Schmerzen bei MS

Mehr als zwei Drittel aller MS-Betroffenen leiden vorübergehend oder konstant unter Schmerzen. Erfahren Sie hier, woher die Schmerzen kommen, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und was Betroffene tun können.

Was verursacht Schmerzen bei MS?

Schmerzen als direkte Folge der MS

Schmerzen und schmerzhafte Missempfindungen, zum Beispiel Kribbeln oder Ameisenlaufen auf der Haut, können eine direkte Folge der MS sein. Sie entstehen, wenn Nervenfasern, die Schmerzimpulse leiten, beschädigt oder aussergewöhnlich aktiv sind. Diese Nervenfasern entladen sich dann fehlerhaft und das führt zu Schmerzen. 

Schmerzen als Folge von anderen MS-Symptomen

Vielfach treten Schmerzen auch als Folge von anderen MS-Symptomen auf. Wenn sich zum Beispiel wegen einer Spastik die Muskeln verspannen, schmerzt das, zudem kann eine Spastik auch zu ungewohnten Bewegungsmustern und damit zu schmerzhaften Fehlbelastungen der Gelenke und Sehnen führen. 

Schmerzen und Spastik treten oft zusammen auf 

Bei vielen Betroffenen treten Schmerzen und Spastik gemeinsam auf. Beide Symptome können sich sogar verstärken. Denn wenn eine krankhafte Erhöhung der Muskelspannung (Spastik) zu dauerhaft verkrampften Muskeln führt, kann das schmerzhaft sein. Gleichzeitig können bestehende Schmerzen Auslöser für die weitere Zunahme einer Spastik sein. 

Wie treten Schmerzen bei MS auf?

Die Schmerzen können als Anfall, vorübergehend oder dauerhaft auftreten. Wann und wie oft die Schmerzen auftreten, ist individuell. Sie können mal stärker und mal schwächer sein und sich auch über die Zeit verändern. 

Anfallsartige Schmerzen

Typisch sind: 

  • Augenschmerzen: Eine Sehnerv-Entzündung kann nicht nur zu Sehstörungen führen, sondern auch schmerzhaft sein, vor allem wenn die Sehnervenhülle betroffen ist.
  • Kribbeln beim Beugen des Kopfes (Lhermitte-Phänomen): Beim Lhermitte-Phänomen löst das Beugen des Kopfes ein unangenehm elektrisierendes, oft schmerzhaftes Kribbeln entlang der Wirbelsäule, über die Schultern und bis unter die Arme aus.
  • Stechen im Gesicht (Trigeminusneuralgie): Der Trigeminusnerv ist der Hauptnerv im Gesicht. Der Schmerz ist stechend und intensiv, dauert in der Regel wenige Sekunden bis einige Minuten und kann sich in unterschiedlichen Zeitabständen und in Phasen wiederholen. Er kann durch Kauen, Schlucken oder kalte Zugluft ausgelöst werden, aber auch ohne spezifischen Reiz auftreten. Zwischen den Attacken kann ein anhaltender, dumpfer oder brennender Schmerz bestehen.

Chronische (andauernde) Schmerzen

Chronische Schmerzen sind in der Regel weniger intensiv, dafür aber dauerhaft da. Sie können durch Berührungen und auch ohne äusseren Reiz auftreten. 

Für viele Betroffene ist es schwierig, den Schmerz zu beschreiben. Denn andauernde Schmerzen werden oft auch als konstantes Brennen, Druckgefühl, «Ameisenlaufen», krampfartiges Spannen, Stechen oder als unangenehmes Hitze- und Kältegefühl wahrgenommen. 


Wie werden Schmerzen bei MS behandelt?

Um die Schmerzen zu behandeln, müssen zunächst die Ursachen ermittelt werden. Erst dann kann eine geeignete Therapie oder eine Kombination aus verschiedenen Ansätzen festgelegt werden. Auch die persönlichen Bedürfnisse werden bei der Auswahl einer passenden Behandlung berücksichtigt. 

Während der Behandlung ist es wichtig, sich mit einer Schmerzexpertin oder einem Schmerzexperten offen auszutauschen. Denn nur so können die Faktoren gefunden werden, die den Schmerz beeinflussen. 

