Im Jahr 2025 gab es in der Schweiz mehrere Neuzulassungen für die MS-Therapie. So ist seit Februar mit Ublituximab (Briumvi®) ein weiterer Anti-CD20-Antikörper verfügbar. Diese Medikamente greifen gezielt B-Zellen des Immunsystems an, die bei der MS eine zentrale Rolle spielen. Ublituximab unterscheidet sich in seiner Struktur leicht von den bisher verfügbaren Anti-CD20-Antikörpern, was zu einer ausgeprägten und schnellen Wirkung auf diese Zellen beitragen kann. Zugelassen ist das Medikament für erwachsene Personen mit schubförmiger MS und aktiver Erkrankung, definiert durch klinischen Befund oder Bildgebung. Ublituximab wird intravenös verabreicht. Dabei erfolgen die ersten beiden Infusionen im Abstand von 2 Wochen. Die folgenden Dosen werden in einem Abstand von 24 Wochen gegeben.
Natalizumab-Biosimilar: gleichwertig, aber mit Besonderheiten
Im Juni 2025 wurde in der Schweiz erstmals ein Biosimilar zugelassen, namentlich für den Wirkstoff Natalizumab (Tyruko®). Ein Biosimilar ist ein Nachahmerpräparat eines biologischen Arzneimittels wie z.B. einem Eiweiss (Antikörper), das dem Original in Struktur, Wirkung und Sicherheit sehr ähnlich, aber nicht identisch ist. Deshalb müssen Biosimilars vor ihrer Zulassung nochmals in Studien überprüft werden, auch wenn diese Studien weit weniger aufwändig sind. Diese ergaben, dass Tyruko® hinsichtlich Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit dem Originalpräparat entspricht.
In der Praxis trägt der Einsatz von Biosimilars dazu bei, die Behandlungskosten zu senken. Allerdings ergeben sich auch neue Fragen. Beim Natalizumab-Biosimilar betrifft dies vor allem die Einschätzung des Risikos für eine seltene, aber schwerwiegende Infektion des Gehirns (progressive multifokale Leukenzephalopathie, PML). Zur Bestimmung dieses Risikos werden beim Originalpräparat und beim Biosimilar zwei verschiedene Bluttests eingesetzt, die zu etwas unterschiedlichen Resultaten führen. Um den behandelnden Ärztinnen und Ärzten hier Orientierung zu geben, hat der Medizinisch-wissenschaftliche Beirat der Schweiz. MS-Gesellschaft eine Stellungnahme formuliert. Ziel sei es, trotz unterschiedlicher Testmethoden eine sichere und nachvollziehbare Betreuung zu gewährleisten, wie Prof. Chan betonte.
BTK-Hemmer: Resultate noch uneinheitlich
Ein weiterer Schwerpunkt waren die Hemmer der Bruton-Tyrosinkinase (BTK-Hemmer). Die Vertreter dieser Substanzklasse können als Tabletten eingenommen werden und sollen nicht nur Schübe reduzieren, sondern auch das Fortschreiten der Erkrankung hemmen. Daher bestand vor allem grosse Hoffnung auf eine Wirkung der BTK-Hemmer bei den progredienten Formen der MS, da es hier bislang nur wenige wirksame Behandlungsoptionen gibt.
Die Studienergebnisse fallen jedoch uneinheitlich aus. Während einzelne Untersuchungen für den BTK-Hemmer Tolebrutinib bei bestimmten Patientengruppen wie der sekundär chronisch progredienten MS positive Effekte zeigten, konnten andere Studien – insbesondere bei der primär progredienten MS – ihre Ziele nicht erreichen. Hinzu kommen Sicherheitsbedenken, vor allem im Zusammenhang mit möglichen Leberschäden. Aus diesen Gründen haben die Zulassungsbehörden zusätzliche Daten verlangt, bevor über eine breitere Anwendung von Tolebrutinib entschieden wird.
Für einen anderen BTK-Hemmer, Fenebrutinib, wurden Ende 2025 erstmals positive Studiendaten publiziert. So zeigte sich bei der schubförmigen MS eine Reduktion der Krankheitsaktivität. Auch bei der primär progredienten MS gab es Hinweise auf einen möglichen Nutzen. Die Ergebnisse werden derzeit noch detailliert ausgewertet, sodass offen ist, welche Rolle Fenebrutinib künftig in der MS-Therapie spielen könnte.
Zwischen neuen Optionen und offenen Fragen
Zusammenfassend zeigte Prof. Chan, dass es in der MS-Therapie weiterhin Fortschritte gibt, insbesondere bei den schubförmigen Verlaufsformen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass nicht jede neue Therapie die hohen Erwartungen erfüllt. Gerade bei der fortschreitenden MS bleiben viele Fragen offen.
Neben medikamentösen Ansätzen gewinnen daher auch ergänzende Strategien an Bedeutung, etwa gezielte Programme zur Behandlung der bei MS häufig auftretenden typischen Müdigkeit (Fatigue) und Einschränkungen von Gedächtnis und Aufmerksamkeit. Erste Studien deuten darauf hin, dass strukturierte Informations- und Schulungsangebote sowie achtsamkeitsbasierte Ansätze diese Beschwerden und damit auch die Lebensqualität insgesamt verbessern können.
Prof. Dr. Andrew Chan ist Chefarzt und Leiter des Universitären Ambulanten Neurozentrums des Inselspitals Bern sowie Vizerektor der Universität Bern. Er ist Mitglied des Vorstands und des Medizinisch-wissenschaftlichen Beirats der Schweiz. MS-Gesellschaft.
«MS State of the Art Symposium»
Das «MS State of the Art Symposium» ist der bedeutendste Fachkongress zum Thema Multiple Sklerose in der Schweiz und wird von der Schweiz. MS-Gesellschaft und ihrem Medizinisch-wissenschaftlichen Beirat organisiert. 2026 fand das Symposium am 24. Januar im KKL Luzern statt.