Neue Einblicke in die progrediente Multiple Sklerose

Fachartikel

Am 24. Januar 2026 fand in Luzern das 28. MS State of the Art Symposium der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft statt. Vorträge und Workshops widmeten sich der Frage, wie sich das Fortschreiten der Multiplen Sklerose heute besser verstehen, früher erkennen und gezielter behandeln lässt. Das Symposium bot einmal mehr neueste Informationen aus der Forschung und wertvollen Raum für Austausch und Diskussion.

Im Zentrum des diesjährigen MS State of the Art Symposiums stand die progrediente Multiple Sklerose (MS), also jene Form der Krankheit, die ohne Schübe schleichend zunimmt. Trotz grosser Fortschritte auf dem Gebiet der schubförmigen MS bleibt das schleichende Fortschreiten der Erkrankung eine grosse Herausforderung. Entsprechend lag der Fokus des Programms auf dem frühen Erkennen von Veränderungen im Krankheitsverlauf sowie auf neuen diagnostischen und therapeutischen Ansätzen. 

In seiner Begrüssung ging der Präsident der MS-Gesellschaft, Prof. Dr. Jürg H. Beer, auf die umfassenden Aktivitäten der MS-Gesellschaft im vergangenen Jahr ein. Er hob insbesondere das langjährige Engagement in der Forschungsförderung, den Ausbau von Beratungs- und Unterstützungsangeboten sowie die Bedeutung des Austauschs zwischen Forschung, Klinik und Betroffenen hervor.

Was steckt hinter dem schleichenden Fortschreiten?

Prof. Dr. Tanja Kuhlmann (Universitätsklinikum Münster, DE) erläuterte, weshalb sich das Voranschreiten einer MS häufig nicht allein durch akute Schübe erklären lässt. Ein wichtiger Grund dafür sind schleichende Entzündungsprozesse im Gehirn. Diese können über längere Zeit bestehen bleiben und dabei Nervenzellen und ihre Verbindungen untereinander schädigen. 

Prof. Kuhlmann zeigte auf, dass bestimmte chronisch entzündete Bereiche im Gehirn mit einem ungünstigeren Krankheitsverlauf in Verbindung stehen. Sie betonte zwar, dass das Gehirn grundsätzlich über Reparaturmechanismen verfügt, diese aber oft nicht ausreichen, um entstandene Schäden vollständig auszugleichen. Umso wichtiger sei es, voranschreitende Krankheitsprozesse frühzeitig zu erkennen und besser zu verstehen.

Moderne Bildgebung macht feine Veränderungen sichtbar

Prof. Dr. Cristina Granziera (Universitätsspital Basel) legte den Fokus auf die Möglichkeiten moderner bildgebender Verfahren zur frühen Erkennung schleichender Krankheitsprozesse. So erlaubt der Einsatz neuer Techniken bei der Magnetresonanztomographie (MRT) einen differenzierteren Blick auf das Gehirn. Damit werden feinere Veränderungen sichtbar, die mit einem fortschreitenden Krankheitsverlauf in Zusammenhang stehen. 

Solche Befunde helfen, die Lücke zwischen scheinbar stabilen Untersuchungsergebnissen und einer dennoch zunehmenden Beeinträchtigung im Alltag besser zu erklären. Längerfristig könnten diese verfeinerten bildgebenden Verfahren dazu beitragen, Krankheitsverläufe genauer einzuschätzen und Therapien gezielter anzupassen.

Wenn Denken und Konzentration beeinträchtigt sind

Auch Beeinträchtigungen bei Aufmerksamkeit, Gedächtnis und der Verarbeitung von Informationen waren Teil des Symposiums. Prof. Dr. Menno Schoonheim (MS Center Amsterdam, NL) konnte darlegen, dass viele Menschen mit MS im Verlauf der Erkrankung von solchen Problemen betroffen sind. Diese Veränderungen werden nicht immer offen angesprochen, können den Alltag und die berufliche Situation jedoch stark beeinflussen. 

