Gangstörungen bei MS

Gangunsicherheit bei Multipler Sklerose kann plötzlich auftreten oder sich schleichend entwickeln – begleitet von der Sorge zu stürzen, dem Verlust von Selbstvertrauen und der Frage, wie lange die eigene Mobilität erhalten bleibt.

Wie äussern sich Gangstörungen bei MS?

Gangstörungen bei MS äussern sich häufig durch:

  • Gangunsicherheit
  • Schwäche in den Beinen
  • Koordinationsprobleme
  • Schnelle Ermüdung der Beine
  • Schwierigkeiten beim Losgehen oder Stehenbleiben 

Gangstörungen können als erstes Anzeichen von MS auftreten oder sich im Rahmen eines Schubes verschlechtern. Bei einem fortschreitenden Verlauf der Erkrankung kann sich die Unsicherheit auch über einen längeren Zeitraum schleichend entwickeln.


Warum kommt es bei MS oft zu Gangstörungen?

Durch entzündungsbedingte Schäden im ZNS

Hauptursache für Gangstörungen bei MS sind entzündungsbedingte Schäden – sogenannte Läsionen – im zentralen Nervensystem (ZNS), insbesondere im Rückenmark, Kleinhirn und Hirnstamm. 

Läsionen im Rückenmark beeinträchtigen die Weiterleitung und Verarbeitung motorischer und sensorischer Signale, die für das Gehen notwendig sind. Infolgedessen kann es zu Gangstörungen kommen. Auch das Kleinhirn spielt eine zentrale Rolle bei der Koordination und Steuerung von Bewegungen und ist eng mit verschiedenen motorischen Netzwerken im Gehirn und Rückenmark vernetzt. Wichtige Verbindungen zwischen Gehirn, Kleinhirn und Rückenmark liegen im Hirnstamm, Läsionen können hier das Gleichgewicht, die Haltung und die Bewegungskoordination stören.  

Als Begleiterscheinung anderer Symptome

Gangstörungen können auch als Begleiterscheinung eines anderen MS-bedingten Symptoms auftreten: 

  • Bei Spastik: Bei MS kommt es häufig zu unwillkürlicher Muskelanspannung (Spastik), die die Bewegungsfreiheit einschränken, das Gehen erschweren und die Muskulatur schwächen kann.
  • Bei Fatigue: Eine starke Erschöpfung (Fatigue) ist eines der häufigsten Symptome bei MS. Sie kann so stark sein, dass sie die körperliche Aktivität, und damit auch das Gehen, stark einschränkt.
  • Bei kognitiven Beeinträchtigungen: Viele MS-Betroffene leiden zudem unter Konzentrationsschwierigkeiten. Auch sie können die Koordination und das Gleichgewicht beim Gehen beeinflussen.
  • Durch visuelle Beeinträchtigungen: Sehstörungen, zum Beispiel verschwommenes Sehen oder Blitze im Sichtfeld, können die räumliche Orientierung und das Gleichgewicht beeinflussen.

Wie werden Gangstörungen bei MS behandelt?

Möglich sind eine medikamentöse Behandlung, gezielte MS spezifische Physiotherapie oder auch der Einsatz von Hilfsmitteln. Für eine passende Therapie beraten Sie sich am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Medikamentöse Behandlung

Zur medikamentösen Behandlung von Gangstörungen kann Fampridin eingesetzt werden. Dieser Wirkstoff sorgt dafür, dass Nervenbahnen elektrische Signale besser weiterleiten. Bei etwas mehr als einem von drei Betroffenen zeigt der Wirkstoff eine klar messbare Wirkung. Daher wird das Medikament in einer Testphase von zwei bis vier Wochen ausprobiert, um die Wirkung zu klären. Bei den Betroffenen, die gut darauf ansprechen, nimmt die Gehgeschwindigkeit und Ausdauer spürbar zu. In der Regel wird Fampridin vor allem bei eingeschränkter, aber noch vorhandener, Gehfähigkeit zusätzlich zum Gangtraining eingesetzt. 

Es gibt weitere Medikamente, die zur Symptombehandlung von zum Beispiel Spastik eingesetzt werden und damit zu einer Verbesserung der Gehfähigkeit beitragen.

Physiotherapie

Gezieltes Gangtraining, Sensibilitätstraining sowie Kraft- und Gleichgewichtsübungen helfen dabei, die Gehfähigkeit zu verbessern, zu erhalten und Stürze zu reduzieren. Spezifische Ansätze umfassen beispielsweise das repetitive Gehtraining oder geräteunterstützte Therapien, zum Beispiel auf dem Laufband.

Hilfsmittelversorgung

Auch Hilfsmittel können den Alltag erleichtern. So können sie einerseits Mitmenschen anzeigen, dass mehr Rücksicht geboten ist und andererseits helfen, Stürze zu vermeiden. Bei leichter Gangunsicherheit eignen sich Stöcke, die punktuell unterstützen oder auch Schienen, sogenannte Orthesen. Ist die Gangunsicherheit stärker, können Rollatoren oder Rollstühle entlasten. 


Was können Betroffene tun? 

  • Geeignetes Schuhwerk tragen: Tragen Sie komfortable Schuhe mit rutschfesten Sohlen, die das Gehen erleichtern.
  • Erschöpfung beim Gehen vermeiden: Legen Sie regelmässige Pausen ein, um erschöpfungsbedingte Gangunsicherheit zu vermeiden.
  • Sicherheitsvorkehrungen treffen: Entfernen Sie Stolperfallen in Ihrem Zuhause (z. B. Teppiche), sorgen Sie für eine gute Beleuchtung und verwenden Sie rutschfeste Matten im Badezimmer.
  • Überlegen Sie sich, welche positiven Effekte ein Hilfsmittel hat. Dann fällt es Ihnen leichter, ein solches zu akzeptieren. Lassen Sie sich informieren, welche Kosten durch Sozialversicherungen übernommen werden können.
  • Unterstützung suchen: Gangstörungen können auch emotional belasten. Lassen Sie sich von Ihrer Familie oder professionellen Anlaufstellen unterstützen.

Die MS-Gesellschaft unterstützt Betroffene und Angehörige

Gangstörungen können den Alltag auf vielfältige Weise verändern. Wege, die früher selbstverständlich waren, erfordern plötzlich mehr Konzentration, Planung oder Unterstützung. Unsichere Schritte, Gleichgewichtsprobleme oder die Sorge vor einem Sturz können dazu führen, dass Betroffene sich weniger zutrauen und Aktivitäten vermeiden, die ihnen eigentlich Freude bereiten. Das kann verunsichern und belasten – nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch ihre Angehörigen.

Gerade in solchen Momenten ist es wichtig, Unterstützung zu haben. Die Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft begleitet Menschen mit MS und ihre Angehörigen mit praktischen Tipps, persönlicher Beratung und Möglichkeiten zum Austausch. 

Erfahren Sie mehr über unsere umfassenden Dienstleistungs- und Entlastungsangebote oder kontaktieren Sie uns persönlich.

0844 674 636