Uhthoff-Phänomen: Wenn Hitze MS-Symptome verstärkt

Bei rund 70 bis 80 Prozent der MS-Betroffenen verschlechtern sich die MS-bedingten Symptome, wenn die Umgebungs- oder Körpertemperatur steigt: Die meisten leiden, wenn die Temperaturen steigen. Ein kleiner Teil reagiert auch auf Kälte negativ. 

Was ist das Uhthoff-Phänomen?

Das Uhthoff-Phänomen ist eine vorübergehende Verschlechterung von MS-Symptomen, die durch eine Erhöhung der Körpertemperatur ausgelöst wird. In selteneren Fällen reagieren Betroffene auch auf Kälte. Diese Reaktion zählt nicht zum Uhthoff-Phänomen, auch wenn die Betroffenen ebenfalls eine vorübergehende Verschlechterung der MS Symptome verspüren. 

Wodurch kann das Uhthoff-Phänomen ausgelöst werden?

Das Uhthoff-Phänomen führt bereits bei einer leichten Temperaturerhöhung ab 0,5 °C zu einer vorübergehenden und kurz anhaltenden Verstärkung der neurologischen MS-Symptome. Es kann durch eine hohe Aussentemperatur, ein heisses Bad oder eine heisse Dusche, einen Saunabesuch, körperliche Betätigung oder durch Fieber ausgelöst werden. 

Man spricht auch vom Pseudo-Schub

Für Betroffene ist das Uhthoff-Phänomen belastend. Psychisch, weil es sich im ersten Moment wie ein neuer MS-Schub anfühlt oder körperlich, weil die Symptome mehr einschränken als gewohnt. In diesem Zusammenhang wird teilweise auch von einem «Pseudo-Schub» gesprochen.

In der Regel unterscheiden sich das Uhthoff-Phänomen und ein echter Schub allerdings in ihrer Länge:

  • Uhthoff-Phänomen (Pseudo-Schub): Die Symptome verschwinden wieder, sobald der Körper abgekühlt ist und sich erholt hat (in der Regel weniger als 24 Stunden). Bei denjenigen, die auf Kälte reagieren, ist es umgekehrt: Die Symptome verschwinden, wenn sie wieder aufgewärmt sind.
  • Echter MS-Schub: Neu aufgetretene oder alte Symptome halten über mindestens 24 Stunden konstant an, und zwar völlig unabhängig von der Körpertemperatur.

Studie zur Temperatursensitivität des Schweizer MS Registers

Eine im Mai 2025 veröffentlichte Studie des Schweizer MS Registers gibt einen Einblick, wie sich diese Temperatursensitivität im Alltag zeigt. 

Die meisten Betroffenen reagieren auf Hitze

Von den 762 Befragten gaben 73 Prozent an, dass sich ihre MS-Symptome aufgrund von Änderungen der Umgebungstemperatur verschlechtern. Von diesen Befragten leidet fast die Hälfte, wenn es heiss wird. Demgegenüber stehen nur 6,5 Prozent, die auf Kälte negativ reagieren. Knapp 18 Prozent reagieren sowohl auf Hitze als auch auf Kälte mit mehr Beschwerden. Dabei konnten bezüglich der MS-Verlaufsformen, der Geschlechter sowie der verschiedenen Altersgruppen keine Unterschiede bei den Antworten ausgemacht werden.

Am häufigsten verstärken sich Fatigue, Muskelschwäche, Gang- und Gefühlsstörungen

Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass sich die allgemein häufigsten Symptome der jeweiligen MS-Verlaufsformen durch Hitze oder Kälte auch am meisten verstärken. Beispielsweise haben zwischen 70 und 83 Prozent der Registerteilnehmenden Fatigue. Diese ist mit 70 Prozent mit Abstand das häufigste Symptom, das sich durch Temperaturveränderungen verstärkt. Daneben nannten fast 50 Prozent Schwäche oder Muskelschwäche. Ausserdem berichteten etwa 40 Prozent von Gangstörungen sowie Gefühlsstörungen und Missempfindungen.

Was können Betroffene tun?

Umgang mit Hitze

Abhilfe schafft vor allem Kühlung durch Kälteanwendung: Durch die Verdunstung oder direkte Kühlung auf der Haut wird dem Körper Wärme entzogen. Zudem kann eine klimatisierte Umgebung zur Kühlung beitragen.

In der Studie des Schweizer MS Registers gaben die meisten Betroffenen an, dass ihnen eine kühle Dusche hilft, genau wie ein Ventilator oder kaltes Wasser und ein Kühltuch (Tuch aus Spezialfasern, das Feuchtigkeit für eine langanhaltende Kühlung durch Verdunstung nutzt).

