Freunde der guten Tanzmusik – mein Name ist Timo. Künstlername: Timo «Tetriz». Mein bürgerlicher Name ist Timo Mutti, ich bin 31 Jahre jung und lebe in Burgdorf. Man kennt mich vielleicht vom Aromat-Song. Musik ist nicht nur mein Beruf, sondern auch meine Leidenschaft. Ich liebe es, Menschen mit meiner Musik zu begeistern und besondere Momente zu schaffen.
In meiner Freizeit bin ich oft kreativ unterwegs – sei es beim Tüfteln an neuen Tracks, beim Videobearbeiten oder auf Social Media, wo ich meine Community unterhalte und versuche, ein bisschen Freude zu verbreiten.
In welchem Alter hast du die Diagnose MS erhalten? War die Diagnose eindeutig oder gab es vorher andere Vermutungen?
Die MS begleitet mich seit August 2014. Die Diagnose bekam ich mit 20 Jahren. Ich hatte im letzten Jahr meiner Logistik-Ausbildung erste Symptome, aber man ging zunächst von Schlafmangel, Prüfungsstress oder Überarbeitung aus. Irgendwann sagte ich: «Das kann’s nicht sein, ich brauche weitere Abklärungen.» Während der Prüfungszeit wurden dann im MRI Läsionen im Gehirn festgestellt – ab da war es ziemlich klar.
Was waren deine ersten Gedanken direkt nach der Diagnose?
Ich war fast erleichtert, endlich zu wissen, was los war – ich konnte mich nun mit etwas Konkretem auseinandersetzen. Meine Grosstante hatte ebenfalls MS, das half mir sehr: Ich hatte jemanden, der mich auffangen konnte.
Was waren deine ersten MS-Symptome? Welche bestimmen deinen Alltag heute? Hast du unsichtbare Symptome, die schwer zu erklären sind?
Mein erstes Symptom hatte ich bereits 2010, im 10. Schuljahr: Kribbeln und Taubheitsgefühl in den Händen. Ich bin dem damals aber nicht weiter nachgegangen. Heute ist meine grösste Herausforderung die Fatigue – und die MS verursacht mir manchmal unerwartet Panikattacken. Andere Symptome habe ich aktuell gut im Griff.
Welche Behandlungen kommen bei dir «zum Einsatz»?
Ich gehe alle sechs Monate zur Ocrevus-Behandlung.
War für dich von Anfang an klar, dass du offen mit deiner Diagnose umgehen möchtest? Welche Bedenken hattest du vielleicht, privat oder im beruflichen Bereich?
Einer meiner ersten Schritte nach der Diagnose – noch im Spital, nachdem meine Familie gegangen war – war ein Facebook-Video, in dem ich offen über meine Situation sprach. Für mich war klar: Ich will offen damit umgehen. Ich wollte anderen Mut machen, zeigen, dass es weitergeht. Später folgte ein YouTube-Video, und in der Handelsschule schrieb ich meine selbstständige Abschlussarbeit über die MS.
Wenn du dich an jeden beliebigen Ort auf der Welt wünschen könntest. Wo wäre das und was würdest du dort unbedingt tun wollen?
Als Jugendlicher habe ich immer wieder ein YouTube-Video eines Mannes geschaut, der um die Welt tanzt. Ein Ort ist mir dabei besonders hängen geblieben: die Salzwüste in Bolivien. Da will ich in naher Zukunft unbedingt hin. Mein Kraftort in der Schweiz ist der Chasseral im Jura.
Um schwierige Phasen zu meistern? Was hilft dir? Was spornt dich an? Gibt es ein alltägliches Ritual oder einen «Geheimtipp», der dir besonders hilft, wenn dich die MS körperlich und mental hart fordert?
In schwierigen Phasen flüchte ich mich in meine Musik – oder ich gehe zu meiner Familie. Sie war und ist mein wichtigstes Auffangbecken im Leben.
Gibt es Menschen, die dich besonders unterstützen? Gab es Menschen, die sich nach der Diagnose von dir abgewendet haben?
Alle Menschen, die in meinem Leben geblieben sind, unterstützen mich weiterhin – auch mit der MS. Niemand hat sich explizit wegen der Krankheit abgewendet, eher einfach, weil sich unsere Lebenswege unterschiedlich entwickelt haben.
