Gesichter der MS 2026: Ramona Rieder

Gesichter der MS

Mein Name ist Ramona, ich bin 32 Jahre alt und lebe in Bern - einer Stadt, in der ich mich sehr zuhause fühle. Gleichzeitig zieht es mich, besonders in den Wintermonaten, immer wieder in andere Länder. Vor allem Asien hat einen besonderen Platz in meinem Herzen.

Ich lebe alleine und geniesse die Freiheit, mein Leben nach meinen eigenen Vorstellungen zu gestalten. Freiheit bedeutet für mich vor allem, mich überall zuhause fühlen zu können, weil ich mein Zuhause in mir selbst gefunden habe.

Beruflich bin ich gelernte Hochbauzeichnerin und diplomierte Innenarchitektin HF und arbeite heute in der Immobilienbranche.

Meine MS-Diagnose hat mein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Der Weg danach war eine Achterbahnfahrt - voller Herausforderungen, Ängste und Veränderungen. Rückblickend kann ich jedoch sagen, dass die Diagnose für mich zu einem Weckruf geworden ist. Sie hat mich dazu gebracht, mein Leben bewusster zu gestalten und vieles zu hinterfragen. Heute bin ich für diesen Weg tief dankbar.

Mein Fokus liegt auf einem bewussten und gesunden Lebensstil. Mich fasziniert alles, was uns körperlich und mental stärkt - von Ernährung und Nervensystem über Meditation und Achtsamkeit bis hin zu persönlichem Wachstum und neuen Perspektiven.

Ich liebe den Ausgleich zwischen Aktivität und Ruhe. Ob beim Sport, auf einer Wanderung, beim Kochen, Malen oder Schreiben - ich tanke Energie, wenn ich kreativ sein oder Zeit in der Natur verbringen kann. Genauso schätze ich gemütliche Sommerabende mit Freunden.

In welchem Alter hast du die Diagnose MS erhalten? War die Diagnose eindeutig oder gab es vorher andere Vermutungen? 
Ich war 30 Jahre alt, als ich die Diagnose MS erhielt. Rückblickend ging alles unglaublich schnell. Gefühlt bin ich gesund ins Bett gegangen und am nächsten Morgen mit einer tauben linken Hand aufgewacht. Da sich das Taubheitsgefühl innerhalb einer Woche nicht besserte, sondern sich auf weitere Körperstellen ausbreitete, ging ich in die Notaufnahme. Nach dem MRI äusserten die Ärzte den Verdacht auf Multiple Sklerose. Wenige Tage später wurde die Diagnose durch den Nachweis oligoklonaler Banden (OKB) im Liquor bestätigt.

Was waren deine ersten Gedanken direkt nach der Diagnose? 
Es war ein grosser Schock. Ich habe überhaupt nicht mit so einer Diagnose gerechnet. Weil ich damals noch ganz anders gedacht habe als heute, ging es für mich sofort ums Funktionieren. Kann ich meinen neuen Job nächste Woche überhaupt antreten? Wie schaffe ich es, dass niemand etwas merkt? Das waren die Fragen, die mich damals beschäftigt haben - und die mich rückblickend selbst schockieren.

Obwohl mir die Ärzte erklärten, dass es heute gute Behandlungsmöglichkeiten gibt, fühlte ich mich von einem Tag auf den anderen schwer krank, schwach, unsicher und aus dem Leben gerissen. Gleichzeitig war in mir ein riesiges Gefühlschaos. Ein Teil von mir wollte die Diagnose am liebsten verdrängen, ein anderer versuchte sie anzunehmen. Und tief in mir war da trotzdem eine leise Stimme, die immer wieder sagte: Es kommt alles gut.

Was waren deine ersten MS-Symptome? Welche bestimmen deinen Alltag heute? Hast du unsichtbare Symptome, die schwer zu erklären sind?
Mein erstes Symptom war eine taube linke Hand nach dem Aufstehen. Nicht komplett taub, sondern eher so, als wäre sie eingeschlafen - nur dass das Gefühl nicht mehr verschwand. Im Verlauf der Woche breitete sich dieses Kribbeln auf meine Füsse und später auch leicht auf eine Stelle im Gesicht aus.

