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Einmaliges Familienerlebnis

Im Alltag lebt die MS-betroffene Mutter Maya Eigenmann getrennt von ihrer Familie. Dank einer Verlosung der MS-Gesellschaft konnten die vier endlich wieder mal Zeit miteinander verbringen und eine Woche Skiferien in Arosa geniessen – mit Vollpension und Rundumbetreuung.

Die Sonne blinzelt über die Bergdächer, der Himmel triumphiert in königlichem Blau und auf fernen Hügeln sieht man daumengrosse Figuren, die an Bügeln hochgezogen werden. Es herrscht die perfekte Winteridylle, als wir im Februar die Familie Eigenmann in Arosa treffen. Die vier Ostschweizer sitzen in der Cafeteria des Alterszentrums Arosa am Frühstückstisch, Vater Nik, Mutter Maya, die Kinder Pascal (15) und Fabienne (12). Durchs Fenster erheischt man einen Blick auf das Hörnli und das Schiesshorn, es ist der dritte Tag ihrer Ferien, an dem die Familie diesen Frühstücksausblick geniesst.

Vergangenheit präsenter als Gegenwart

Vater Nik und die Kinder sind bereits in Skimontur, Mutter Maya Eigenmann sitzt im Rollstuhl und führt die Kaffeetasse zum Mund. Die Anstrengung, die sie diese kleine Bewegung kostet, ist deutlich sichtbar. Tochter Fabienne steht ihr zur Seite, hält ihrem Mami immer wieder die Hand und kümmert sich um sie. Für sie ist es nicht leicht zu akzeptieren, dass vieles nicht mehr möglich ist, was andere 12-Jährige mit ihrer Mutter wie selbstverständlich erleben. Andererseits möchte sie sich bestmöglich um ihr Mami kümmern, sucht immer wieder die Nähe, die sie im Alltag nicht mehr hat.

Wir sprechen mit Nik über den Ablauf des Tages, da schaltet sich Maya ins Gespräch ein. «Rock‘n’Roll haben wir getanzt», sie lächelt. Mit dem Sprechen geht es nicht mehr ganz leicht. Das gemeinsame Tanzen mit Ehemann Nik liegt bereits über fünfzehn Jahre zurück. «Oft ist die Vergangenheit präsenter als das Jetzt», merkt er an, und er erinnert sich, wie Maya damals Schwierigkeiten erkennen liess, die Tanzschritte zu koordinieren – «rückblickend waren das wohl erste Anzeichen der MS». Heute ist Maya Eigenmann auf eine Rundumbetreuung und Pflege angewiesen. Die Cafeteria ist hell und freundlich eingerichtet, von Altersheimtristesse ist  nichts zu spüren. An den Wänden hängen grosse Fotos mit alpinen Motiven, die Infrastruktur ist nutzorientiert, die Atmosphäre dennoch gemütlich. 27 Personen wohnen hier dauerhaft, Feriengäste mit Beeinträchtigung werden während ihres Aufenthaltes ebenfalls vom Pflegepersonal versorgt. Das ermöglicht den Angehörigen, selber auch auf Ferienmodus umzuschalten.

Bereichernde Zeit im Schnee

Später steht ein besonderes Ereignis an. Oben auf der Piste wartet ein Dualskibob auf Maya. Bei diesem speziellen Skierlebnis pilotiert der Skilehrer durch einen Führungsgriff von hinten die Person, die in einer Sitzschale auf Skiern sitzt. Noch ist nicht klar, ob es klappen wird, das Angebot befindet sich im Aufbau und die Auswahl an Modellen ist noch beschränkt. Aber Maya ist voller Vorfreude: «Ich mache alles!» In ihren Augen blitzt übermütiger Schalk auf. Zusammen mit ihrer Familie überwindet die 43-Jährige bald darauf mit der barrierefreien Luftseilbahn die Höhenmeter, während hinter ihnen die Häuser und Strassen kleiner werden. Das intensive Zusammensein ist für die vier Eigenmanns etwas Besonderes. Seit drei Jahren ist Mutter Maya in einem betreuten Wohnheim in St. Gallen zuhause, Pascal und Fabienne leben mit dem Vater auf dem eigenen Bauernhof.

«Wir mussten irgendwann eine Entscheidung treffen – Arbeit, Kindererziehung und die Betreuung meiner Frau, das alles zusammen war irgendwann einfach nicht mehr zu bewältigen.» Als Landwirt mit einer eigenen kleinen Viehwirtschaft hat Nik Eigenmann zwischenzeitlich seinen Job im Aussendienst reduziert, um sich mehr um die Kinder zu kümmern. Denn im Alltag kann Maya Eigenmann nicht mehr für ihre beiden Teenager da sein. Dass sie nun gemeinsam eine unkomplizierte Zeit miteinander verbringen können, ist für alle vier ein einmaliges Erlebnis – im wahrsten Sinne des Wortes. 

Bei der Mittelstation herrscht hektisches Treiben, Skifahrer drängeln aneinander vorbei, Sonnenbrillen werden aufgesetzt, Sonnencreme aufgetragen. Die Lektion mit dem Dualski-Bob muss jedoch abgesagt werden. Es hat sich herausgestellt, dass noch kein passendes Modell zur Verfügung steht. Allen steht die Enttäuschung sichtlich ins Gesicht geschrieben. «C’est la vie, c’est la vie», sagt Maya aber tapfer. Die Junioren brechen auf die Piste auf, während Maya durch den Schnee zur Terrasse der Skihütte gerollt wird, wo sie einen Latte Macchiato mit Strohhalm bestellt. Auch wenn sie nicht mehr die Pisten unsicher machen kann, geniesst sie die Stunden mitten im Schnee, den Sonnenschein im Gesicht.

Selbstverständliches Beisammensein

«Wir sind wirklich allen dankbar, die uns diese Ferien ermöglicht haben», fasst Nik Eigenmann die gemeinsame Woche rückblickend zusammen. Die Schweiz. MS-Gesellschaft konnte diese Woche in Zusammenarbeit mit dem Alterszentrum Arosa ermöglichen. Täglich war Nik mit seinen Kindern auf der Piste, zum Mittagessen trafen sie sich mit Maya im Alterszentrum, am Abend waren sie jeweils alle wieder vereint. Am letzten Tag fuhr die ganze Familie gemeinsam aufs Weisshorn hinauf. Dort genossen sie einen Zvieri inmitten eines majestätischen Panoramas. Die Ferien wirkten sich auf alle positiv aus. Für  einmal standen nicht die praktischen Erfordernisse und Zwänge rund um die Betreuung von Maya im Zentrum, sondern einfach das selbstverständliche Beisammensein.

Wie gut es Maya auch während der jeweiligen Ski-Abwesenheit von Nik und den Kindern hatte, zeigte sich bei der Abreise. Viele Bewohner und Bewohnerinnen standen am Fenster und winkten fröhlich. «Maya kannte natürlich alle.»  Zurück im Wohnheim in St. Gallen erzählt Maya allen von ihren wunderbaren Ferien. Das Erlebnis, mit der Familie gemeinsam etwas anzupacken, hat die 43-Jährige berührt. In ihren Gedanken und Gefühlen war sie ganz dabei, als ihre Kinder die Pisten hinunter kurvten – ein gemeinsames Wintermärchen in weisser, knisternder Höhe.

Wir danken dem Alterszentrum Arosa, der Schweizer Skischule Arosa sowie den Arosa Bergbahnen für die grosszügige Zusammenarbeit, die der Familie Eigenmann diese Ferienwoche ermöglicht hat.