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Liebe MS

Wir kennen uns jetzt schon über zehn Jahre. Du bist einfach in mein Leben gekommen, ich hatte nie die Wahl, «Nein» zu sagen. Bist du eine Prüfung von Gott, ist es mein Schicksal oder schlichtweg einfach das Leben? Ich weiss es nicht wirklich...

Erinnerst du dich noch? Am Montag, 1. November 2010, wurde mir gesagt, dass du jetzt bis an mein Lebensende an meiner Seite stehst. Ich wusste zwar ein paar Dinge von dir, aber als der Arzt mich informiert hat, bin ich trotzdem in eine Krise geschlittert. Ganz ehrlich: Ich hatte keine Ahnung, wie ich mit dir umgehen soll. 

Phase 1: Kampf

In den ersten Monaten und Jahren war ich mit dir auf Kriegsfuss. Ich war sehr viele Jahre immer im Spital und in der Reha. Jedes Jahr, ohne Pause. Du warst so wütend und böse, dass das Kortison keine Wirkung mehr zeigte. Extrem viele Plasmapheresen (Blutwäschen) waren die Folgen. Es war ein Machtkampf. MS gegen LU! Ich konnte und wollte einfach nicht akzeptieren, dass du jetzt immer bei mir bist. Ich kämpfte mich immer wieder ins Leben zurück. Nein, ich wollte dich auf keinen Fall gewinnen lassen. 

Phase 2: Resignation

Dann kam dieses verflixte 2013. Liebe MS, warum hast du mich damals so fest gehasst? Ich war im ganzen Jahr nur 5 Tage (!) zu Hause - sonst immer im Spital und in der Reha. Meine Lähmungserscheinungen bildeten sich nach so vielen Schüben nicht mehr zurück. Von nun an war ich im Rollstuhl, fühlte mich behindert, wertlos. Als auch dann noch die Sehkraft im linken Auge fast ganz verloren ging, habe ich resigniert.

Du hast mir alles genommen:

«Freunde». Heute weiss ich, dass es keine Freunde waren, aber damals war es für mich ein Weltuntergang, als sie sich einfach von mir abgewendet und sich nie wieder gemeldet haben.

Du hast mir die Liebe (und ich denke, es war die meines Lebens) einfach gestohlen.

Du hast mir den Abschluss der FMS, die Fachmatur und den der Hochschule genommen.

Du hast mir meine Mobilität genommen, kein Fussball und kein Tennis mehr. Für mich unbeschreiblich schlimm.

Du hast es geschafft, dass ich inkontinent bin und Windeln brauche, wenn ich weg gehen möchte.

Du hast all meine Ziele und Träume gestohlen. Sogar die Sommerferien mit Freunden in Italien.

Das hat mir den Rest gegeben. Totale Resignation. Es war mir alles egal, ich war extrem lebensmüde und wollte nur noch sterben, weil alles so sinnlos erschien. Ich landete in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie. 2013 – meine absolut bitterste Zeit mit der MS.

Phase 3: Akzeptanz

«Beherzt ist nicht, wer keine Angst kennt, beherzt ist, wer die Angst kennt und sie überwindet». Kann man eine Krankheit, je älter man wird, irgendwann einmal akzeptieren? Heute bin ich soweit und kann sagen: Ja, an manchen Tagen gelingt es mir, die Krankheit mit allen Behinderungen anzunehmen und das Beste daraus zu machen.

Aber ehrlich gesagt: Es geht nicht immer. Es gibt gute und es gibt weniger gute Tage. Trotzdem habe ich gelernt, mit meinen Einschränkungen zu leben. Es ist wie es ist, ich kann es nicht ändern. Kein Kampf mehr, einfach ein Leben führen mit dir im Hintergrund.

Du hast mir vieles genommen, aber du hast mir auch sehr vieles gegeben. Ich habe Menschen kennengelernt, welche ich ohne dich wahrscheinlich nie getroffen hätte. Und ich darf an vielen Projekten teilnehmen, die es ohne dich so wohl nie gegeben hätte. 

Es tut sehr weh, so viele Dinge nicht mehr machen zu können. Aber weisst du: Ich habe eine tolle Familie und tolle Freunde, ich habe den FC Thun, habe immer ein warmes Zuhause, ein Dach über dem Kopf, immer Zugriff auf Nahrungsmittel. Und, ich darf in einem sicheren Land leben, in dem das Gesundheitswesen sehr gut ist und ich viele Therapien machen kann.

So gesehen geht es mir gut, auch wenn du immer wieder versuchst, mein Leben ins Negative zu verändern. 

Ich bin einfach unbeschreiblich dankbar, für all das, was ich habe. Ich will demütig sein und versuchen, das Leben mit dir, liebe MS, trotzdem wertvoll zu gestalten.

Luana


Lattmann & Luana: ER war selfmade Himmelsstürmer und dirigierte als Aviatik-Manager eine Flotte von Business-Jets, ehe die MS ihm ein temporäres Grounding bescherte. SIE schlug als Jugendliche Belinda Bencic auf dem Tennis-Court, jetzt wehrt sie sich tagtäglich gegen den Versuch der MS, sie in die Knie zu zwingen. Oliver R. Lattmann (55) und Luana Montanaro (28) schreiben aus völlig unterschiedlichen Perspektiven über eine Sache: Ihre MS. Wie und wo sie im Alltag auf Verständnis und Solidarität treffen. Oder auch nicht. Und welche Hindernisse und Tabus ihnen rund um die unheilbare Krankheit MS in der Welt draussen (noch immer) begegnen. Lattmann & Luana sind #MiteinanderStark und unser Autoren-Team für den Welt MS Tag 2021.

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