Nach der Cortison-Stosstherapie zu realisieren, dass die Symptome nicht einfach verschwinden, sondern mich noch über Monate begleiten würden, war sehr schwierig. Vor allem das erste halbe bis ganze Jahr litt ich unter kribbelnden, brennenden Füssen, Müdigkeit, Blasenproblemen und einem linken Bein, das sich immer wieder schwach anfühlte.

Mindestens genauso belastend wie die körperlichen Symptome war für mich jedoch das Unsichtbare. Die Diagnose hatte mir von einem Tag auf den anderen das Vertrauen in meinen Körper genommen. Daraus entwickelten sich Ängste und Panikattacken, die meinen Alltag zeitweise stärker bestimmten als die MS selbst.

Zum Glück habe ich meinen Mut nie verloren. Ich begann, mich intensiv mit allem auseinanderzusetzen, was meine Gesundheit positiv beeinflussen könnte. Ich beschäftigte mich mit Ernährung, Nervensystem, Meditation, Glaubenssätzen, dem inneren Kind und fragte mich zum ersten Mal ernsthaft: Was möchte ich eigentlich vom Leben - statt einfach nur zu funktionieren? Auf diesem Weg traf ich viele grosse und kleine Entscheidungen, die mein Leben nachhaltig verändert haben - beruflich, privat und gesundheitlich.

Heute kann ich sagen, dass es mir körperlich und psychisch besser geht als je zuvor. Von den früheren MS-Symptomen spüre ich kaum noch etwas. Wenn, dann ist meine MS heute für mich eher eine innere Alarmanlage: Sie erinnert mich daran, wenn ich unter anhaltendem Stress stehe, in alte Muster zurückfalle oder nicht im Einklang mit meinen eigenen Bedürfnissen lebe.

Welche Behandlungen kommen bei dir «zum Einsatz»?
Ich habe während eineinhalb Jahren die Ocrevus-Therapie gemacht und insgesamt drei Infusionen erhalten. Nicht, weil ich mich damals ganz bewusst dafür entschieden hatte, sondern weil ich das Gefühl hatte, keine andere Wahl zu haben. Obwohl ich von dieser starken Therapie kaum spürbare Nebenwirkungen hatte und sie mir rückblickend wahrscheinlich die nötige Sicherheit in der ersten Zeit nach der Diagnose gegeben hat, bin ich dankbar, dass ich auf meinem Weg immer mehr in die Eigenverantwortung gefunden habe.

Mein Lebensstil hat sich seither komplett verändert. Ich achte heute sehr bewusst auf meinen Körper und versorge ihn möglichst mit natürlichen Produkten. Ich habe meinen Darm und meinen Körper von Grund auf aufgeräumt und bin bis heute stetig daran, mein Immunsystem zu stärken. Irgendwann hat sich dieser Weg für mich nicht mehr mit der Schulmedizin stimmig angefühlt, weshalb ich mich entschieden habe, die Therapie abzusetzen.

War für dich von Anfang an klar, dass du offen mit deiner Diagnose umgehen möchtest? Welche Bedenken hattest du vielleicht, privat oder im beruflichen Bereich? 
Im Gegenteil. Es war mir am Anfang das Wichtigste, dass niemand von meiner Diagnose erfährt. Das war mein grösstes Anliegen im Krankenhaus. Ich wollte nicht, dass sich jemand um mich sorgt. Ich wollte nicht die Arme oder die Schwache sein. Ich wollte keine gut gemeinten Ratschläge, sondern zuerst selbst verstehen, was diese Diagnose für mich bedeutet.

Lange Zeit wussten nur mein damaliger Freund, mein Bruder und mein neues Büro davon, in dem ich eine Woche nach der Diagnose angefangen hatte zu arbeiten. Dort wurde ich sehr verständnisvoll aufgenommen und nie anders behandelt. Trotzdem war es eine schwierige Zeit. Dieser Balanceakt zwischen dem Akzeptieren meines neuen Lebens mit der Diagnose und gleichzeitig dem Versuch, einfach weiter zu funktionieren, war sehr herausfordernd.

