verfahren in der klinischen Routinediagnostik zu etablieren, aber das Forscherteam ist optimistisch, dass Neurofilament-Bestimmungen im Blut in nächster Zukunft helfen werden, die Therapie besser auf den einzelnen MS-Betroffenen abzustimmen, um so bestmögliche Behandlungsergebnisse zu erreichen.

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