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Gefangen im eigenen Körper

Ich erwache, will mich bewegen, aber es geht nicht. «Wo sind meine Beine?» Völlig verängstigt hebe ich die Decke. «Puuuh, noch alles da». Die Augen sehen Beine. Aber ich spüre sie nicht. Es fühlt sich an, als wäre unterhalb des Bauchnabels nichts mehr. Nur Leere.

Ich möchte aus dem Bett, brauche dazu aber Hilfe. Ich will jemanden rufen, doch auch das geht nicht. «Warum kann ich nicht mehr sprechen?» Ich liege in meinem Bett, kann mich nicht bewegen und fühle mich hilflos - ich bin gefangen in meinem eigenen Körper! 

Immer wieder bin ich in dieser Situation, in der ich mich so hilflos fühle. Nichts geht mehr, der Körper streikt. Ich habe Angst! Dann meldet sich der Kopf und das endlose Kreisen der Gedanken beginnt... Düstere, sehr düstere Gedanken kommen auf. 

Ortswechsel: Ich bin mit meinen Freunden unterwegs. Wir trinken gemütlich einen Kaffee, gehen in ein Restaurant essen und freuen uns auf den Kinobesuch. Meine Freunde wissen Bescheid, die MS ist kein Tabu. Fragen stellen, Ängste los werden oder Anregungen machen sind immer erlaubt.

Während sie gemeinsam fröhlich quatschen und lachen, kämpfe ich mit meinem Körper einen unsichtbaren Kampf. Die Spastik, sie wird stärker und stärker. Ich nehme meine Medikamente und bin froh, wenn auch die Baclofen-Schmerzmittelpumpe ihren Teil dazu beiträgt. 

Wir freuen uns alle aufs Essen, mich inklusive, weil ich grossen Appetit habe. Halt, stopp. In Ruhe essen? Heute nur ein Wunsch. Die Finger, … ich habe keine Gefühle mehr und die Kraft lässt auch zu wünschen übrig, ich habe keine Kontrolle über meine Hände. Ich bitte meine Freunde darum, mein Essen in kleine Stücke zu schneiden. In der Zwischenzeit hole ich mein Spezial-Besteck hervor - es ist sehr leicht und hat grössere Griffe zum Halten.

Meinen Freunden sind solche Situationen nicht mehr fremd, sie bleiben ruhig und wissen, wie sie mir am besten helfen können. Diese Solidarität ist unbeschreiblich schön. Es ist ihnen egal, wenn uns fremde Menschen komische Blicke zuwerfen. Aber sobald mich jemand verbal angreift, verstehen sie absolut keinen Spass. Sie stehen hinter mir und setzen sich für mich ein. 

Wie es sich anfühlt, fremd zu sein im eigenen Körper, keine Kontrolle zu haben? Schlimm, sehr schlimm sogar. Der Körper macht nicht das, was der Kopf möchte. Es ist, als ob das Gehirn sich vom Körper trennt und seine Fähigkeit verliert, den Muskeln Befehle zu erteilen. 

Es ist so schrecklich, im eigenen Körper gefangen zu sein, ausbrechen zu wollen und es doch nicht zu schaffen.

Luana


Lattmann & Luana: ER war selfmade Himmelsstürmer und dirigierte als Aviatik-Manager eine Flotte von Business-Jets, ehe die MS ihm ein temporäres Grounding bescherte. SIE schlug als Jugendliche Belinda Bencic auf dem Tennis-Court, jetzt wehrt sie sich tagtäglich gegen den Versuch der MS, sie in die Knie zu zwingen. Oliver R. Lattmann (55) und Luana Montanaro (28) schreiben aus völlig unterschiedlichen Perspektiven über eine Sache: Ihre MS. Wie und wo sie im Alltag auf Verständnis und Solidarität treffen. Oder auch nicht. Und welche Hindernisse und Tabus ihnen rund um die unheilbare Krankheit MS in der Welt draussen (noch immer) begegnen. Lattmann & Luana sind #MiteinanderStark und unser Autoren-Team für den Welt MS Tag 2021.

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