Medikamentöse Therapie

Die Herausforderung bei der Schmerzbehandlung ist, dass übliche Schmerzmittel, die nicht im zentralen Nervensystem wirken, bei MS meist erfolglos sind. Aus diesem Grund werden in der Regel Medikamente eingesetzt, die das Reizleitungssystem im ZNS regulieren. 

Leider gibt es auch hierfür keine allumfassende medikamentöse Schmerzbehandlung. Ob und wie jemand auf eine Behandlung anspricht, ist ausserdem sehr unterschiedlich. Oft müssen deshalb verschiedene Wege und Wirkstoffe ausprobiert und justiert werden. Jede Schmerzbehandlung ist damit individuell. Zudem müssen andere MS-Symptome, zum Beispiel die Fatigue, berücksichtigt werden, um diese durch den Einsatz von bestimmten Schmerzmitteln nicht zu verschärfen.

Auch unter Berücksichtigung der WHO-Richtlinien wird bei MS ein Behandlungspfad zur Schmerzbehandlung festgelegt:

WHO Stufenschema – 
Chronische Schmerzbehandlung

Nach den WHO-Richtlinien beginnt man mit Stufe 1: einem nicht-opioiden-Analgetikum, also einem schmerzstillenden Medikament, zum Beispiel Ibuprofen oder Paracetamol. Die Therapie kann dann auf ein schwaches Opioid (Stufe 2) oder starkes Opioid (Stufe 3) erhöht werden, wenn die vorherigen Therapien nicht wirken. Opioide gelten als sehr effektive Schmerzmittel, die direkt im zentralen Nervensystem wirken und so den Schmerzreiz unterdrücken. 

Sollte die medikamentöse Behandlung nicht wirken, können auf Stufe 4 auch invasive Massnahmen erfolgen. So kann das Medikament zum Beispiel auch per Katheter direkt am Nerv zur Unterbrechung der Schmerzleitung verabreicht werden.

Nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten 

Auch nicht-medikamentöse Behandlungen können schmerzlindernd wirken: 

  • Physiotherapie mit aktiven und passiven Bewegungen, Kräftigungsübungen, Haltungstraining, Wärme-Kälte-Anwendungen, Stosswellentherapie sowie Hippotherapie
  • Ergotherapie zur Anpassung von Alltagshilfsmitteln und Unterstützung bei alltäglichen Bewegungsabläufen
  • Psychotherapie für gezielte Entspannungsmethoden und vielleicht auch verhaltenstherapeutische Ansätze
  • Komplementärmedizin, zum Beispiel Akupunktur, Feldenkrais oder Craniosacral-Therapie
  • Wundbehandlung, zum Beispiel durch MS bedingte Druckgeschwüre. 

Ist ein schmerzfreies Leben mit MS möglich?

Leider sind Betroffene bei einer Schmerzbehandlung selten komplett schmerzfrei. Eine Linderung ist allerdings durchaus möglich. Eine Behandlung kann also die Lebensqualität erheblich steigern und sollte deshalb im besten Fall frühzeitig beginnen.


Was können Betroffene tun?

Verspüren Sie Schmerzen, sprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Neurologen. Der erste Schritt für eine sinnvolle Behandlung ist eine frühzeitige und fundierte Schmerzabklärung: Wo haben Sie Schmerzen? Wie fühlen sie sich an? Wann treten sie auf? Wie intensiv sind sie? Gibt es schmerzfreie Momente? Schmerzskalen oder ein Schmerztagebuch können Ihnen helfen, Ihre Empfindungen einzuordnen.

Während der Behandlung ist es wichtig, möglichst offen über Ihre Empfindungen zu sprechen. 

Die Schweiz. MS-Gesellschaft unterstützt Betroffene und Angehörige

Schmerzen bei MS können extrem kräftezehrend sein – vor allem, weil ihre Behandlung oft langwierig und komplex ist. Da Schmerzempfindungen bei MS so individuell sind wie die Erkrankung selbst, müssen Betroffene gemeinsam mit Fachleuten immer wieder neu abwägen, was die Therapie bringt und mit welchen Nebenwirkungen sie einhergeht. Für die Betroffenen, aber auch für ihr Umfeld, kann die psychische und physische Belastung auf diesem Weg enorm sein.

In dieser Zeit ist die Schweiz. MS-Gesellschaft gerne für Sie da – mit vielfältigen Entlastungs- und Beratungsangeboten oder persönlich am Telefon.

0844 674 636

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