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Neue Ansätze in der MS-Therapie

Die Ursache von Multipler Sklerose ist nach wie vor unbekannt. Das macht die erfolgreiche Behandlung zu einer grossen Herausforderung. Nichtsdestotrotz gibt es aktuell vielversprechende Erkenntnisse aus der Forschung, die in Zukunft zu neuen, effektiven Behandlungsmöglichkeiten führen könnten.

Am 20th State of the Art Symposium der MS-Gesellschaft haben Forschende die neusten Erkenntnisse aus ihren Projekten vorgetragen. Sie setzen sich tagtäglich mit MS auseinander, um mehr über die Wirkungsweise und mögliche Ursachen herauszufinden – mit dem Ziel, schlagkräftige Therapien zu entwickeln. Dabei werden sowohl genetische Komponenten als auch Umweltfaktoren genauer untersucht. So verfolgen einige Forschende die Theorie, dass Multiple Sklerose durch eine Virusinfektion ausgelöst werden könnte. Zu ihnen gehört auch Prof. Gavin Giovannoni aus London, der am State of the Art Symposium seinen Standpunkt darlegte. Er setzt sich insbesondere mit dem Epstein-Barr-Virus, kurz EBV, auseinander. EBV ist die Ursache für Pfeiffersche Drüsenfieber. Mehrere Studien zeigen: Wer davon betroffen war oder ist, hat ein doppelt so hohes Risiko, an MS zu erkranken.

Gavin Giovannoni fasst zusammen: «Menschen, die sich nicht mit dem EBV infizieren, erkranken nicht an MS. Sie scheinen vor der Krankheit geschützt zu sein.» Man könne MS also möglicherweise verhindern, wenn man EBV verhindern könne, beispielsweise mit einem Impfstoff. Wie genau das EBV funktioniert, wisse man aber noch nicht. Gesichert ist, dass das Virus zwar nur eine Zeit lang ansteckend ist, dennoch aber langfristig im Körper bleibt. Weiter konnte festgestellt werden, dass Menschen, die mit dem HI-Virus infiziert sind, nicht an MS erkranken. Deshalb will man untersuchen, ob die antiretrovalen Medikamente, die bei HIV-Betroffenen eingesetzt werden, auch bei MS wirksam sein könnten. Giovannoni: «Wir müssen diese Hypothese, dass MS von einem Virus ausgelöst werden könnte, ernst nehmen, denn die Behandlungs- und Präventionsstrategien dahinter unterscheiden sich komplett vom derzeitigen Ansatz bei MS.»

Gesunde Ernährung wirkt sich positiv auf die MS aus

Auch Prof. Aiden Haghikia aus Bochum schätzt die Umwelt- faktoren als deutlich wichtiger ein als genetische Voraussetzungen. Eine wichtige Rolle spiele die Ernährung, die sich über den Darm und die dort ansässigen Bakterien auf die MS auswirkt. Speziell die Fettsäuren stünden im Fokus, die als Bestandteil der westlichen Ernährungsweise aus unserem Alltagsleben kaum wegzudenken sind. Es besteht ein Unterschied zwischen langkettigen Fettsäuren, die beispielsweise im Fleisch oder als Palmfett in Fertignahrung allgegenwärtig sind und den kurzkettigen Fettsäuren. Diese sind nicht so einfach aus der Nahrung zu gewinnen, da sie aus pflanzlichen Bestandteilen mithilfe von Darmbakterien herausgespaltet werden müssen. Während erstere sich entzündungsfördernd auf die MS auswirken, stärken letztere die Immunregulation, wirken also der Entzündung entgegen. «Eine gesunde Ernährung hat ein grosses Potenzial und sollte Teil jeder medikamentösen MSTherapie sein. Das bedeutet, dass man weniger tierische Fette und Zuckerzusätze und mehr ballaststoffreiche Ernährung zu sich nehmen sollte.» Im FORTE 04/2017 und auf www.multiplesklerose. ch erläutert Prof. Aiden Haghikia das Thema Ernährung und Darmbakterien in einem ausführlichen Artikel.

Neue Therapieverfahren

Am Universitätsspital Zürich werden schon seit Jahren neue Therapieverfahren entwickelt. Generell, so führt Prof. Andreas Lutterotti an, stünden heutzutage sehr viele Therapieoptionen zur Verfügung und praktisch jedes Jahr komme eine weitere hinzu. Die Mehrheit der heute zugelassenen Präparate wurde ursprünglich nicht für die Behandlung von MS entwickelt, sondern stammt aus dem Behandlungsrepertoire anderer Krankheiten. Zusätzlich gelte es aber auch, grundsätzlich neue Ideen zur Bekämpfung von MS zu entwickeln. Ein weiterer neuer Ansatz ist eine Art Neu-Programmierung des Immunsystems. «Wir möchten unser Wissen für eine Therapie in der Praxis umsetzen. Das Ziel ist, dem Körper Immuntoleranz zu induzieren, das heisst, die Immunzellen zu lehren, gewisse Zellen nicht mehr als schädlich einzustufen.» Bei MS sind das Myelinproteine, die man als Bausteine der Isolierschicht von Nervenzellfortsätzen bezeichnen kann. Wenn die Myelinproteine bestimmt sind, die fälschlicherweise als Gefahr gesehen werden, könne man den Immunzellen eines MS-Betroffenen ausserhalb des Körpers spezifisch beibringen, diese nicht mehr anzugreifen. Dieses Projekt wurde durch eine Anschubfinanzierung der MS-Gesellschaft ermöglicht.

