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Durch dick und dünn - oder doch nicht?

Der Schock nach der Diagnose war gross, extrem gross. Ich wusste zum Glück noch nicht, wie schlimm es in den nächsten Jahren werden würde. Sogenannte «Freunde» zu verlieren, war aber vom Gefühl her genau so schlimm, wenn nicht sogar noch schlimmer. 

Da ich grosse Angst hatte (leider zurecht) vor den Reaktionen in meinem Umfeld, habe ich das mit der Diagnose zu Beginn nur ganz wenigen Menschen erzählt. Mit der Zeit wussten aber immer mehr Leute, dass ich an MS erkrankt bin. Die Anteilnahme war riesig, und sie hat gutgetan. Doch ich hätte mir gewünscht, dass sich weniger Menschen bei mir gemeldet hätten, dafür aber auch die, die mir damals viel bedeutet haben.

Doch diese Nachrichten kamen nicht und wenn, dann nur sehr selten. Aber auch diese verstummten je länger je mehr. Es waren nicht viele, die mir den Rücken gekehrt haben, aber es waren genau jene, von denen ich es nie für möglich gehalten hätte. 

War es Überforderung? War es Angst? Schämten sie sich, wenn andere sahen, dass sie mit mir unterwegs waren? Oder habe ich ihnen einfach nicht so viel bedeutet, wie sie umgekehrt mir bedeutet haben?

Ich weiss bis heute nicht, was genau war, ich habe keinen Kontakt mehr zu ihnen. Ich verstand es damals nicht und auch heute nicht, 10 Jahre später. Ich weiss schlichtweg nicht, wann und welche Fehler ich gemacht habe. Irgendetwas muss geschehen sein. 

Keine Erklärung, einfach weg von jetzt auf gleich. Bei vielen hatte ich nicht einmal mehr die Chance zu erklären was MS ist, und was es für mich, aber vielleicht auch für sie, bedeutet. Es kam auch niemand auf mich zu, um mir zu sagen, dass er/sie damit nicht klarkommt und keinen Kontakt mehr wünscht.

Nein, sie waren einfach weg. Am 31. Oktober 2010 noch Freunde. Mit der MS Diagnose am 1. November 2010 nicht mehr. 

Ich hätte vollstes Verständnis gehabt, wenn sie mir mitgeteilt hätten, dass sie mit meiner Diagnose nicht umgehen können, oder sich zumindest nicht damit auseinandersetzen möchten. Natürlich wäre es auch extrem hart gewesen, aber ich hätte zumindest gewusst, weshalb sie mir den Rücken kehren.

Das geschah aber bis heute nicht und darunter leide ich immer noch sehr. Wir waren eine verschworene Truppe, die immer zusammenhielt, no matter what. Nur, meine Diagnose war wohl zu viel.

Ich denke so oft an diese unbeschwerte Zeit zurück. Die tollen Bilder und die lustigen Videos bringen mich zum Weinen, weil es mich einfach traurig macht - ich vermisse diese Menschen sehr. Trotz allem. Sie haben mich unbeschreiblich fest enttäuscht, aber es war so eine schöne, unbeschwerte und unvergessliche Zeit.

Ich würde alles dafür tun, diese Truppe wieder zu vereinen - aber das ist wohl eine Mission Impossible. Wie gerne würde ich diese Menschen heute, 10 Jahre später, wiedersehen. Mit ihnen darüber sprechen, versuchen uns gegenseitig zu verstehen.

Jetzt sind wir alle zehn Jahre älter und erwachsen geworden. Falls jemand von ihnen mit mir Kontakt aufnehmen würde, dann würde ich mich extrem darüber freuen. Aber wenn es bis jetzt nicht der Fall war, dann wird das wohl nur ein unerfüllter Wunsch bleiben... 

Ich weiss nicht, weshalb meine MS-Erkrankung bei dieser Truppe zum Tabu wurde. Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass meine Offenheit in Bezug auf meine Krankheit als sehr positiv empfunden wird. 

Jedenfalls war der Verlust dieser Menschen sehr schwierig für mich. 

Doch der Albtraum war noch nicht vorbei. 

Nach dem ich meine geliebte FMS-Klasse verlassen musste (zu oft im Spital/in der Reha), begann eine Odyssee durch meine geliebte Fachmittelschule. Da ich krankheitsbedingt oft abwesend war, musste ich leider drei Mal die Klassenjahrgänge wechseln.

Ich wollte diesen Abschluss aber so extrem fest - auch für die tollen Lehrer, die alles für mich gemacht haben, damit ich den Abschluss machen kann - dass ich einige Erniedrigungen in Kauf nahm.

Das fing harmlos damit an, dass sich niemand neben mich setzen wollte, weil sie dachten MS sei ansteckend.

Es ging weiter mit Beleidigungen und Ausgrenzung.

Aber ein Ereignis gab mir den Rest: Ich hatte wieder einen starken Schub und musste lange im Spital bleiben. Da bekam ich auf einmal ein SMS, darin stand: «Ich springe jetzt aus dem Fenster, so dass ich auch ins Spital muss und Aufmerksamkeit bekomme. Du hast sicher nur gespielt, damit alle Mitleid mit dir haben und du die Prüfungen nicht schreiben musst».

Das war dann einfach zu viel. Ich war am Boden zerstört und musste mir leider eingestehen, dass ich so nicht weiter machen kann. Ich war körperlich, aber auch psychisch ein Wrack.

Viele Tabus, wenig Verständnis und keine Solidarität. Das waren wirklich einschneidende Erfahrungen, die mich sehr geprägt haben. 

Dass es aber auch ganz, ganz anders geht, erfahren Sie in meinen anderen Beiträgen…

Luana


Lattmann & Luana: ER war selfmade Himmelsstürmer und dirigierte als Aviatik-Manager eine Flotte von Business-Jets, ehe die MS ihm ein temporäres Grounding bescherte. SIE schlug als Jugendliche Belinda Bencic auf dem Tennis-Court, jetzt wehrt sie sich tagtäglich gegen den Versuch der MS, sie in die Knie zu zwingen. Oliver R. Lattmann (55) und Luana Montanaro (28) schreiben aus völlig unterschiedlichen Perspektiven über eine Sache: Ihre MS. Wie und wo sie im Alltag auf Verständnis und Solidarität treffen. Oder auch nicht. Und welche Hindernisse und Tabus ihnen rund um die unheilbare Krankheit MS in der Welt draussen (noch immer) begegnen. Lattmann & Luana sind #MiteinanderStark und unser Autoren-Team für den Welt MS Tag 2021.

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