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7 Fragen an eine «alleinerziehende Superheldin mit Multipler Sklerose»

Sie hat getan, wovon viele träumen. Sachen gepackt, Kind ins Wohnmobil – und dann ab in den Süden. Drei Monate. Mit guter Planung. Gegen viele Widerstände. Und trotz ihrer MS.

Wer ist «Lenication» in einem Satz (er darf gerne länger sein)?
Hinter Lenication stecke ich, Leni. 38 Jahre alt, Solo-Mama, Abenteurerin, Grenzen-Austesterin und passionierte Camperin… Lenication ist mein Leben, nämlich «Leni, always on medication, sometimes on vacation». 

Seit wann und wie beeinflusst die MS dein Leben? 
Im September 2019 war ich an einem Punkt in meinem Leben, an dem mir meine Arbeit mega Spass gemacht hat und ich, zusammen mit meinem Sohn, einen wahnsinns Sommer erlebt hatte. Wir waren in meiner zweiten Heimat Mallorca, wir waren Campen und so viel mehr und doch, eines Tages im Büro in Würzburg, begann ich meine Brille zu putzen.

Zwei Tage habe ich geputzt wie ein Weltmeister, aber die Schlieren wollten nicht gehen, bis mich meine Tante zum Arzt geschickt hat. Die Augenärztin konnte nichts sehen, also überwies sie mich in die Neurologie. Zack: Sehnerv-Entzündung.

Erst dachte ich mir nicht viel dabei, aber nach 3 Tagen bekam ich die Diagnose KIS (Klinisch isoliertes Syndrom). Diese wurde schnell in MS gewandelt, auf Grund der Läsionslast. 

Fast drei Jahre später begleitet mich ein Dauerkribbeln in den Fusssohlen, Lähmungen im Gesicht, Fatigue, Konzentrationsstörungen, Schmerzen in den Beinen und die ständige Frage, «wie lange wird das noch gut gehen?»

Du und dein Sohn Timo habt Spanien und Portugal bereist. Man sieht viele fantastische Fotos. Was waren besondere Orte und Erlebnisse? 
Timo und ich waren 3 Monate mit dem Wohnmobil unterwegs. In dieser Zeit hat es so viele wunderschöne Momente, Erlebnisse und Begegnungen gegeben, da fällt es schwer etwas herauszupicken. Aber zu unseren Top 3 gehören:

Reiten am Strand in Portugal. Ein besonderer Moment, in dem ich einen längst verdrängten Kindheitstraum leben durfte. 

Big Waves in Nazaré. Wir hatten Glück und durften einer Weltmeisterschaft beiwohnen. Es war unglaublich zu sehen, wie diese winzig wirkenden Menschen auf 25 Meter hohen Wellen surfen. Man wird demütig vor diesem wunderschönen Naturschauspiel. 

Gemeinschaft. An mehreren Orten haben wir wunderbare Leute kennengelernt und auch wenn man nicht immer die gleichen Ansichten teilt, trifft man auf herzensgute und hilfsbereite Camper und Aussteiger. 

Was musstest du dir alles an «Bedenken und Sorgen» anhören, warum das mit dem Reisen nie, nie, wirklich nie gut gehen kann? 
Viele haben mich vor der langen Fahrt alleine mit Kind, gewarnt. Dabei hat das, dank Tablet, ganz wunderbar geklappt ;-) Ich sage das mit Augenzwinkern, weil viele etwas gegen diese Art der Unterhaltung haben, aber was bleibt mir übrig und wer macht hier überhaupt die Regeln?!? So war es für uns beide «erträglich» und es geht auch «nur» um 4 krasse Fahrtage. 

Der zweite Punkt war die viele Zeit alleine zu zweit und ich muss sagen, ja das ist ein Punkt, den ich unterschätzt habe. Gerade wegen der MS habe ich oft nicht 100% meiner Energie. Meistens sind wir dann auf Campingplätze oder an Orte, an welchen andere Kinder waren. So konnte ich mehr entspannen und Timo sich austoben. 

Gab es irgendwann auf deinen Reisen wirklich mal «heikle, brenzlige» Momente, wo du dachtest, «Okay, und wie geht´s jetzt weiter?»
Klar. Ich hatte meiner Mama versprochen, nirgendwo alleine zu stehen. Schon mal in der Natur, aber immer nur da, wo auch andere Camper stehen. In der zweiten Nacht sind wir in Biarritz angekommen. Ein Stellplatz direkt am Meer für 65 Mobile. Es war noch ein anderes da und das fuhr um 22 Uhr. Wir waren mutterseelenallein in der Pampa - und haben überlebt. Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt, Vorkehrungen getroffen und so wunderschöne Momente erlebt. Oder wo kann man sonst 10 Meter vom Meer entfernt schlafen. Oder auf einer Klippe, mit links und rechts Blick aufs Meer? 

Was würdest du MS-Betroffenen empfehlen, die dir nacheifern möchten? Gibt es eine oder mehrere «Goldene Regeln»? Was muss auf jeden Fall geplant und geregelt sein (zB «wer schaut nach Timo, wenn es dir irgendwo richtig schlecht geht…»).
Ich denke, hier muss jeder selbst bewerten, welche Punkte einem wichtig sind. Für mich waren es folgende:

Mir war eine gute Krankenversorgung wichtig. Deswegen bin ich in Europa geblieben und habe mir eine sehr gute Auslandskrankenversicherung gegönnt.

Meine Familie wäre jederzeit nach Portugal gekommen und hätte uns nach Hause gefahren. Das hat mir Sicherheit gegeben. Ebenfalls hatte ich erwogen, zwischendurch mal nach Hause zu fliegen. 

Nicht verkrampfen und unter Druck setzen! Es ist und bleibt ein Abenteuer, das hat keinen definierten Anfang und kein vorbestimmtes Ende. Einfühlen, was gut tut und aufhören, wenn es reicht. 

Den Kleinkram nicht vergessen. Bei drei Monaten muss man einfach auch überlegen, wer die Blumen giesst, den Briefkasten leert, vertrauliche Briefe öffnen kann… das Übliche bei einer Reise. 


Wenn Geld und Zeit keine Rolle spielen würden: welche 3 Ziele würdest du besuchen wollen und warum? 
Oh okay, tolle Frage. Also gut, die Reihenfolge spielt keine Rolle. 

1) Würde ich mich gerade in ein tropisches Land wünschen wollen, mit weissen Stränden, warmem Meer und da einfach Ausspannen. Weil, trotz allem, die letzten drei Monate auch sehr fordernd waren. Mexiko würde mir gut gefallen. 

2) Wenn Zeit keine Rolle spielt, würde ich mir wünschen, dass ich schon viel früher mit Timo solche Reisen gemacht hätte oder noch länger machen könnte. Aber die Schulpflicht ruft. Es war eine unglaublich schöne Zeit, die uns noch mehr verbunden hat. 

3) Mallorca. Ich bin hier aufgewachsen und würde einfach sehr gerne wieder mehr Zeit hier verbringen, weil es mich erdet, Spanisch sprechen zu können und am Meer zu leben. 

Zwei von diesen Träumen sind tatsächlich in der konkreten Umsetzung und Planung. Wer mehr darüber wissen will, besucht mich auf Instagram unter @lenication.

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