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Epstein-Barr-Virus-gerichtete Immunzelltherapie bei progressiver MS

In verschiedenen Medien haben Sie vielleicht die hoffnungsvollen Nachrichten zu einem möglichen neuen Therapieansatz für progressive MS gesehen. Dieser Therapieansatz fusst auf der Idee, dass eine Zerstörung von Immunzellen, die mit Epstein-Barr-Virus (EBV) infiziert sind, zu einer Verbesserung der MS führt. Lesen Sie hier eine Stellungnahme des Medizinisch-wissenschaftliche Beirats der Schweiz. MS-Gesellschaft.

Bisher konnte ein klarer Zusammenhang einer zurückliegenden EBV-Infektion zur Entstehung der MS nachgewiesen werden (siehe unser Bericht zum Thema). MS-Betroffene haben also zu annähernd 100% irgendwann einmal in ihrer Lebensgeschichte Kontakt zu diesem Virus gehabt. Ob EBV aber wirklich ursächlich an der Entstehung der MS beteiligt ist, bleibt weiterhin unklar. Es ist ebenfalls unbekannt, ob eine Zerstörung von EBV infizierten Immunzellen irgendeinen Einfluss auf den Verlauf der MS hat.

In einer aktuellen Studie wurden bestimmte Immunzellen (T-Zellen), welche von Spendern gewonnen werden, im Labor so verändert, dass sie EBV-infizierte Immunzellen zerstören können. Diese Zellen werden dann mit einer Infusion an MS-Betroffene verabreicht.

Mit diesem Therapieansatz wurden bisher 25 Betroffene behandelt, von denen für 24 Betroffene eine Auswertung für mögliche Wirksamkeitsparameter erfolgen konnte. Aus dieser Gruppe wurde bei 9 Betroffenen eine klinische Verbesserung beobachtet, für die mögliche Parallelen in bildgebenden Verfahren (spezielle MRI Untersuchungen) gefunden werden konnten.

Weitere Untersuchungen nötig

Die bisher untersuchte Gruppengrösse ist gering, es fehlt ein unbehandelte Vergleichsgruppe und die Behandlung wurde nicht «verblindet», d.h. der behandelnde Arzt und die Studienteilnehmenden wussten, dass eine Behandlung durchgeführt wird.

In Studien zur progressiven MS, welche zur Zulassung von Medikamenten geführt haben, betrug die Patientenzahl über 700 (Ocrelizumab) oder gar über 1’600 (Siponimod). Für robuste Aussagen über eine Wirksamkeit dieses neuen Therapieansatzes ist es somit mit den Daten der oben genannten Phase 1 Studie zu früh. Weitere Untersuchungen in grösserem Umfang und mit Vergleichsgruppen fehlen noch.

Auch für die Sicherheit neuer Therapien ist eine grössere Anzahl von untersuchten Betroffenen wichtig, da das Auftreten von Nebenwirkungen nicht bei allen Betroffenen gleich ist. Darüber hinaus treten seltene Nebenwirkungen bei kleinen Gruppengrössen und während meist vergleichsweise kurzer Studiendauer (1-2 Jahre) möglicherweise gar nicht auf.

Aktuell müssen somit weitere Daten aus gut kontrollierten Studien abgewartet werden, bevor die Wirksamkeit und Sicherheit beurteilt werden kann.

Forschung auf vielen Ebenen

Die gute Botschaft für MS-Betroffene bleibt, dass weiterhin viele Forschungsanstrengungen mit innovativen Ansätzen laufen, welche nach sorgfältiger Untersuchung und Prüfung in Zukunft hoffentlich ihren Weg zu den Betroffenen finden. Ob es sich um diesen Ansatz handeln wird, wissen wir aktuell noch nicht.

» Forschungsunterstützung der MS-Gesellschaft

PD Dr. Anke Salmen, Universitätsspital Bern, Medizinisch-wissenschaftlicher Beirat der MS-Gesellschaft
Prof. Dr. Tobias Derfuss, Universitätsspital Basel, Medizinisch-wissenschaftlicher Beirat der MS-Gesellschaft
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