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Ich bin immer für Dich da!

Der folgende Songtext von Josh Groban beschreibt zu 100% das Verhalten meiner Freunde. Sie sind immer da, auch wenn man sich eine Zeit lang nicht sieht. 

«You raise me up, so I can stand on mountains. You raise me up, to walk on stormy seas. I am strong, when I am on your shoulders. You raise me up, to more than I can be. »

Zugegeben, es war eine einschneidende Erfahrung, welche ich durchleben musste. Sogenannte «Freunde», die mich im Stich gelassen haben, als ich sie am meisten gebraucht hätte. Das tut auch heute noch weh, aber ich sage immer: «Jedes schlächtä het öppis positivs, o wes numä ganz weni isch.»

So musste ich nicht über 40 werden, um zu erkennen, wer meine wirklichen Freunde sind, auf die ich mich immer verlassen kann. Und es kamen sogar unverhofft noch welche dazu mit denen ich nie gerechnet hätte. 

Eine wahre Solidaritätswelle rollte durch mein Leben und hat mir aufgezeigt, wie tief eine Freundschaft gehen kann. 

Zuerst aber musste ich die Erfahrung machen, dass Freunde nicht gleich Freunde sind. Am besten bekommt man das zu spüren, wenn man so richtig am Boden liegt und es einem sehr schlecht geht. Es waren happige Zeiten, ich verstand die Welt nicht mehr und war untröstlich. 

Aber dafür kristallisierte sich relativ rasch heraus, wer meine wahren Freunde sind. 

Den Beginn machte die Fachmittelschule (FMS) im Seefeld Thun. Ich liebe diese Schule heute noch unbeschreiblich fest. Meine damalige Abschlussklasse bekam alles zu 100% hautnah mit. Während der Abschlussreise in der Toskana hatte ich unwissentlich einen Schub.

Sie waren da, von Sekunde null an. Alle, auch jene, mit denen ich etwas weniger Kontakt hatte. Aber wir waren so eine tolle Klasse, für mich sogar die beste Klasse der Welt, bis heute.

Nachdem mein Vater den Klassenlehrer über die Diagnose aufklärte, hat dieser sofort die Klasse informiert. Und alle haben mich umgehend kontaktiert, ihre Hilfe angeboten und mich im Spital besucht.

Als ich kurze Zeit später in der Reha erfahren musste, dass ich – bedingt durch die lange Abwesenheit - nicht in «meiner» Klasse bleiben und mit ihnen den Abschluss machen könne, brach eine Welt für mich zusammen. Ich war am Boden zerstört, konnte es aber natürlich verstehen, da ich wirklich extrem lange weg war.

Umso mehr freute ich mich, als mir jeder Einzelne der Klasse einen Brief geschrieben hat. Diese Briefe sind immer noch schön aufbewahrt bei mir im Zimmer. Auch die Lehrer der FMS haben sich extrem fest für mich eingesetzt, haben mich nie im Stich gelassen und immer an mich geglaubt! Es war die schönste Zeit meines Lebens, so viele schöne und unvergessliche Momente.

Umso glücklicher bin ich, dass jetzt meine kleine Schwester ab nächstem Schuljahr die FMS besucht. 

Meine richtigen Freunde haben mich nie im Stich gelassen, sie sind bei jedem Spitalaufenthalt (und das waren viele und es sind sehr viele) zu Besuch gekommen. Meine Freundin, die ich seit der 3. Klasse kenne, kam sogar an einem Sonntag und hat alles mitgebracht für einen leckeren Brunch! 

Tschugg, Bern, Montana, Valens, Rheinfelden, Basel - keine Reha ist ihnen zu weit. Ich habe auch heute noch bei jedem Reha-Aufenthalt (ich habe mindestens einen pro Jahr) Besuch. 

Eine wunderbare Freundschaft mit dem FC Thun ist entstanden. Ich bin seit ungefähr 25 Jahren ein eingefleischter Thun-Anhänger. Seit der Klub 2013 von meinem Schicksal erfahren hat, weicht er nicht mehr von meiner Seite. Die Spieler der 1. Mannschaft geben mir unbeschreiblich viel Kraft. Spieler vom FC Thun haben mich bereits im Spital besucht. Sie schenken mir ganz viele Matchworn-Trikots, ich bekomme aufmunternde Post in die Reha geschickt, darf Fotos mit der ganzen Mannschaft machen und werde gefragt für Kampagnen.

Es wundert wohl niemanden, dass ich meinen 25. Geburtstag in der Stockhorn Arena gefeiert habe. Und diesen werde ich nie wieder vergessen. Auf einmal kam die ganze 1. Mannschaft in die Lounge und hat mein Fest gecrasht. Das war der schönste Moment in meinem Leben!

Die Fotos und die Erinnerungen geben mir heute noch extrem viel Kraft. 

Was mich auch sehr berührt, sind Freundschaften, welche entstanden sind, die ich so nicht für möglich gehalten hätte. Bei manchen war es wirklich wie ein Turnaround.

Menschen bei denen ich dachte, dass sie auch in schlechten Zeiten für mich da sind, waren auf einmal weg. Andere von denen ich es nie erwartet hätte, waren auf einmal immer für mich da. Wie ich bereits erwähnt habe: «Jedes schlächtä het öppis guets, o wes numä ganz chli isch».

Und dann gibt es noch die Ärzte, welche auch – zwangsläufig - einen Platz in meinem Leben haben. Ich sehe diese Ärzte mehr als eine Art Freunde, da ich natürlich immer in regelmässiger ärztlicher Behandlung sein muss. 

Ich danke allen Menschen, die mich auf meinem Weg begleiten und mich tragen. Ihr gebt mir jeden Tag die Kraft und die Motivation weiterzumachen. Ihr macht mein Leben trotz vieler Rückschläge und Behinderung erträglich.

«Freunde sind wie Sterne. Du kannst sie nicht immer sehen, aber sie sind immer da.»

Danke an meine Ärzte: Prof. Dr. med. K. Michel, Dr. med. M. Solenthaler, Dr. med. N. Meier, Dr. med. H. Lochmann.

Mein grösster Dank geht an folgende Menschen: Meine ganze Familie, den ganzen FC Thun, Stifu, Familie Seiler, Familie Gerber, Familie Poçu, Familie von Gunten, Diana, Nicole und Domi, Ridge und Acelya, Luigi, René und Simone, Bea und Wali, Ruedi, Reto und Lüschi von SRF, Karen, der Verein «Härzbluet FC Thun», meine NLP Resonanz «Spatzen- Gruppe», sowie meine FMS Klasse (Abschlussjahrgang 2011).

Luana


Lattmann & Luana: ER war selfmade Himmelsstürmer und dirigierte als Aviatik-Manager eine Flotte von Business-Jets, ehe die MS ihm ein temporäres Grounding bescherte. SIE schlug als Jugendliche Belinda Bencic auf dem Tennis-Court, jetzt wehrt sie sich tagtäglich gegen den Versuch der MS, sie in die Knie zu zwingen. Oliver R. Lattmann (55) und Luana Montanaro (28) schreiben aus völlig unterschiedlichen Perspektiven über eine Sache: Ihre MS. Wie und wo sie im Alltag auf Verständnis und Solidarität treffen. Oder auch nicht. Und welche Hindernisse und Tabus ihnen rund um die unheilbare Krankheit MS in der Welt draussen (noch immer) begegnen. Lattmann & Luana sind #MiteinanderStark und unser Autoren-Team für den Welt MS Tag 2021.

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