Rückblickend war es für mich dennoch genau die richtige Entscheidung, zunächst nur wenigen Menschen davon zu erzählen. Ich wollte zuerst selbst herausfinden, welchen Weg ich einschlagen möchte und was die Diagnose für mein Leben bedeutet.

Als ich zwei Jahre später mein Buch «Danke Leben» veröffentlichte und meine Geschichte öffentlich teilte, fühlte sich das wie der letzte Schritt meiner Heilung an. Plötzlich war ich vollkommen im Reinen mit mir und es spielte überhaupt keine Rolle mehr, wer von meiner MS erfuhr. Im Gegenteil - ich hätte meine Geschichte am liebsten mit der ganzen Welt geteilt. Die MS war für mich keine Last mehr, keine Scham und kein Makel. Sie wurde zu einem ganz besonderen Teil meiner Geschichte.

Wenn du dich an jeden beliebigen Ort auf der Welt wünschen könntest. Wo wäre das und was würdest du dort unbedingt tun wollen?
Meine Vision ist eigentlich gar nicht an einen bestimmten Ort gebunden. Ich wünsche mir, mich überall auf der Welt zuhause, inspiriert und frei zu fühlen.

Trotzdem gibt es Orte, an denen mir das besonders leichtfällt. Thailand und Bali faszinieren mich mit ihrer Kultur, ihrer Lebensphilosophie und der positiven Energie, die ich dort spüre. Es sind nicht nur das Meer, der weite Horizont oder das warme Klima, sondern vor allem die Dankbarkeit, Lebensfreude und Gelassenheit der Menschen, die mich immer wieder dorthin ziehen.

Vor ein paar Tagen hatte ich ganz plötzlich die Intuition, dass ich nach Hawaii gehen möchte. Warum genau, kann ich gar nicht erklären – aber ich habe gelernt, meiner Intuition zu vertrauen. Deshalb bin ich überzeugt, dass ich schon bald dort sein werde. 

Um schwierige Phasen zu meistern? Was hilft dir? Was spornt dich an? Gibt es ein alltägliches Ritual oder einen „Geheimtipp“, der dir besonders hilft, wenn dich die MS körperlich und mental hart fordert?
Meine Routinen sind für mich ein wichtiger Anker im Alltag. Es gibt Gewohnheiten, die mittlerweile ein fester Bestandteil meines Lebens geworden sind - zum Beispiel meine Morgenroutine mit Zitronenwasser, frischem Saft und einem Smoothie sowie meine Abendroutine mit einem kleinen Moment nur für mich, meistens mit EFT-Tapping und einer Meditation.

Ich glaube, jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, was ihm guttut. Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Wenn ich merke, dass sich mein Nervensystem überreizt anfühlt oder ich innerlich unruhig werde, helfen mir bewusst eingeplante Me-Time, EFT und Meditation besonders gut.

Mein grösster «Geheimtipp» ist aber nicht eine bestimmte Routine, sondern meine innere Haltung. Ich bin überzeugt, dass die Art, wie wir über uns selbst, unseren Körper und das Leben denken, einen enormen Einfluss darauf hat, wie wir mit Herausforderungen umgehen. Für mich war genau dieser Perspektivenwechsel lebensverändernd.

Genauso wichtig finde ich es, sich genügend Zeit für Dinge zu nehmen, die man wirklich von Herzen gerne macht. Für mich sind das Journaling, kreatives Gestalten, Malen oder Schreiben. Diese Momente bringen mich immer wieder zurück zu mir selbst und geben mir neue Energie.

Gibt es Menschen, die dich besonders unterstützen? Gab es Menschen, die sich nach der Diagnose von dir abgewendet haben?
Ich bin unendlich dankbar, dass ich direkt nach meiner Diagnose meinen damaligen Freund an meiner Seite hatte. In dieser ersten Zeit hat er mich sehr unterstützt - und genau das habe ich damals gebraucht.

