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Ein Zeichen an der Wand

Es ist viele, viele Jahre her, ich wusste nichts von MS, wirklich nichts. Ich hatte die Krankheit schon in mir, aber ich wusste es nicht und ebenso wenig Genaues darüber, nur dass es irgendwie eine sekundäre Erkrankung des Nervensystems sein könnte. 

Ich war beruflich im Jemen, es waren humanitäre Einsätze die wir unterstützten mit einigen unserer Flugzeuge. Also nicht gerade Ferien. Beim Anflug auf Aden gerieten wir unter Feuer, man versuchte tatsächlich, uns abzuschiessen. Drei Einschusslöcher haben wir als Souvenir bekommen, eines in ein Triebwerk - als Folge davon hingen wir dort für ein paar Tage fest.

Ich als Verantwortlicher für die Krisen-PR mitten drin. In Aden unter den Leuten, ohne Arabisch, nur Englisch sprechend, versuchte ich Fotos und Interviews zu bekommen, von Regierung und Leuten. Als erkennbarer Nordeuropäer fiel ich auf wie ein bunter Hund und wurde von den Menschen mehr als freundlich behandelt.

Bei einer Familie, der Vater in den Wirren des Bürgerkrieges ermordet, sprach ich mit der Mutter von drei Kindern, die sich irgendwie nicht stabil bewegen konnte. Sie hatte trotzdem Tee und Gebäck serviert. Immer wenn ich ihr helfen wollte, winkte sie ab… wir unterhielten uns mehr schlecht als recht in holprigem Englisch, mit Händen und Füssen, bis sie mir zu verstehen gab, dass sie eine Krankheit habe.

Sie wisse nicht genau wie und was und warum, aber sie wisse die Bezeichnung «MS»… Zum Abschied sagte mir dann ihre Tochter, dass mein Besuch das Beste war, was hätte passieren können. Ihre Mutter sei seit langer Zeit nicht mehr so lebendig und aktiv gewesen. Sie brauche keine Gehhilfe, sie brauche Seelennahrung. Und ich hätte ihr unwissend mehr Kraft geschenkt, als es jeder Gehstock jemals vermag…

Oliver R. Lattmann


Lattmann & Luana: ER war selfmade Himmelsstürmer und dirigierte als Aviatik-Manager eine Flotte von Business-Jets, ehe die MS ihm ein temporäres Grounding bescherte. SIE schlug als Jugendliche Belinda Bencic auf dem Tennis-Court, jetzt wehrt sie sich tagtäglich gegen den Versuch der MS, sie in die Knie zu zwingen. Oliver R. Lattmann (55) und Luana Montanaro (28) schreiben aus völlig unterschiedlichen Perspektiven über eine Sache: Ihre MS. Wie und wo sie im Alltag auf Verständnis und Solidarität treffen. Oder auch nicht. Und welche Hindernisse und Tabus ihnen rund um die unheilbare Krankheit MS in der Welt draussen (noch immer) begegnen. Lattmann & Luana sind #MiteinanderStark und unser Autoren-Team für den Welt MS Tag 2021.

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