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La vita è bella - trotz MS!

Zugegeben, es ist oft schwierig, das Positive im Leben zu sehen, wenn man immer mehr die Kontrolle über seinen eigenen Körper verliert und man viele Träume, Wünsche und Ziele aufgeben muss.

So gerne wäre ich in einer Beziehung, aber ich kann es verstehen, wenn sich das niemand antun will - auch wenn mich das sehr traurig macht. Doch: La vita è bella- trotz MS, oder vielleicht sogar wegen der MS? 

Ich bin überzeugt, dass mein italienisches Blut dafür verantwortlich ist, dass ich trotz allem positiv und auch glücklich durchs Leben «rollen» darf. 

Am Morgen durch die Strahlen der Sonne, das Singen der Vögel und durch einen feuchten Schmatz meines geliebten Hundes Sky zu erwachen, ist so schön. Ich bin dankbar für jeden Tag, den ich so beginnen darf. Die Aussicht auf eine innige Umarmung von Vivienne (meiner 14 Jahre jüngeren Schwester) am Mittag, weckt grosse Vorfreude. Bei einem gemeinsamen Mittagessen mit Mami und Vivi tauschen wir uns aus. Ich bin unbeschreiblich stolz auf meine kleine Schwester, sie hat in ihren jungen Jahren schon sehr viel durchmachen müssen. Vor kurzen haben wir erfahren, dass sie aufgrund ihrer sehr guten schulischen Leistungen ohne Prüfung in die FMS (Fachmittelschule) kommt. Sie folgt mir nach. Ich kam im selben Alter in die FMS. 

Meine regelmässigen Therapien sind zwar extrem anstrengend, aber geben meinem Alltag etwas Struktur. Ich bin extrem dankbar, dass ich überhaupt die Möglichkeit habe, solche Therapien beanspruchen zu dürfen. Wenn ich in unserem Haus in Süditalien leben würde, dann hätte ich vermutlich keine Möglichkeit solche Therapien absolvieren zu können. Obwohl es mit dem Auto nur ca. 1000km von Thun entfernt ist.

Dort hätte ich auch keine Chance, auf eine gute MS-Therapie oder eine Reha. Entweder man hat Geld und kann es sich leisten, oder man ist auf sich alleine gestellt. Hier in der Schweiz habe ich 365 Tage und 24 Stunden die Möglichkeit, ärztliche Hilfe zu bekommen und Medikamente zu beziehen.

Deshalb bin ich sehr dankbar für diese Möglichkeiten. Natürlich sind ständige Untersuchungen, Spitalaufenthalte und über 30 Medikamente pro Tag nicht toll, aber ich habe wenigstens die Chance, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das macht mich unbeschreiblich dankbar.

In unserem Haus in Süditalien (eine Stunde von Neapel und 30 Minuten von Caserta entfernt), kann man nicht einmal das Leitungswasser aus dem Hahn trinken. In der Küche wird mit Gas gekocht, ausser man erhitzt die beiden Herdplatten. Blöd nur, wenn man beide benutzt, steigt im Bad der Boiler aus, welcher dafür sorgen sollte, dass wir warm duschen können.

Sie sehen, man fährt nur ungefähr 1000 Kilometer - und die Welt ist eine total andere.

Jeder Aufenthalt in unserem Dorf Pietramelara zeigt mir auf, wie verwöhnt wir in der Schweiz sind. Ja, ich habe eine starke Form der MS und ja, ich bin seither stark behindert und musste meine Träume aufgeben. Aber wissen Sie was? Ich habe wenigstens das Glück, dass ich in der Schweiz krank bin. Das tönt auf den ersten Blick sehr, sehr ungewohnt, befremdlich und vielleicht auch etwas abstrakt. Aber sehen Sie, ich müsste nur 1000 Kilometer südlich leben und hätte praktisch nichts, wäre mit der jetzigen Situation in Pietramelara komplett verloren.  

Schon vor meiner MS-Erkrankung war ich ein Mensch, der nichts als selbstverständlich genommen hat. Ich wurde so erzogen, dass ich alles schätzen soll, was ich haben darf. Respekt haben und Respekt zeigen, vor jedem Menschen. Was natürlich auch Behinderte einschliesst. Jeder Mensch ist auf seine eigene Art und Weise gut, so wie er ist. 

Ich sage immer: «Jedes schlächtä het öppis guets, o wes numä ganz chli isch». So auch die MS. Verschliessen sich Türen, gehen irgendwo wieder welche auf. Und wenn die MS mal wieder bockig ist, denke ich mir immer: «Di wird mitem glichä chopf wider z’fridä».

Luana


Lattmann & Luana: ER war selfmade Himmelsstürmer und dirigierte als Aviatik-Manager eine Flotte von Business-Jets, ehe die MS ihm ein temporäres Grounding bescherte. SIE schlug als Jugendliche Belinda Bencic auf dem Tennis-Court, jetzt wehrt sie sich tagtäglich gegen den Versuch der MS, sie in die Knie zu zwingen. Oliver R. Lattmann (55) und Luana Montanaro (28) schreiben aus völlig unterschiedlichen Perspektiven über eine Sache: Ihre MS. Wie und wo sie im Alltag auf Verständnis und Solidarität treffen. Oder auch nicht. Und welche Hindernisse und Tabus ihnen rund um die unheilbare Krankheit MS in der Welt draussen (noch immer) begegnen. Lattmann & Luana sind #MiteinanderStark und unser Autoren-Team für den Welt MS Tag 2021.

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