Mit der Zeit sind auch neue Menschen in mein Leben gekommen. Freundschaften, die sich für mich wie geschickte Engel anfühlen. Weil ich meine Einstellung zum Leben verändert habe, habe ich mich auch selbst verändert - und dadurch ganz automatisch andere Menschen angezogen. Heute bin ich unglaublich dankbar für meinen kleinen, bewusst gewählten Freundeskreis.

Natürlich habe ich mich auf diesem Weg auch von einigen Menschen und Verbindungen verabschiedet, die mir nicht mehr guttaten. Für mich gehört das zum Leben und zur persönlichen Entwicklung dazu. Ich habe jedoch nie das Gefühl gehabt, dass sich jemand wegen meiner MS von mir abgewendet hat.

Heute glaube ich, dass jeder Mensch, der in unser Leben kommt, einen Sinn hat. Manche begleiten uns ein Leben lang, andere nur für einen Abschnitt. Doch jeder hinterlässt etwas Wertvolles - eine Begegnung, eine Erkenntnis oder eine Lektion, die uns auf unserem eigenen Weg weiterbringt.

In welchen Situationen fällt es dir schwer, deine Grenzen zu akzeptieren, und wie versuchst du, damit umzugehen?
Früher fiel es mir oft schwer, meine Grenzen wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Ich bin schon immer ein sehr sensibler Mensch gewesen. Ich brauche viel Ruhe und Zeit für mich, gleichzeitig liebe ich den Austausch mit Menschen und bin sehr empathisch. Diese Kombination war für mich lange nicht einfach. Oft versuchte ich, allen gerecht zu werden und stellte meine eigenen Bedürfnisse hinten an.

Erst als mir mein Körper meine Grenzen sehr deutlich aufgezeigt hat, wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, auf ihn zu hören. Ich habe mir damals versprochen, dass mein Körper und ich ab jetzt immer oberste Priorität haben.

Heute schaue ich zuerst, dass es mir gut geht. Das hat für mich nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit Selbstfürsorge. Denn ich bin überzeugt: Nur wenn ich selbst in meiner Kraft bin, kann ich auch für andere da sein und Liebe, Ruhe und Zuversicht weitergeben. Ich nehme meine Bedürfnisse heute viel schneller und klarer wahr - und vor allem höre ich auf sie. Das ist wahrscheinlich eines der grössten Geschenke, das mir mein Weg mit der MS mitgegeben hat.

Wenn du einen Film über dein Leben drehen würdest: Welches Genre wäre es (Komödie, Drama, Thriller, Doku)?  Gäbe es eine Schlüsselszene, um deine MS-Erfahrungen darzustellen?
Ganz klar: «Danke Leben» - genau wie mein Buch. Denn meine Geschichte handelt nicht in erster Linie von MS, sondern davon, wie eine Diagnose mein Leben komplett verändert hat. Sie erzählt von Herausforderungen, unerwarteten Wendungen, persönlichem Wachstum und der Erkenntnis, dass selbst schwere Zeiten etwas Wertvolles in sich tragen können.

Hast du einen Plan für dein weiteres Leben? Oder lässt du alles auf dich zukommen und entscheidest dann situativ?
Visionen gehören für mich fest zum Leben. Nach meiner Diagnose hatte ich - wie wahrscheinlich viele andere auch -  zunächst Angst, in die Zukunft zu blicken. Doch als ich begann, meinen Fokus von der Krankheit auf die Gesundheit zu richten, veränderte sich auch mein Denken. Ich gestaltete mein erstes Vision Board und erlaubte mir wieder, gross zu träumen. Tatsächlich haben sich all diese Visionen innerhalb eines Jahres erfüllt.

Heute würde ich sagen, dass ich eine Mischung aus beidem lebe. Ich habe Visionen und Ziele, die mir Orientierung geben, gleichzeitig bin ich ein sehr intuitiver Mensch. Ich plane nicht jeden einzelnen Schritt, sondern vertraue darauf, dass das Leben mich dorthin führt, wo ich sein soll. Deshalb lasse ich bewusst Raum für Überraschungen, neue Möglichkeiten und spontane Entscheidungen.