Weitere Tipps für Betroffene:

  • Bei Fieber: Nehmen Sie bei Fieber ein fiebersenkendes Medikament, das für solche Fälle ärztlich verschrieben ist. Auch Wadenwickel und Essigsocken können helfen. Ist das Uhthoff-Phänomen nicht fieberbedingt, sollten dagegen keine fiebersenkenden Mittel eingenommen werden.
  • Körperliche Betätigung: Üben Sie Sport bevorzugt in der kühleren Tages- oder Jahreszeit aus und verlagern Sie ihn nach draussen anstatt in stickig-heisse Räumen. Und tragen Sie idealerweise Sportbekleidung mit atmungsaktiven, kühlenden Materialien (z.B. Tencel, Lyoncell). Sie hat einen kühlenden Effekt.
  • Verpflegung: Trinken Sie kühle (nicht eiskalte) Getränke, z. B. erfrischenden Eistee mit kühlender Pfefferminze, Zitronenmelisse oder Schafgarbe. Verzichten Sie lieber auf schwere Mahlzeiten.
  • Raumtemperatur: Lüften Sie im Sommer intensiv, wenn die Aussentemperatur tief ist. Verdunkeln Sie bei Sonnenschein die Fenster, um die Wärme aus den Räumen zu halten. Stellen Sie zudem einen Ventilator mit leichtem Dunstausstoss auf oder hängen Sie feuchte Wäsche im Wohnzimmer auf. Beides bringt Verdunstungskälte. Schalten Sie Elektrogeräte und Lampen am besten vollständig aus.
  • Schlafen: Verwenden Sie leichte Bettwäsche (z. B. Sommerdecke aus Baumwolle). Kühlen Sie ein Traubenkernkissen (statt wärmen) und legen Sie es gekühlt ins Bett. Es gibt auch kühlende Matratzenauflagen.
  • Kleidung: Tragen Sie helle, weite Kleidung aus natürlichen Materialien wie Leinen oder Seide. Im Sommer und bei trockener Luft bieten lockere lange Hosen und Röcke sowie langärmlige Oberteile Schatten und damit Kühlung.
  • Körper kühlen: Besprühen Sie sich mit Wasserdampf. Nehmen Sie bei Bedarf kühle Fuss- oder Armbäder, Nackenwickel oder eine lauwarme bis leicht kühle Dusche oder ein ebensolches Bad. Geben Sie in das Badewasser oder die Wickel Tropfen mit kühlenden ätherischen Ölen (z. B. Pfefferminze).
  • Kühlkleidung: Tragen Sie Kleidung mit Kühlelementen oder mit Gel gefüllten Inhalten, die ins Wasser getaucht werden. Sie tragen zu einer aktiven Kühlung bei.

Umgang mit Kälte

Da das Nervensystem bei MS besonders sensibel auf extreme Temperaturschwankungen reagiert, ist das Vermeiden von plötzlicher Kälte oft der beste Weg.

Tipps für Betroffene:

  • Warme Kleidung: Tragen Sie atmungsaktive, wärmende Kleidung oder nutzen Sie wärmende Accessoires, die den Körper konstant warmhalten.
  • Zwiebellook: Tragen Sie Ihre Kleidung in mehreren dünnen Schichten übereinander. Das isoliert die Körperwärme am besten und lässt sich flexibel anpassen, wenn man von der Kälte draussen in einen geheizten Innenraum kommt.
  • Extremitäten gezielt schützen: Kopf, Hals, Hände und Füsse kühlen am schnellsten aus. Dicke Handschuhe, Socken, ein Schal und eine Mütze helfen daher gerade im Winter.
  • Wohlfühlklima zu Hause: Blockieren Sie die Zugluft und halten Sie die Wohnräume auf einer konstant angenehmen Temperatur. Bei längerem Sitzen (z. B. am Schreibtisch) helfen Heizdecken oder wärmende Kuschelwesten.
  • In Bewegung bleiben: Regelmässige, sanfte Aktivität (wie Physio-Übungen, leichtes Stretching oder Spaziergänge) fördert die Durchblutung. Das wärmt den Körper von innen und wirkt der Muskelversteifung aktiv entgegen.
  • Warme (aber nicht kochend heisse) Getränke: Ein warmer Tee oder eine Suppe tun gut, sollten aber nicht glühend heiss getrunken werden – sonst kann das Uhthoff-Phänomen durch einen starken Temperaturanstieg entstehen.

Die Schweiz. MS-Gesellschaft unterstützt Betroffene und Angehörige

Das Uhthoff-Phänomen schnell ausbremsen – sei es durch verschwommenes Sehen, Gangunsicherheit oder starke Fatigue. Diese ständige Ungewissheit verunsichert und führt bei manchen Betroffenen dazu, dass sie sich mehr isolieren.

Genau in diesen Momenten sind wir für Betroffene und Angehörige da. Die Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft unterstützt mit praktischen Hilfsstrategien für das Temperaturmanagement, einfühlsamer Beratung und einem starken Netzwerk zum Austausch.

Erfahren Sie mehr über unsere vielfältigen Entlastungs- und Beratungsangebote oder kontaktieren Sie uns persönlich.

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