Neue Erkenntnisse zeigen, dass Einschränkungen in Denkprozessen und der Aufmerksamkeit häufig mit schleichenden Veränderungen im Gehirn zusammenhängen, die unabhängig von akuten Schüben auftreten. Internationale Fachgesellschaften haben deshalb neue Empfehlungen zur Erfassung und Beurteilung dieser kognitiven Veränderungen bei MS erarbeitet.

 

Aktuelles zur MS-Therapie

Ein fester Bestandteil des MS State of the Art Symposiums ist das jährliche Therapie-Update durch Prof. Dr. Andrew Chan (Inselspital Bern). Einerseits stellte er Substanzen vor, die im vergangenen Jahr neu in der Schweiz zugelassen wurden. Dazu gehört mit Ublituximab ein weiterer Vertreter der Gruppe der Anti-CD20-Therapien sowie das Biosimilar von Natalizumab. Andererseits ging er auf die Hemmer der Bruton-Tyrosinkinase (BTK) ein. Von dieser neuen Wirkstoffklasse erhofft man sich nicht zuletzt einen Effekt auf fortschreitende Krankheitsverläufe. Prof. Chan erläuterte, dass die bisherigen Studiendaten jedoch ein uneinheitliches Bild zeigen. Während einzelne Ergebnisse positiv zu beurteilen sind, bestehen weiterhin offene Fragen zur Wirksamkeit und Sicherheit, weshalb entsprechende Zulassungsentscheide noch ausstehen.

Insgesamt wurde deutlich, dass die MS-Therapie in den letzten Jahren zwar grosse Fortschritte gemacht hat, gleichzeitig aber gerade bei schleichenden Krankheitsverläufen weiterhin ein hoher Forschungsbedarf besteht.

Poster Flash

Im Anschluss an die vier Hauptreferate folgte mit dem «Poster Flash» ein im vergangenen Jahr neu eingeführter Programmpunkt. Zehn junge Forscherinnen und Forscher erhielten die Möglichkeit, nebst ihren ausgestellten Postern das Fachpublikum in 60 Sekunden von ihren Forschungsarbeiten zu überzeugen. Ein Gong sorgte dabei «erbarmungslos» dafür, dass sich alle an die Zeitvorgabe hielten. Das Publikum belohnte sämtliche Präsentationen mit begeistertem Applaus.

Workshops: Wissen für den Alltag

Am Nachmittag boten vier Workshops die Möglichkeit, einzelne Themen und den Bezug zum Alltag von Menschen mit MS zu vertiefen. Im Workshop zu den digitalen Biomarkern zeigte Dr. Tim Woelfle (Universitätsspital Basel), wie Daten aus Smartphones, Wearables oder anderen digitalen Anwendungen genutzt werden können, um beispielsweise Veränderungen im Gangbild frühzeitig zu erfassen. Solche digitalen Messwerte könnten künftig dazu beitragen, Krankheitsverläufe genauer zu beobachten und Therapien individueller zu begleiten.

Der Workshop von Andrea Weise (Fachhochschule der italienischen Schweiz SUPSI) und Charlene von der Weid (Universitätsspital Genf) befasste sich mit dem Umgang mit Fatigue und begrenzter Energie. Sie machten deutlich, wie ergotherapeutische und neuropsychologische Ansätze Menschen mit MS dabei unterstützen können, ihre Kräfte besser einzuteilen und den Alltag nachhaltig zu gestalten.

Komplementäre und integrative medizinische Ansätze standen im Mittelpunkt des Workshops von Dr. Robert Fitger und Prof. Dr. Ursula Wolf (Universität Bern). Diskutiert wurde, welche ergänzenden Therapien sich für den Einsatz in der Praxis eignen und wie sie sich sinnvoll in die medizinische Betreuung von Menschen mit MS integrieren lassen.

Die Themen Therapieziele, Therapietreue und die Frage, wann eine Anpassung oder Reduktion der Behandlung sinnvoll sein kann wurden von Dr. Christian Kamm (Kantonsspital Luzern) und Dr. Stefanie Müller (Kantonsspital St. Gallen) behandelt. Sie stellten aktuelle Daten vor und diskutierten, wie Therapieentscheidungen im Verlauf der Erkrankung gemeinsam mit den Betroffenen besprochen werden können.