Für mich schliessen sich Visionen und Vertrauen nicht aus - im Gegenteil. Ich glaube, dass man eine klare Richtung haben und gleichzeitig offen dafür bleiben kann, dass das Leben manchmal noch schönere Pläne für einen bereithält.

Welchen Rat würdest du einem Menschen geben, der gerade neu mit MS konfrontiert ist (und sich möglicherweise verloren fühlt)?
Wenn ich einem Menschen, der gerade die Diagnose MS erhalten hat, etwas mit auf den Weg geben dürfte, dann wäre es vor allem eines: Glaube nicht, dass du deinem Schicksal hilflos ausgeliefert bist.

Ich weiss, wie sich dieser Moment anfühlt. Man hat das Gefühl, das eigene Leben sei von einem Tag auf den anderen nicht mehr dasselbe. Doch eine MS-Diagnose bedeutet nicht automatisch das Ende eines erfüllten Lebens. Es gibt unzählige Wege, mit dieser Diagnose zu leben, und jeder Mensch darf seinen ganz eigenen finden.

Ich wünsche mir, dass sich Menschen Zeit geben, ihren Weg zu suchen, Hilfe anzunehmen und darauf zu vertrauen, dass sie nicht immer stark sein müssen. Oft ist genau der Moment, in dem wir uns am schwächsten fühlen, der Ort, an dem wir beginnen, wieder aufzustehen.

Mir ist es ein Herzensanliegen, einer Diagnose, die oft mit so viel Angst verbunden ist, auch eine andere Perspektive entgegenzusetzen. Nicht, weil ich die Krankheit schönreden möchte oder weil jeder Weg gleich verläuft, sondern weil ich aus eigener Erfahrung weiss, dass das Leben trotz MS wunderschön sein kann. Dass man nicht nur verliert, sondern auch findet. Dass selbst aus den schwersten Momenten etwas Wertvolles entstehen kann.

Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass ich das einmal sagen würde. Aber heute bin ich von Herzen dankbar für meinen persönlichen Weg mit der MS. Nicht wegen der Krankheit selbst, sondern wegen allem, was sie in mir verändert hat und zu welchem Menschen sie mich hat werden lassen.

Vielleicht sieht dein Weg ganz anders aus als meiner. Aber gib dir Zeit und verliere niemals deinen Mut. Das Leben hält oft mehr für uns bereit, als wir uns im ersten Moment vorstellen können.

Du, deine MS und Mobilität. Wenn du unterwegs bist – mit Bahn, Bus, Auto, zu Fuss, im Flieger – läuft alles rund?
Läuft alles rund.

Wenn du deine MS als Lebewesen beschreiben müsstest: Welche 3 hauptsächlichen Charaktereigenschaften würde dieses Wesen besitzen?
Nach längerem Überlegen würde ich sagen, die MS wäre ein Reh mit Schmetterlingsflügeln: sensibel und achtsam, aber gleichzeitig ein Symbol dafür, wie viel Veränderung, Wachstum und Schönheit selbst aus einer schwierigen Lebensphase entstehen kann.

Was kannst du der MS Positives abgewinnen?
Ich glaube, darüber habe ich im Laufe dieses Interviews schon sehr viel erzählt. Ich bin grundsätzlich ein sehr positiver Mensch und versuche, in jeder Herausforderung auch eine Chance zu sehen. Deshalb kommen aus meinem Mund heute tatsächlich fast nur positive Worte, wenn ich über meine MS spreche - und mir ist wichtig zu betonen, dass diese aus tiefstem Herzen kommen.

Für mich persönlich war die Diagnose ein Weckruf. Sie hat mich gelehrt, bewusster zu leben, meinem Körper zuzuhören, Verantwortung für meine Gesundheit zu übernehmen und mich selbst besser kennenzulernen. Sie hat mich zu mehr Dankbarkeit, Vertrauen, Achtsamkeit und Lebensfreude geführt. Ich habe gelernt, meine Prioritäten neu zu setzen, Grenzen zu respektieren und die kleinen Dinge im Leben wieder bewusst zu schätzen.

Ich weiss, dass jede Geschichte anders ist. Das ist meine ganz persönliche Erfahrung. Aber ich hoffe, dass sie anderen Menschen Mut macht. Denn ich glaube von Herzen: Man verliert nie nur. Man findet auch.

