Detail

«Zäme um d’ Wält» am Airport Wallisellen

Im Kindercamp 2021 wird Geschichte geschrieben und erstmals ein Musical einstudiert, das am Flughafen und in einem Jet spielt. Alles ist bereit für die Abschluss-Aufführung, mit den Eltern als Publikum. Wäre da nicht der Regen, der alles noch zum Scheitern bringen könnte…

Sorgen im Handgepäck

Irgendjemand hat an der Tafel bei «Nachtruhe 22 Uhr» die erste «2» weggewischt - und irgendwie passt das zur ersten Viertelstunde dieses Samstagmorgens im Pfadi-Heim Wallisellen. Alle noch etwas schlaftrunken, und die, die schon etwas wacher sind, mit kleineren und grösseren «Katastrophen» beschäftigt. «Oh je, meine Stimme, wie soll ich da nachher gut singen, ich habe beim Karaoke gestern wohl zu viel Gas gegeben… ». «Wenn das alles wäre! Ich hab grossen Bammel, dass ich meinen Text vergesse...» Alles Kleinigkeiten.

Denn der wahre «Feind» lauert draussen. Sechs Tage war es warm und sonnig. Jetzt trommelt der Regen ans Fenster. Und Regen bedeutet: Grounding. Weil: Wie soll man einen Flughafen und eine Boeing 747 auf 20 Quadratmeter Stube darstellen? Eben, gar nicht, die grosse Musical-Aufführung, für 11 Uhr angesetzt, kann nur im Freien und nur bei trockenem Wetter über die Bühne gehen. 

Luftlöcher und Turbulenzen

Nicht die einzige, aber die grösste Herausforderung. Kleinere gibt es eine Menge. Das neue Hauptquartier verfügt über nur zwei Schlafsäle, Matratzenlager. Ein Schlafsaal für die Jungs, einer für die Mädchen, das Altersspektrum von sechs bis sechzehn Jahren. Wenig Rückzugsmöglichkeiten, beziehungsweise Beinfreiheit, wie man im Flieger sagen würde. Umgekehrt fordert und fördert dies Rücksichtnahme und Empathie. Luxus braucht niemand. Auch nicht aus der Küche. Beim Essen liegen dieses Jahr Fajitas vorne, knapp gefolgt von Pizza und Spaghetti.

Rückblick: Im Frühjahr wackelt die Planung, die Unmenge organisatorischer Fragezeichen ist nur schwer zu handeln. Aber Aufgeben und Absagen ist für Leiterin Jasmina Schmuki und ihr Team keine Option. Für viele der Kinder ist diese eine Woche die einzige Ferienwoche, die sie in diesem Sommer haben. Der Wechsel der Örtlichkeit 2021 ist das Eine. Ausgefeilte Hygiene- und Schutzkonzepte und laufende Tests das Andere. Grösstmögliche Sicherheit und so viel Spass wie möglich, diese beiden Ziele sind unter einen Hut zu bringen. Unter dem Eindruck der Corona-Pandemie fällt früh die Entscheidung, das Camp durchzuführen, aber wo immer möglich die Aussenkontakte zu minimieren. Das bedeutet, auf die meisten der sonst üblichen Ausflüge zu verzichten.

Die Idee, im reduzierten Rahmen etwas Attraktives, Aussergewöhnliches auf die Beine zu stellen, ist geboren. Ein Musical.  

Sympathische Fluglotsen

«Zäme um d’ Wält», so heisst das Stück, ist keine einfache Sache. Das Musical, das am Flughafen und in einem Jet spielt, hat einen mehrseitigen Ablaufplan, eine spannende Handlung in unzähligen Szenen (Schmuggel und Entführung inklusive), ein Dutzend Musik-Tracks, Chor, Soli, Rap, Tanzeinlagen, Slapstick-Szenen, Dialoge, die immer wieder für spontanes Gelächter sorgen und vor allem: Songs mit riesigem Ohrwurm-Potenzial. Um dieses Potenzial und das der Kids auszuschöpfen, sind Mirjam und Jonas von KIMUS Musicalworkshop an Bord. Jeden Tag vormittags und nachmittags drei Stunden spielerisches Üben und Training.

Dazu braucht es ein paar goldene Regeln: Pünktlich sein, parat sein und «s’Mitänand». Wir sind ein Team, haben Respekt, keiner wird ausgelacht, wir haben zusammen Spass und sind stolz, auf was wir können. Jonas ist für den Gesang verantwortlich, und alle hängen nicht nur beim Warmsingen an seinen Lippen, wenn er trotz Regen an der Scheibe unbeirrt und glaubhaft Optimismus verbreitet. «Ihr werdet so gut singen wie noch nie, weil der Regen die Luft gereinigt hat - und das ist super für die Stimmbänder.» Bei Mirjam, Chefin der Choreografie, spürt man nach Sekunden, wie sie alle motiviert und jede Müdigkeit vertreibt, wenn sie mit den Augen rollt und verschmitzt lächelt. Was wäre das Schlimmste, was bei der Aufführung passieren kann? Der echte, ultimative Worst Case? «Dass die Kids nachher keinen Spass haben.» Sagt Jonas.

Sicher und gut gelandet

10:30 Uhr stoppt tatsächlich der Regen. Kurz vor 11 Uhr zieht Flug AZ 571 nach Rom donnernd von links nach rechts über die mittlerweile durchgängig blaue Fläche des Walliseller Himmels, so als wollte er seinen Segen, sein «ready for Take-off» und den Startschuss geben. Man spürt: Es gibt diese Momente tatsächlich, von denen man so oft liest, die, wo die Spannung mit Händen greifbar ist, die, wo man eine Stecknadel fallen hören kann. Und nach knapp 25 Minuten auch den Moment, in dem wie in der Stille nach dem letzten Ton, Tonnen von Steinen von vielen kleinen Herzen fallen, weil alles vorbei ist und alles, alles so gut war.

So gut, dass es doch nochmal feucht wird, stolze Eltern mit Tränen in den Augen, der Eine oder die Andere dreht den Kopf zur Seite, im tosenden Applaus. Tenor ist: «Das Kindercamp ist so schon eine Riesensache. Aber das heute, mit dem Musical und unseren Kindern, das war schon total emotional und nur schwer zu toppen.» Ein grosses Lob und Dankeschön an die erfahrenen Camp-Leiterinnen und die freiwilligen Helfer und Helferinnen. Ende gut, alles gut, auch beim Kindercamp 2021? Fast. Ein sehr junger Mann (Name der Redaktion bekannt) «bemängelt»: «Bei meinem Glacé, also dem zweiten, da waren die Schokostreusel aus.» Alles klar. Mehr Schokostreusel. Ist notiert für 2022.

×