Im Workshop «Fatigue und Energiemanagement» am «MS State of the Art Symposium» stand deshalb die Frage im Zentrum, wie Neuropsychologie und Ergotherapie Betroffene darin unterstützen können, Fatigue besser zu verstehen und die vorhandene Energie im Alltag bewusster einzusetzen.
Fatigue bei Menschen mit Multipler Sklerose (MS) unterscheidet sich deutlich von gewöhnlicher Müdigkeit oder Erschöpfung, wie sie auch gesunde Menschen kennen. Fatigue wird von Betroffenen als ein anhaltender Mangel an körperlicher und/oder geistiger Energie beschrieben, der sie in ihren Aktivitäten einschränkt und der auch nicht durch Schlaf oder Ausruhen verschwindet.
Studien zeigen, dass zwischen 75 und 90 Prozent der Menschen mit MS im Verlauf ihrer Erkrankung von Fatigue betroffen sind. Sie beeinflusst nicht nur das körperliche und geistige Wohlbefinden, sondern wirkt sich auch auf die Arbeitsfähigkeit und die Lebensqualität aus.
Die eigene Energiekurve kennen und gezielt steuern
Ein zentrales Element des Workshops, geleitet von der Ergotherapeutin Andrea Weise (Ergotherapie Impulse) und der Neuropsychologin Charlene von der Weid (Universitätsspital Genf), war der Umgang mit der Fatigue beziehungsweise das Energiemanagement.
Andrea Weise erläuterte dazu das ergotherapeutische Vorgehen, das auf einem persönlichen Energieprofil basiert. Dazu wird über einen oder mehrere Tage hinweg aufgezeichnet, wie sich das Energieniveau im Laufe des Tages verändert. Solche Visualisierungen helfen zu erkennen, wann Energie verloren geht, wo kurze Erholungsphasen stattfinden und zu welchen Zeitpunkten Überlastung droht. Ziel ist es, den persönlichen «Akku» möglichst im grünen Bereich zu halten.
In der Ergotherapie lernen Betroffene verschiedene Strategien kennen, um ihre Energie im Alltag optimal einzusetzen. Dazu gehört zum Beispiel, Aktivitäten über den Tag und die Woche sinnvoll zu verteilen, anstrengende Tätigkeiten aufzuteilen und bewusste Pausen einzuplanen.
Ebenso wichtig ist es, Prioritäten zu setzen. Nicht alles, was erledigt werden müsste, muss zwingend an einem Tag gemacht werden. Wenn Energie knapp ist, stellt sich die Frage, was wirklich wichtig ist und was delegiert oder allenfalls durch den Einsatz von Hilfsmitteln vereinfacht werden kann.
Andrea Weise betonte zudem, dass Erholung nicht zwingend lange Ruhezeiten bedeuten muss. Auch kurze und für das Individuum wirklich Erholung bietende Pausen können helfen, das Energieniveau zu stabilisieren. Entscheidend sei vor allem, dass diese Pausen im realen Alltag umsetzbar sind – sei es unterwegs, mit kleinen Kindern, bei der Arbeit oder zwischen zwei Terminen.
Zum Schluss ihrer Ausführungen stellte Andrea Weise eine in der Schweiz entwickelte «Energiemanagement-Schulung (EMS)» vor, welche in Gruppen durchgeführt und mittlerweile nicht mehr nur bei MS-Betroffenen mit Fatigue eingesetzt wird. In verschiedenen Studien erzielte das Programm unter anderem positive Effekte auf Selbstwirksamkeit und Lebensqualität, die sich auch noch Monate nach Abschluss der Therapie zeigten.
Kombiniertes Programm entwickelt
Neuropsychologin Charlene von der Weid berichtete über ein neuropsychologisches Programm, das für das Fatigue-Management entwickelt wurde. Ursprünglich als Gruppentherapie konzipiert, wurde schnell klar, dass sich nicht alle Themen –etwa familiäre Situationen oder berufliche Herausforderungen – gleichermassen gut im Gruppenrahmen besprechen liessen. Das Programm wurde deshalb weiterentwickelt und um individuelle Sitzungen ergänzt.
In einem nächsten Schritt wurden das neuropsychologische Programm und die ergotherapeutische EMS kombiniert. Erste Auswertungen dieses kombinierten Ansatzes zeigten vielversprechende Ergebnisse: Die Teilnehmenden berichteten von einem besseren Verständnis ihrer Fatigue, einem stärkeren Gefühl der Kontrolle und einer verbesserten Lebensqualität. Im Allgemeinen gelange es ihnen, ihre Fatigue unter der Woche zu verringern, ohne ihre Aktivitäten einschränken zu müssen.
Neuropsychologie und Ergotherapie als ideales Team
Der Workshop machte deutlich, wie gut sich die beiden Fachrichtungen Neuropsychologie und Ergotherapie bei der Behandlung von Fatigue ergänzen. Während die Neuropsychologie dabei hilft, Fatigue besser zu verstehen, Warnzeichen für eine Überforderung rechtzeitig zu erkennen und interne sowie externe Strategien zu entwickeln, unterstützt die Ergotherapie die Umsetzung dieser Erkenntnisse im Alltag, passt Tagesabläufe und Umgebungen an und erhält die Teilhabe an bedeutungsvollen Aktivitäten.
Gemeinsam begleiten beide Fachrichtungen Betroffene dabei, passende und individuell umsetzbare Strategien zu finden – mit dem Ziel, Selbstständigkeit und Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern.
Andrea Weise ist Ergotherapeutin MSc und Inhaberin von «Ergotherapie Impulse». Sie forscht an der Fachhochschule Südschweiz SUPSI in Manno.
Charlene von der Weid ist Neuropsychologin FSP am Universitätsspital Genf.
«MS State of the Art Symposium»
Das «MS State of the Art Symposium» ist der bedeutendste Fachkongress zum Thema Multiple Sklerose in der Schweiz und wird von der Schweiz. MS-Gesellschaft und ihrem Medizinisch-wissenschaftlichen Beirat organisiert. 2026 fand das Symposium am 24. Januar im KKL Luzern statt.