Stammzelltransplantation für schwere Verläufe

Bei der autologen Stammzelltransplantation (aHSCT) werden die MS-Medikamente im Voraus abgesetzt. Dann werden Stammzellen des MS-Betroffenen oder der -Betroffenen entnommen. Nachdem die (bei MS nicht korrekt arbeitenden) Immunzellen durch starke immunsuppressive Medikamente grösstenteils zerstört wurden, werden dem Patienten die zuvor entnommenen Stammzellen wieder injiziert. Danach bilden sich wieder neue Immunzellen bzw. das Immunsystem wird vom Körper neu aufgebaut. Die aHSCT ist keine neue Therapie im eigentlichen Sinne, wird aber zurzeit auch in Fachkreisen in- tensiv diskutiert. In einigen Ländern ist sie zur Behandlung von MS bereits zugelassen, in der Schweiz ist beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) ein Gesuch einer Gruppe von Neurologen und Hämatologen vom Universitätsspital Zürich hängig. Das BAG entscheidet darüber, ob die Stammzelltherapie künftig in Einzelfallentscheidungen und innerhalb von Studien durchgeführt werden kann und ob langfristig die Möglichkeit besteht, dass die Kosten von den Krankenkassen übernommen werden. Die aHSCT bleibt aufgrund der Risiken Menschen unter 45 Jahren mit aggressivem, schubförmigem Verlauf vorbehalten (bei einem primär/sekundär progredienten Verlauf sollten noch Entzündungsläsionen vorhanden sein).

Personalisierte Medizin

Aufgrund der Komplexität und den sehr individuellen Krankheitsverläufen gestaltet sich die Etablierung der sogenannten P4-Medizin bei MS schwierig. P4 steht für: Präventiv, Vorausschauend (Predictive), Personalisiert und Partizipativ. Gerade der letzte Begriff betont, dass Patientinnen und Patienten stärker in die Entscheidungsfindungen einbezogen werden sollen. Durch die fortschreitende Digitalisierung und weltweite Vernetzungsmöglichkeiten über das Internet entwickelt sich die reine Behandlung bzw. das Krankheitsmanagement längerfristig zur Optimierung des Gesundheitszu- Am 20th State of the Art Symposium kamen Forschende zusammen, die sich tagtäglich mit MS auseinandersetzen – mit dem Ziel, schlagkräftige Therapien zu entwickeln. Auf dem Youtube-Kanal der Schweiz. MS-Gesellschaft finden sich interessante Videobeiträge über neue Therapien, entstanden am State of the Art Symposium 2018. stands von individuellen Personen weiter. Dies kann auch in die Therapie von MS-Betroffenen übertragen werden.

Zwei Projekte, die sich diesem Ziel verschrieben haben, sind das Schweizer MS Register und die MS Kohortenstudie. Das Register stellt die wichtige Patientenperspektive in den Vordergrund und die Kohortenstudie trägt umfassende klinische Informationen in hoher Datenqualität zusammen. Diese breite Datensammlung wird viel zum Gelingen einer personalisierten Medizin beitragen. Das Schweizer MS Register hat die MS-Gesellschaft auf Anregung von Betroffenen initiiert und finanziert. Auch die Kohortenstudie wird von der MS-Gesellschaft unterstützt. Menschen tragen unterschiedliche Krankheitsrisiken, Medikamente wirken nicht bei allen Betroffenen gleich, es gibt soziale Faktoren und Umwelteinflüsse sowie Unterschiede in Geschlecht, Alter, und Lebensstil, die eine Rolle bei der Entwicklung von MS und dem Umgang mit der Krankheit im Alltag spielen. All diese Faktoren und Lebensgeschichten zu sammeln und zu kennen verbessert die Genauigkeit der Diagnose und die Prognose der richtigen Therapie für das Individuum gleichermassen.

Das heisst, Betroffene und Ärzte erhalten die Möglichkeit, auf Basis von aus dem Register (und der Kohortenstudie) erhobenen Daten und Erfahrungen Therapien und Strategien zu entwickeln, die in einem bestimmten Spital vielleicht nicht zum Standardprozedere gehören. So kann spezifisch die Therapie mit den besten Erfolgsaussichten für einen Betroffenen oder eine Betroffene gefunden werden. Mit der eigenen Krankengeschichte trägt man also dazu bei, einem anderen Betroffenen mit ähnlichen Hintergrunddaten die Anpassung auf individuelle Bedürfnisse zu erleichtern, ohne dass beide beim gleichen Arzt oder in der gleichen Klinik behandelt werden müssen. Umgekehrt profitieren Teilnehmende von den Erfahrungen und Erkenntnissen anderer MS-Betroffener.