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem du erkannt hast, dass du stärker bist, als du jemals dachtest?
Ich glaube, es gab nicht den einen Schlüsselmoment. Es waren viele kleine Momente. Jedes Mal, wenn ich nach einem emotionalen Zusammenbruch wieder aufgestanden bin. Jedes Mal, wenn ich es geschafft habe, mich selbst wieder ins Vertrauen zu bringen.

Besonders berührt hat mich irgendwann die Erkenntnis, wie viel mein Körper eigentlich schon geleistet und getragen hat - nicht erst seit der Diagnose, sondern schon viele Jahre davor. Ab diesem Moment begann ich, meinen Körper nicht mehr als Gegner zu sehen, sondern als meinen Teampartner.

Welche 3 Eigenschaften magst du an dir? Welche 3 «nerven» eher
Dass ich nie aufgehört habe, an das Gute zu glauben. 
Meine Begeisterungsfähigkeit. 
Meinen Mut, neue Wege zu gehen. 

Dass ich manchmal zu feinfühlig und empathisch bin.
Dass ich manchmal alles auf einmal möchte. 
Dass ich mir selbst zu viel Druck mache.

Was ist deine grösste Leidenschaft? Ein Traum, den du dir erfüllen möchtest?
Meine grösste Leidenschaft ist es, zu lernen, zu verstehen und zu wachsen. Mich fasziniert die Frage, warum wir Menschen so sind, wie wir sind, und was wir selbst dazu beitragen können, körperlich und mental gesund zu leben. Ich liebe es, kreativ zu sein, zu schreiben, zu gestalten und immer wieder neue Perspektiven kennenzulernen.

Ein grosser Traum von mir ist es, ortsunabhängig arbeiten zu können und die Welt zu bereisen. Ich möchte noch viele inspirierende Orte entdecken, andere Kulturen kennenlernen und gleichzeitig einer Arbeit nachgehen, die sich nie wie ein Pflichtprogramm anfühlt. Ich wünsche mir ein Leben, in dem ich meiner Neugier folgen, kreativ sein und von überall auf der Welt arbeiten kann. Kein perfektes Leben - aber eines, das sich für mich richtig anfühlt.

Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Welche Jahreszeit ist dein Favorit und warum?
Definitiv der Sommer. Ich liebe warme Tage, die Morgensonne und das Gefühl von Leichtigkeit, das diese Jahreszeit mit sich bringt. Ich bin gerne draussen am Fluss, in den Bergen oder am Meer, mit Freunden oder einfach ganz für mich. Der Sommer gibt mir Energie und erinnert mich immer wieder daran, wie schön die einfachen Momente im Leben sein können.

Was macht dir in Bezug auf die MS Angst? Was gibt dir Hoffnung?
Ehrlich gesagt macht mir die MS heute keine Angst mehr. Das hätte ich mir direkt nach der Diagnose niemals vorstellen können. Damals sah das ganz anders aus.

Heute gibt mir mein Vertrauen Hoffnung. Das Vertrauen in meinen Körper, in meinen Weg und vor allem ins Leben. Ich weiss nicht, was die Zukunft bringt - das weiss niemand. Aber ich habe gelernt, mit dem Leben zu arbeiten und nicht gegen das Leben. Heute schaue ich mit Vorfreude und Neugier in die Zukunft statt mit Angst. Und egal, was kommen wird - ich bin überzeugt, dass ich einen Weg finden werde.

Für mich hat die Angst ihren Platz nach und nach an Vertrauen abgegeben.

Wie oder wo tauschst du dich aus? Welche Communities helfen dir bei Fragen? Zum Beispiel auf social media-Plattformen, in Regionalgruppen, etc.?
Nach meiner Verdrängungsphase habe ich mich sehr intensiv mit der MS auseinandergesetzt. Ich habe viel gelesen, recherchiert und mir unzählige Erfahrungsberichte angeschaut. Es war mir wichtig, die Krankheit besser zu verstehen und meinen eigenen Weg zu finden.

