Detail

Sprachnavigation

Mobile Navigation

Im Zelt der Wahrsagerin

Meine allererste Freundin hatte die Idee, zusammen zu einer Wahrsagerin zu gehen. Mir wurde prophezeit, ich würde mit Mitte, Ende 30, einen schweren Unfall haben, den aber überleben.

Und: Ich würde die letzten Jahre meines Lebens mit einer dunkelhaarigen Partnerin verbringen. Netter Neben-Aspekt: Die Freundin, mit der ich da bei der Wahrsagerin sass, war blond.

Mit Mitte 30 hatte ich dann keinen Unfall gehabt, aber die MS bekommen. Ich glaube nicht an so Zeug, aber irgendwie macht man sich trotzdem Gedanken darüber… ob Unfall oder MS. Beides hat mich völlig aus dem Leben rausgehauen. 

Ich hatte vier lange Beziehungen im Leben. Die erste Freundin, die, mit der ich bei der Wahrsagerin war, hatte sich irgendwann entschieden, dass sie gar keine feste Beziehung oder Heirat oder Kinder will. Die zweite entwickelte eine sehr enge Beziehung zu ihrem Heilpraktiker. Meine Ehe hatte mit einer Vielzahl an Problemen zu kämpfen. Und meine letzte Beziehung ist ganz aktuell an unschönen äusseren Einflüssen gescheitert.

Meine MS war für keines der vier Beziehungsenden allein entscheidend, bei meiner Ehe spielten aber die Einschränkungen, die sich daraus ergaben, beruflicher und finanzieller Natur, eine grosse Rolle.

Die MS war da ein Faktor, warum etwas, was ohnehin Risse hatte, ganz kaputt gegangen ist. Wenn mir heute jemand sagt, Du, das mit MS, das ist für mich belastend, ich kann damit nicht umgehen: kein Problem. Aber bitte nicht nie mehr melden oder sogar die Telefonnummer sperren lassen… 

Treue, Offenheit, Ehrlichkeit, das sind für mich die Eckpunkte in einer Partnerschaft. Egal was jemand gemacht hat, egal wie peinlich das ist. Keine Geheimniskrämerei, keine solo Nummern. Entweder ist man ein Team – im Bett und ausserhalb, oder nicht. Aber dann passt da kein Blatt Papier dazwischen. Ansonsten bleibe ich lieber alleine. 

Mag sein, dass das anspruchsvoll ist, aber für mich ist es die Basis. Und genau so ist es mit der MS. Sag, was es ist. Alles auf den Tisch. Alles. Dann kann man damit leben, aber nicht hier ein bisschen, vielleicht da ein bisschen…

Alles.

Oliver R. Lattmann


Lattmann & Luana: ER war selfmade Himmelsstürmer und dirigierte als Aviatik-Manager eine Flotte von Business-Jets, ehe die MS ihm ein temporäres Grounding bescherte. SIE schlug als Jugendliche Belinda Bencic auf dem Tennis-Court, jetzt wehrt sie sich tagtäglich gegen den Versuch der MS, sie in die Knie zu zwingen. Oliver R. Lattmann (55) und Luana Montanaro (28) schreiben aus völlig unterschiedlichen Perspektiven über eine Sache: Ihre MS. Wie und wo sie im Alltag auf Verständnis und Solidarität treffen. Oder auch nicht. Und welche Hindernisse und Tabus ihnen rund um die unheilbare Krankheit MS in der Welt draussen (noch immer) begegnen. Lattmann & Luana sind #MiteinanderStark und unser Autoren-Team für den Welt MS Tag 2021.

×