Der Verlauf einer Multiplen Sklerose (MS) ist individuell sehr unterschiedlich. Über viele Jahre stützte sich die Beurteilung der Erkrankung vor allem auf traditionelle Verfahren wie neurologische Untersuchungen, Magnetresonanztomografie, Blutwerte oder spezielle Fragebögen. Diese Untersuchungen finden jedoch meist nur wenige Male pro Jahr statt. Was zwischen zwei Terminen geschieht, bleibt weitgehend im Dunkeln. Zudem spiegeln kurze Untersuchungen im Spital oder in der Praxis nicht immer die tatsächliche Belastung oder Leistungsfähigkeit im Alltag wieder.
Hier setzen digitale Messverfahren an. Mithilfe von elektronischen Geräten wie Smartphones oder Smartwatches erfasste Messwerte ermöglichen regelmässige, teilweise sogar kontinuierliche Erhebungen im gewohnten Umfeld und erlauben so einen alltagsnahen Blick auf den Gesundheitszustand ihrer Trägerin oder ihres Trägers. Digitale Messwerte lassen sich zudem objektiv und standardisiert auswerten. So lassen sich Schwankungen vermeiden, die bei Untersuchungen durch unterschiedliche Personen auftreten können.
Die dreaMS-App: digitale Verlaufsbeobachtung bei MS
Ein konkretes Beispiel für den Einsatz digitaler Hilfsmittel ist die in Basel entwickelte App «dreaMS». Sie wurde speziell für Menschen mit MS konzipiert und erlaubt es, regelmässig strukturierte Tests durchzuführen. Nutzerinnen und Nutzer absolvieren aktiv verschiedene Aufgaben – etwa Gehübungen mit dem Smartphone in der Tasche oder in der Hand, Treppensteigen, Seh- oder Gedächtnistests. So können Informationen zu Bewegung, Gleichgewicht und Feinmotorik erfasst werden, aber auch zu Sehfähigkeit, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung. Ergänzend kommen Fragebögen zum Einsatz, etwa zur Einschätzung der Symptome oder Lebensqualität. Parallel dazu sammelt eine Smartwatch im Hintergrund passiv Daten wie Schrittzahl, Herzfrequenz, Schlafdauer und Kalorienverbrauch.
Eine erste Studie mit 31 MS-Betroffenen und 31 gesunden Kontrollpersonen zeigte, dass die App zuverlässige Resultate liefert. Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit MS beurteilten die Tests zudem als sinnvoll und relevant für ihre Erkrankung. Auf dieser Grundlage wurde 2022 eine grössere Studie mit 275 MS-Betroffenen und 50 gesunden Kontrollpersonen gestartet. Sie untersucht, wie gut die digitalen Messwerte mit etablierten klinischen Tests bei MS übereinstimmen. Die Studie soll 2026 abgeschlossen werden.
Erste Auswertungen der Smartwatch-Daten der Teilnehmenden ergaben bereits spannende Resultate: Stärker von MS betroffene Personen legen im Alltag weniger Schritte zurück als nicht so stark betroffene. Zudem weisen sie einen geringeren Anteil an Tiefschlaf pro Nacht auf und haben tendenziell eine höhere durchschnittliche Herzfrequenz. Solche Zusammenhänge könnten künftig helfen, subtile Veränderungen früher zu erkennen und Krankheitsverläufe genauer zu dokumentieren.
Sprache als Hinweis auf subtile MS-Symptome
Neben Bewegungs- und Aktivitätsdaten rücken zunehmend auch andere Bereiche, so zum Beispiel die Sprache, in den Fokus digitaler Forschung. Es gibt Hinweise darauf, dass MS-bedingte Einschränkungen im Denken, aber auch Fatigue (körperliche und geistige Erschöpfung) sowie Depressionen zu Veränderungen im Sprechen führen können.
Am MS Zentrum in Dresden wird derzeit an einer automatisierten Sprachanalyse gearbeitet, mit deren Hilfe bereits subtile Veränderungen erkannt und ausgewertet werden können. Menschen mit MS führen dort unter Anleitung auf einem Tablet selbständig Sprachübungen durch. Die gewonnenen Daten können in die reguläre Betreuung integriert werden und helfen, Veränderungen im Denken, Anzeichen von Fatigue oder depressive Symptome frühzeitig zu erkennen und in therapeutische Überlegungen einzubeziehen.
In einem weiteren Projekt wird zudem ein neuartiges System zur sprachbasierten Überwachung von MS-Symptomen aus der Ferne erprobt. Dabei interagieren die Betroffenen im häuslichen Umfeld mit einem digitalen System, das sprachliche Merkmale analysiert und die Ergebnisse an die behandelnde Fachperson übermittelt. Ziel ist es, Verschlechterungen oder neu auftretende Symptome möglichst früh zu erfassen und bei Bedarf rasch mit therapeutischen Anpassungen zu reagieren.
Ergänzung statt Ersatz
Ob durch regelmässige Messungen im Alltag wie im Basler Projekt oder durch strukturierte Analysen wie am MS Zentrum Dresden – unterschiedliche digitale Ansätze verfolgen ein gemeinsames Ziel: Veränderungen möglichst früh und präzise zu erkennen. Digitale Verfahren sollen bestehende Untersuchungsmethoden nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen und dazu beitragen, die Betreuung von Menschen mit MS weiter zu verbessern.
Dr. med. Tim Woelfle arbeitet klinisch in der Neurologie am Universitätsspital Basel und forscht am RC2NB (Research Center for Clinical Neuroimmunology and Neuroscience Basel).
Prof. Dr. med. Tjalf Ziemssen leitet das Zentrum für klinische Neurowissenschaften & Multiple Sklerose Zentrum am Universitätsspital Dresden. Er ist wissenschaftlicher Direktor des Studiengangs Multiple Sklerose Management an der Dresden International University.
«MS State of the Art Symposium»
Das «MS State of the Art Symposium» ist der bedeutendste Fachkongress zum Thema Multiple Sklerose in der Schweiz und wird von der Schweiz. MS-Gesellschaft und ihrem Medizinisch-wissenschaftlichen Beirat organisiert. 2026 fand das Symposium am 24. Januar im KKL Luzern statt.