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Die Prognose von Patienten mit Multipler Sklerose hat sich verändert

MS-betroffene Personen hören von ihren Neurologen immer wieder, wie wichtig eine frühe und ununterbrochene medikamentöse Verlaufstherapie ist. Diese soll den Verlauf ihrer Krankheit mildern und die Behinderungszunahme hinausschieben. Aber ist dies tastsächlich so? Verschiedene Studien geben nun Antwort.

Veränderte Behinderung über die Jahre erfassen

Anhand des sogenannten «Multiple Sclerosis Severity Score» (MSSS) wird untersucht, wie schnell die Behinderung von MS-Patienten voranschreitet.

Mittels zweier amerikanischer Datenbanken mit mehreren Tausend Patientendaten konnte nun ein Trend zu einem tieferen MSSS-Wert im Verlaufe der Zeit festgestellt werden: Personen, die 1996 in der Datenbank registriert worden sind, waren stärker behindert als Personen, die 2006 registriert worden sind. Darüber hinaus wurde aus diesen beiden Datenbanken herausgelesen, dass die Krankheitsverläufe innerhalb der ersten 10 Jahre seit Verfügbarkeit der Verlaufstherapien milder ausgefallen sind.

Diese Resultate passen gut zur Annahme, dass der frühe Einsatz von Verlaufstherapien einen positiven Effekt auf den Langzeitverlauf der MS aufweist.

Effekt wohl nur zum Teil therapiebedingt

Rückwirkende Studien aus Kanada, Italien und Schweden bestätigen diese Annahme: Bevor es Verlaufstherapien gab, verzeichneten MS-betroffene Personen durchschnittlich schneller einen hohen Behinderungsgrad. Nach Einführung der Verlaufstherapien dauerte es jeweils einige Jahre länger, bis MS-Betroffene den gleichen Behinderungsgrad aufwiesen. Der Behinderungsgrad wird mittels EDSS gemessen; EDSS steht für «Expanded Disability Status Score».

Aber es geht sicher nicht alles auf das Konto der Verlaufstherapien. Dank genaueren diagnostischen Verfahren können Ärzte heute eine MS bereits im sehr frühen Stadium erkennen und behandeln. Dies trägt sicher auch zum Trend zu einer geringeren Behinderung bei.

Unterschiede bei den Studienteilnehmern

Bei diesen und anderen Studien muss immer berücksichtigt werden, welche Daten überhaupt registriert werden. In den 1980er-Jahren wurden beispielsweise noch weitaus weniger Patienten in den Datenbanken registriert. Denn damals war es nicht immer üblich, die MS-Diagnose dem Patienten mitzuteilen, und mildere Formen wurden zum Teil gar nicht behandelt.

So ist anzunehmen, dass die Daten aus diesen Jahren vor allem von Patienten mit schweren Krankheitsverläufen stammen. Ausserdem waren früher zumeist nur berufstätige Männer krankenversichert. Aus diesem Grund gingen Frauen häufig gar nicht zum Arzt, und ihre Krankheiten tauchten folglich nie in den Datenbanken auf.

Dass es nach Einführung der Verlaufstherapien zu tendenziell milderen Verläufen kam, ist also nicht nur den Medikamenten an sich, sondern wohl auch diesen statistischen Faktoren zuzuschreiben.

Übernahme aus der «Schweizer Zeitschrift für Psychiatrie + Neurologie», Ausgabe 1 2020, mit freundlicher Genehmigung der Rosenfluh Publikationen AG.
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