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NZZ am Sonntag: Den Vater pflegen statt Karriere machen

Rund jeder zehnte junge Erwachsene kümmert sich um eine nahestehende Person. Darunter leidet oft die Berufsbildung.

von René Donzé, NZZ am Sonntag


Nach und nach wird bekannt, in welchem Ausmass Kinder und Jugendliche in der Schweiz in die Betreuung und Pflege von Angehörigen eingebunden sind. Vergangenes Jahr ergab eine Untersuchung, dass rund 8 Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 10 und 15 Jahren Betreuungsaufgaben in ihrem privaten Umfeld wahrnehmen.

Nun zeigt eine weitere Studie, dass die Betroffenheit bei den jungen Erwachsenen noch höher ist: Eine Umfrage bei den Berufsschülern am regionalen Berufsbildungszentrum Olten ergab, dass 11 Prozent eine - oder mehrere - ihnen nahestehende Person «substanziell unterstützen». Meist sind das Eltern, Grosseltern oder Geschwister, ein Drittel sind aber nahestehende Personen ausserhalb der Familie.

Teilgenommen haben über 2000 Lernende, was einem Rücklauf von 64 Prozent entspricht. «Diese 11 Prozent sind eine konservativ gerechnete Zahl», sagt Professorin Agnes Leu, die bei der Careum Hochschule Gesundheit das Thema «Young Carers» erforscht. «Ich gehe davon aus, dass sogar jeder Fünfte solche Aufgaben wahrnimmt.»

Die Befragung hat ergeben, dass die Betroffenen Angehörige vor allem emotional unterstützen und sozial begleiten, viele kümmern sich auch um den Haushalt und administrative Arbeiten. Mehr als ein Drittel übernimmt häufig bis sehr häufig pflegerische Aufgaben. Das kann belastend sein.

Viele «Young Carers» leiden unter der Situation, wie eine Vergleichsstudie von sechs Ländern zeigt, über die die «Schweiz am Wochenende» am Samstag berichtet hat. Demnach haben 40 Prozent körperliche Beschwerden, 33 Prozent psychische Probleme. Nur in Grossbritannien liegt dieser Wert höher.

Dass da die Berufsbildung teilweise zu kurz kommt, liegt auf der Hand. «Young Carers haben einen klaren Bildungsnachteil», sagt Leu. In der Oltener Umfrage berichten viele Betroffene von Schwierigkeiten in der Ausbildung; es kommt zu Problemen mit Vorgesetzten, Klassenwiederholungen, Lehrabbrüchen. «Diese jungen Leute sind am Start ihrer Berufskarriere benachteiligt», sagt Leu. Dies, obwohl sie aufgrund ihrer Rolle oft über eine höhere Sozialkompetenz und ein besseres Organisationstalent als Gleichaltrige verfügten.

Auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels sollten diese jungen Menschen besser unterstützt werden, sagt Leu. Laut der Umfrage fühlt sich fast die Hälfte nicht ausreichend verstanden am Ausbildungsort. Das hat auch damit zu tun, dass viele Vorgesetzte gar nicht merken, dass ihre Lernenden Angehörige betreuen.

«Das Thema ist uns in dieser Form noch nicht begegnet», sagt Christine Davatz, Vizedirektorin des Schweizerischen Gewerbeverbands und zuständig für Bildungsfragen. Sie sieht keine generelle Lösung. Vielmehr seien solche Situationen individuell mit dem Lehrbetrieb und dem kantonalen Amt für Berufsbildung zu lösen. «Wir empfehlen, dass der Unternehmer das Thema mit dem Lernenden bespricht und das Amt einschaltet, falls eine Lehrverlängerung als sinnvoll erachtet wird.»

Förderprogramm für betreuende Angehörige

Weniger erstaunt ob der Ergebnisse ist man auf Bundesebene. «Das Thema pflegende Angehörige beschäftigt den Bund schon länger», sagt Tiziana Fantini vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation. So lancierte das Bundesamt für Gesundheit 2017 ein Förderprogramm für betreuende Angehörige.

In einem nun laufenden Forschungsprojekt des Bundes unter Leitung von Leu liegt ein Fokus auf den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen nach Entlastung. Die Resultate sollen im Herbst vorgestellt werden.

Laut dem Staatssekretariat gibt es viele Möglichkeiten, Lernende zu entlasten, wenn sie Zeit und Kraft für die Pflege von Angehörigen brauchen: Lehrverlängerungen, Lehrjahrwiederholungen, Dispensationen, individuelle Begleitung. Im Einzelfall müssten die Kantone entscheiden, wie dies umgesetzt werde. Auch der stellvertretende Chef des Zürcher Mittelschul- und Berufsbildungsamtes, Hans Jörg Höhener, nennt eine breite Palette an Massnahmen. «Wichtig ist, dass der Lehrbetrieb bei allen Modellen einverstanden sein muss.»

Laut Leu kommt auch den Berufsschulen eine wichtige Rolle zu. «Es braucht dort Sensibilisierungskampagnen und Anlaufstellen», sagt sie. Am Berufsbildungszentrum Olten wurde eine solche geschaffen. Sie werde intensiv genutzt, heisst es bei der Schule.

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