Gerade am Anfang hat es mir unglaublich gutgetan, die Geschichten anderer Betroffener zu lesen und zu hören. Es war unheimlich wertvoll zu sehen, dass ich nicht allein bin und dass Menschen trotz einer MS-Diagnose ihren ganz eigenen Weg finden können.

Heute brauche ich diesen Austausch für mich selbst nicht mehr. Die MS ist für mich nicht mehr meine Identität. Sie ist ein Teil meiner Geschichte, aber sie definiert nicht, wer ich bin.

Trotzdem schätze ich den Austausch nach wie vor sehr. Heute aus einem anderen Grund: Ich weiss genau, wie sich die erste Zeit nach der Diagnose anfühlt. Wenn ich mit meiner Geschichte einem Menschen Mut machen oder Hoffnung schenken kann, bedeutet mir das sehr viel. Deshalb teile ich meinen Weg auch auf Instagram.

Hast du Erwartungen an die Gesellschaft im Umgang mit Menschen, die eine chronische Erkrankung haben? Was muss sich deiner Meinung nach noch ändern? Was würdest du dir wünschen?
Gerade am Anfang habe ich mich oft unverstanden gefühlt. Das war für mich nicht immer einfach. Gleichzeitig kann ich der Gesellschaft dafür keinen Vorwurf machen. Ich glaube, es ist fast unmöglich, immer die richtigen Worte oder Reaktionen zu finden, wenn man selbst nie in einer ähnlichen Situation war.

Ein Stück dieses Weges muss jeder Betroffene selbst gehen. So schwer das manchmal ist, genau das hat mich wieder näher zu mir selbst gebracht. Ich habe gelernt, meiner eigenen Stimme mehr zu vertrauen als den Meinungen anderer und eine tiefe Verbindung zu mir selbst aufzubauen.

Deshalb wünsche ich mir gar nicht, dass alle Menschen immer perfekt reagieren. Ich wünsche mir vielmehr Offenheit, echtes Zuhören und die Bereitschaft, einen Menschen nicht auf seine Diagnose zu reduzieren.

Danke, dass du ein «Gesicht der MS» geworden bist. Was hat dich motiviert? Hattest du irgendwelche Bedenken?
Meine Motivation war von Anfang an ganz klar: Ich möchte zeigen, dass eine MS-Diagnose nicht nur Verlust bedeuten muss. Dass sie - zumindest für mich persönlich – auch unglaublich bereichernd sein kann. Ich möchte mit meiner Geschichte Mut machen und Hoffnung schenken.

Mir ist bewusst, dass MS eine unberechenbare und schwerwiegende Erkrankung sein kann. Das blende ich überhaupt nicht aus. Ich kann nur von meinem eigenen Weg sprechen. Und für mich war dieser Weg - trotz aller Herausforderungen - eines der grössten Geschenke meines Lebens.

Ich weiss nicht, was die Zukunft bringt. Aber ich weiss heute, dass ich bereit bin, ihr zu begegnen egal, was kommt. Das Leben hat mich gelehrt, zu vertrauen. Genau deshalb kann ich heute aus tiefstem Herzen sagen: Danke Leben.

Mein einziger Gedanke beim Schreiben dieses Interviews war tatsächlich, ob ich vielleicht zu positiv klinge. Aber genau so empfinde ich es. Jede einzelne Antwort kommt aus tiefstem Herzen und spiegelt meinen persönlichen Weg wider.

Ich kann das Leben nicht kontrollieren. Aber ich kann entscheiden, mit welcher Haltung ich ihm begegne. Und genau diese Entscheidung hat für mich alles verändert.

Welche Beziehung hast du zur Schweiz. MS-Gesellschaft? Nimmst du Beratung, Angebote oder Dienstleistungen in Anspruch? Was könnte die MS-Gesellschaft besser machen (Beratung, Betreuung, Infos)?
Ich hatte bisher noch nicht viele Berührungspunkte mit der Schweiz. MS-Gesellschaft. Ich folge ihr auf Social Media, lese ab und zu Beiträge und bin dankbar für die wertvolle Arbeit, die geleistet wird. Danke!

 


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