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Am Rand der Gesellschaft (wo Beleidigungen Alltag sind)

Wie gerne wäre ich doch einfach ein 08/15-Mensch, gleichgestellt und in der Gesellschaft akzeptiert. Aber so läuft das nicht. Ich werde reduziert auf meine Behinderung. Dass hinter dieser Behinderung ein Mensch steckt, mit ganz vielen guten Eigenschaften, geht praktisch immer unter. 

Was sagt es über eine Gesellschaft aus, in der man «Bist du behindert, oder was, du Spast?» als Schimpf- und Fluchworte benutzt? Ziemlich viel. Aber definitiv nichts Gutes.

Ich bin ein Mensch (!). Ja, mit einer Behinderung. Aber ich verstehe es einfach nicht, warum Menschen mit Beeinträchtigungen nicht einfach in die Mitte der Gesellschaft genommen werden. Das Gegenteil ist der Fall!  Wir werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Wir werden gemieden, ausgegrenzt, belächelt, isoliert, diskriminiert und benachteiligt. Manchmal frage ich mich: Habe ich überhaupt eine Berechtigung zu leben? 

«Da kommt es das fette Ding. Ist das eine Sie oder ein Er? Egal, Hauptsache fett!».

«Rollstuhlfahrer sind absolut nichts wert und ekelhaft!» 

Das sind verbale Übergriffe. Es gibt auch ganz praktische: Die Lift-Türe im Untergeschoss mit einem Stein blockieren, damit die «wertlose» behinderte Rollstuhlfahrerin vom Erdgeschoss aus nicht mit dem Aufzug in den 2. Stock nach Hause fahren kann! Tag für Tag für Tag - immer und immer wieder Mobbing! Es tut einfach unbeschreiblich fest weh - und gibt mir immer das Gefühl, ein dreckiger, wertloser Mensch zu sein! 

Meine Freunde, meine Familie und die Erste Mannschaft vom FC Thun stehen immer solidarisch hinter mir – no matter what. Sie bauen mich auf, wenn ich wieder mit Beleidigungen bombardiert werde. Sie setzen sich für mich ein und stärken mir den Rücken.

«Inklusion lässt sich nicht einfach verordnen. Sie hängt wesentlich auch von den Einstellungen, Erfahrungen und Vorurteilen ab. Es muss in den Köpfen noch viel passieren, bis wir die Andersheit von Menschen als Gleichheit erleben.» Sagt Barbara Fornefeld, Professorin für Rehabilitationswissenschaft an der Universität Köln.

Also Leute, ernsthaft, lest das hier und denkt darüber nach: Wir sind alle gleich, wir sind Menschen. Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest!

Luana


Lattmann & Luana: ER war selfmade Himmelsstürmer und dirigierte als Aviatik-Manager eine Flotte von Business-Jets, ehe die MS ihm ein temporäres Grounding bescherte. SIE schlug als Jugendliche Belinda Bencic auf dem Tennis-Court, jetzt wehrt sie sich tagtäglich gegen den Versuch der MS, sie in die Knie zu zwingen. Oliver R. Lattmann (55) und Luana Montanaro (28) schreiben aus völlig unterschiedlichen Perspektiven über eine Sache: Ihre MS. Wie und wo sie im Alltag auf Verständnis und Solidarität treffen. Oder auch nicht. Und welche Hindernisse und Tabus ihnen rund um die unheilbare Krankheit MS in der Welt draussen (noch immer) begegnen. Lattmann & Luana sind #MiteinanderStark und unser Autoren-Team für den Welt MS Tag 2021.

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