Detail

Sprachnavigation

Mobile Navigation

Anders - und das ist auch gut so

Ich war schon als Kind anders, grösser als die gleichaltrigen Schulkollegen/innen, die Lehrer erwarteten dementsprechend Leistungen. Ich kämpfte mich durch. Lesen und Rechnen übte ich, bis ich weinte. Beim schnell Rechnen stand ich immer noch, wenn alle anderen schon wieder gesessen sind ..... es wollte einfach nicht in mein Hirn.

Schon damals brachte ich mehr Kilos auf die Waage. Früh lernte ich, eine Einzelkämpferin zu sein, immer die Letzte beim Gruppen wählen im Sport, Party Einladungen nur, wenn die Anzahl sonst ungerade war.

Ab der fünften Klasse ging ich mit meinem Bruder ins Hornussen, mit den Jungs, machte Judo und spielte später Volleyball. Ich wollte doch weniger Kilos und aussehen wie meine Schulkolleginnen. Die ganze Familie war auch in einer Wandergruppe, wo wir regelmässig an Wanderungen teilnahmen.

Während meiner Ausbildung spielte ich Tennis und nach meiner Ausbildung war ich Goalie in einem Eishockey-Team, als einzige Frau. Und doch blieb ich immer schwerer als die anderen.

Irgendwann entdeckte ein Arzt, dass ich eine Stoffwechselkrankheit habe, die man mit Hormonen behandeln könne. Also liess ich mir jeden morgen eine Spritze in meinen Allerwertesten stechen. Man sieht es heute noch, wo die Spritzen gesetzt wurden, das Bindegewebe dort ist total kaputt und sehr empfindlich.

Abgenommen habe ich, aber meine Lebensfreude und mein Humor auch.

Während des Abnehmens wurden die Weichen schon gestellt für MS, denn ich war dauernd krank und somit griff ich zu Mitteln, um alles zu unterdrücken. Nicht gerade vorteilhaft ist die Konstellation in der Familie, in der MS vorkommt.

Irgendwann begann die Zeit, wo ich immer stolperte, mir links alles aus der Hand rutschte und ich aus dem nichts Muskelspastiken in der Nacht hatte. Ich hatte schon den Verdacht. Als der Neurologe mir die Krankheit Multiple Sklerose bestätigte, war ich nicht überrascht. Der Neurologe schon, das ich dass ganze so locker hinnahm. Ja, was sollte ich? Weinend die Praxis verlassen und im Selbstmitleid versinken.....

NEIN, es gibt Schlimmeres. MS hat tausend Gesichter.

Manchmal wenn ich laufe, sieht es aus als wäre ich betrunken, tja, das ist wenn ich in Begleitung von meinem Freund MS bin. Sollen sie doch schauen und denken was sie wollen, die Menschen mit den Vorurteilen.

Keiner fragt, warum läufst Du manchmal besser und manchmal schlechter. Oder, gibt es einen Grund für dein Übergewicht. - für viele ist es klar, Übergewicht kommt nur vom essen.

Ich kann nicht mehr Sport treiben wie einst. Ich kann keine langen Wanderungen mehr machen, wie mit zwanzig; von der Schynige Platte aufs Fauhlhorn fast alles gejoggt, mit Übernachtung und am nächsten morgen runter nach Grindelwald via First.

Heute gehen nur noch kleine Spaziergänge, da die Schmerzen sich schnell melden.

Anstatt mich über meine Schmerzen zu beklagen, freue ich mich, dass ich überhaupt noch laufen kann. Ich geniesse, was noch geht. Einen traumhaften Ausblick über die verschneite Bergwelt muss ich mir unter Schmerzen schwer erarbeiten. Während des Laufens denke ich manchmal: «Was tust Du Dir da an?» ABER: Es lohnt sich immer! Ich brauche meistens ein bis zwei Tage Regenerationszeit.

MS, mein Freund, sage ich leise, so schlecht bist Du gar nicht. Denn ich schätze die kleinen Ausflüge (für mich sind sie gross) viel mehr und versuche, diese in meinem Gedächtnis abzuspeichern.

Mein Freund MS, er streicht mir über die Wange und verspricht mir, ... morgen weniger Schmerzen. Heute weiss ich: Stress und Druck sind meine grössten Feinde.

Anders als die anderen, weiss ich damit umzugehen. Dank meiner Lebenschule.

Geschrieben im Februar 2020, veröffentlicht im August 2020.

Karin Flückiger-Stern

×