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«Musik ist etwas Therapeutisches»

Seit 20 Jahren dirigiert Howard Griffiths regelmässig das jährliche MS Benefizkonzert. Als gebürtiger Londoner lebt er seit 1981 in der Schweiz, ist mittlerweile Staatsbürger und lebt noch immer seine musikalische Leidenschaft aus. 

Bild: Tobias Rabsch

Wie sieht der Arbeitsalltag eines Dirigenten aus?
Ich bin oft unterwegs und verbringe viel Zeit im Flugzeug und in Hotels. Meistens beginnen wir drei bis vier Tage vor dem Konzert mit den Proben. Und nach ein oder zwei Aufführungen reise ich zurück in die Schweiz. Ich arbeite aber auch viel zu Hause, immer wieder muss ich Partituren einstudieren oder von neuem lernen, eigentlich bin ich ein ewiger Student.

Bis 2006 waren Sie Chefdirigent des Zürcher Kammerorchesters, danach waren Sie bis 2018 Generalmusikdirektor des Brandenburgischen Staatsorchesters. Wie unterscheiden sich diese beiden Orchester?
Die beiden Orchester sind in mancher Hinsicht verschieden. Ein Kammerorchester mit 20 bis 25 Leuten ist viel intimer, man arbeitet näher mit den einzelnen Stimmen zusammen.  Beim Brandenburgischen Staatsorchester sind 87 Musiker dabei, das war eine ganz schöne Herausforderung für mich. Man muss ganz anders dirigieren, lässt das Orchester alleine spielen und lenkt es dann in eine Richtung. Es ist ein bisschen wie bei einem SUV und mit einem Kammerorchester arbeitet man wie in einem tief liegenden Sportwagen, alles ist direkter, unmittelbarer.

Sie haben 2018 mit Claire Huangci eine CD aufgenommen. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit der preisgekrönten Pianistin erlebt?
Ich kenne Claire, seit 18 ist und habe schon öfter mit ihr Konzerte gespielt. Sie hat so eine Leichtigkeit und eine sehr musikalische Art. Bei ihr sieht es aus, als ob das Stück ganz einfach wäre, dabei ist es enorm schwer. Wir planen in den kommenden Jahren noch weitere Konzerte zusammen.

Seit 1998 dirigieren Sie regelmässig Benefizkonzerte der MS-Gesellschaft. Warum sind Sie immer wieder dabei?
Als die erste Anfrage für das Konzert im Fraumünster kam, habe ich sofort zugesagt. Meine Mutter hatte MS und war 1998 schon von uns gegangen. Wir haben uns für Vivaldis vier Jahrzeiten entschieden und haben von meiner Mutter gestaltete Miniaturbilder auf die Einladung gedruckt. Diese hatte sie mit dem Mund gemalt, weil ihre Arme am Schluss gelähmt waren. Sie hat viele Höhen und Tiefen durchgemacht, aber ist trotzdem immer aktiv geblieben und hat versucht, ein spannendes Leben zu leben. Diesen Enthusiasmus habe ich bewundert und ich finde ihn sehr wichtig, auch wenn man krank ist.

  • Bilder Pamela Griffiths
    Howard Griffiths Mutter Pamela Griffiths hatte MS und malte mit dem Mund unter anderem vier Bilder, passend zu Antonio Vivaldis «Die vier Jahreszeiten».

Welcher war bisher Ihr bester Moment an den MS Benefizkonzerten?
Ich picke nicht gerne ein Konzert heraus, sie waren alle toll! Aber ein einzigartiges Erlebnis war sicher der grosse Solidaritätschor, der sich für eines der Benefizkonzerte zusammenfand. Wir haben eine Ausschreibung für Laien gemacht und mit 50, 60 Leuten gerechnet. Und am Schluss haben über 300 Leute mitgemacht, das war etwas ganz besonderes. Auch die Sängerinnen und Sänger hatten Freude, sie konnten in der Tonhalle zusammen mit einem Profi-Orchester auftreten.

Wie kann Musik oder kreatives Schaffen in schwierigen Zeiten helfen?
Meine Mutter hat wie gesagt immer gemalt, viele Konzerte und das Theater besucht, bis zum Tod. Musik hat sie immer geliebt. Ich finde, Musik ist etwas Therapeutisches. Zwei oder drei Mal habe ich sie zusammen mit der Grossmutter und zwei Begleitpersonen in die Schweiz geflogen, damit sie Ferien machen und eines meiner Konzerte besuchen kann. So konnte sie die Musik geniessen und hatte auch Freude, mir beim Arbeiten zuzusehen. Ich selbst könnte mir ein Leben ohne Musik nicht mehr vorstellen, am liebsten möchte ich dirigieren, bis ich nicht mehr kann.

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