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Medikamente - Fluch und Segen zugleich

30 verschiedene Medikamente, 47 Tabletten am Tag, dazu jede zweite Woche Infusionen auf der Onkologie und eine spezielle Spritze (um Gewicht zu verlieren), welche ich mir jede Woche machen muss. Das ist mein «Programm».

Ja, ich muss leider sagen, dass ich abhängig bin von Tabletten. Nicht, dass ich das wollte. Besonders auffällig ist es bei den Opiaten. Wenn ich weg gehe und ich sie vergessen habe (was zum Glück nicht oft geschieht), werde ich extrem unruhig und merke, wie mein Körper stark reagiert. Es macht mir sehr zu schaffen, dass ich so viele Medikamente einnehmen muss. Kaum zu glauben, aber früher waren es noch mehr....

Alles begann kurz nach meiner Diagnose im 2010. Erste Medikamente gegen Spastik, Schmerzen, zur Beruhigung und für besseren Schlaf haben mir kurzzeitig geholfen. Später bekam ich welche für meine Blase, noch stärkere Opiate, noch mehr gegen die Spastik und Infusionen.

Es entstand ein Teufelskreis, aus dem ich bis heute nicht rauskomme. Einige Medikamente muss ich nehmen, wegen Nebenwirkungen von anderen Tabletten. Mit Hilfe meines wunderbaren Neurologen konnte ich die Anzahl Tabletten etwas reduzieren. Ich wäre froh, wenn es immer weniger werden könnten, aber gleichzeitig habe ich grosse Angst vor den Entzugserscheinungen. Wahrscheinlich müsste ich es in einem begleiteten, stationären Setting machen. Doch zu diesem Schritt konnte ich mich bisher nicht überwinden. 

Auch wenn ich so viele Medikamente nehme und mich das belastet, bin ich trotzdem sehr dankbar, dass es sie gibt und ich Zugriff darauf habe. So hat mir zum Beispiel die implantierte Spastik-Pumpe extrem viel Lebensqualität zurückgebracht. Die Schmerzen sind nicht zu 100% weg, aber ohne die Opiate wäre es unerträglich.

Ich kenne meine Medikamente auswendig, erkenne sie auch ohne Verpackung und richte sie schon lange selbständig her. Ich finde es extrem wichtig, dass ich meine Tabletten und deren Dosis kenne, da vor allem bei Spitalaufenthalten die richtige Abgabe wichtig ist.

Für die meisten Medikamente habe ich ein Dauerrezept vom Arzt, das bedeutet, dass ich die Tabletten bei Bedarf in der Apotheke beziehen kann. Bei den Betäubungsmitteln und den Psychopharmaka habe ich die Abmachung mit dem Arzt, dass er sie mir immer für 14 Tage mitgibt. Das war meine Idee, weil so gewährleistet ist, dass ich nicht überdosiert werden kann. Auch wenn ich starke Schmerzen habe, kann ich die Tagesdosis nicht erhöhen, weil sie nur genau für 14 Tage abgezählt sind. 

Ich weiss, dass ich mich glücklich schätzen kann, Zugriff auf diese Tabletten zu haben. Ganz viele Menschen bräuchten wirklich dringend Medikamente, haben aber zu wenig Geld, um sie zu bekommen. Deshalb bin ich demütig und extrem dankbar.

Dass Medikamente aber auch neue Probleme schaffen können, muss ich zwangsläufig hinnehmen. Die starken Mittel machen mich - zusätzlich zur starken Fatigue - extrem müde. Ich muss mich am Nachmittag immer mindestens für ein bis zwei Stunden hinlegen und schlafen, anders schaffe ich den Alltag nicht. 

Durch verschiedene Medikamente habe ich extrem zugenommen, das belastet mich sehr. Vor der Erkrankung war mein Körper sportlich und schlank. Heute bin ich stark übergewichtig. Auch wenn ich schon lange auf meine Ernährung achte, war es praktisch unmöglich nicht zuzunehmen. Ärzte sagen mir oft, dass einige Medikamente diese Nebenwirkung haben. 

Man kann es drehen und wenden, wie man will, Medikamente sind Fluch und Segen zugleich. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es sich anfühlt, ohne Medikamente zu sein – und das macht mich sehr traurig…

Luana


Lattmann & Luana: ER war selfmade Himmelsstürmer und dirigierte als Aviatik-Manager eine Flotte von Business-Jets, ehe die MS ihm ein temporäres Grounding bescherte. SIE schlug als Jugendliche Belinda Bencic auf dem Tennis-Court, jetzt wehrt sie sich tagtäglich gegen den Versuch der MS, sie in die Knie zu zwingen. Oliver R. Lattmann (55) und Luana Montanaro (28) schreiben aus völlig unterschiedlichen Perspektiven über eine Sache: Ihre MS. Wie und wo sie im Alltag auf Verständnis und Solidarität treffen. Oder auch nicht. Und welche Hindernisse und Tabus ihnen rund um die unheilbare Krankheit MS in der Welt draussen (noch immer) begegnen. Lattmann & Luana sind #MiteinanderStark und unser Autoren-Team für den Welt MS Tag 2021.

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