In welchen Situationen fällt es dir schwer, deine Grenzen zu akzeptieren, und wie versuchst du damit umzugehen?
Immer, wenn ich viel plane und mir zu viel vornehme, dann aber einfach zu müde bin, um überhaupt etwas zu tun, denke ich: Schade. Aber je älter ich werde, desto leichter fällt mir Akzeptanz – und mein Körper verdient diesen Respekt.
Wenn du einen Film über dein Leben drehen würdest: Welches Genre wäre es (Komödie, Drama, Thriller, Doku?) Gäbe es eine Schlüsselszene, um deine MS-Erfahrungen darzustellen?
Der Film über mein Leben wäre eine Mischung aus Drama, Komödie und Doku – ein Feelgood-Chaos mit Tiefgang. Es gäbe viele lustige Momente, skurrile Begegnungen und diese Tage, an denen nichts klappt – aber am Ende wird’s trotzdem gut.
Die MS wäre kein Hauptplot, eher ein Nebencharakter, der manchmal nervt, manchmal bremst, aber mich auch dazu bringt, innezuhalten und neu zu sortieren.
Die Schlüsselszene? 2014, auf dem Parkplatz. Plötzlich kann ich nicht mehr laufen – ich bin im Tunnel. Alles steht still. Danach ein Schnitt – zu mir heute: wie ich Musik mache, auflege, durchs Leben navigiere. Die Botschaft: Das Leben ist kein gerader Weg. Aber mit Umleitungen kann man auch ziemlich weit kommen.
Hast du einen Plan für dein weiteres Leben? Oder lässt du alles auf dich zukommen und entscheidest dann situativ?
Ich plane mein Leben nicht zu sehr. Ich habe Ziele und Visionen, aber ich passe sie immer wieder meinen Umständen an.
Welchen Rat würdest du einem Menschen geben, der gerade neu mit MS konfrontiert ist (und sich möglicherweise verloren fühlt)?
Die Diagnose MS ist kein Ende – sie ist ein Neuanfang. Klar, sie macht Angst, vor allem wenn man jung ist. Aber mit der Zeit lernt man, damit umzugehen – und vielleicht sogar, das neue Leben zu lieben. Ich kann jeder und jedem nur empfehlen, sich bei der MS-Gesellschaft Schweiz zu melden – sie hören zu, verstehen und haben so viele tolle Angebote.
Du, deine MS und Mobilität. Wenn du unterwegs bist – mit Bahn, Bus, Auto, zu Fuss, im Flieger – läuft alles rund?
Aktuell läuft alles rund. Mit ein wenig Training kann ich fast unbegrenzt gehen und wandern. Im Mai 2025 laufe ich den 5-Kilometer-GP in Bern – die kurze Strecke, weil so gerne renne ich dann doch nicht, dass ich den grossen machen würde.
Wenn du deine MS als Lebewesen beschreiben müsstest: Welche 3 hauptsächlichen Charaktereigenschaften würde dieses Wesen besitzen?
Meine MS? Wahrscheinlich ein eigenwilliges Fabelwesen.
Unberechenbar: Taucht auf, wann sie will – auch in schönen Momenten.
Hartnäckig: Bleibt länger als erwünscht.
Lehrreich (leider): Zwingt mich, auf mich zu achten. Zeigt mir Grenzen – nicht aus Nettigkeit, sondern weil ich sonst einfach nicht kann.
Was kannst du der MS Positives abgewinnen?
Ich kann der MS auch Positives abgewinnen. Sie hat mir gezeigt, was im Leben wirklich zählt – und war ein Teil des Grundes, warum ich den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt habe.
Gab es einen Schlüsselmoment, in dem du erkannt hast, dass du stärker bist, als du jemals dachtest?
Ich sehe, wie positiv ich trotz MS durchs Leben gehe – und wie ich damit anderen Mut mache. In den letzten Jahren habe ich mich stark weiterentwickelt. Dieses persönliche Wachstum kann mir auch die MS nicht nehmen.
Welche 3 Eigenschaften magst du an dir? Welche 3 «nerven» eher?
Meine Lieblingseigenschaft ist mein Humor. Mit Humor meistere ich viele Hürden.
Dann kommt meine Offenheit – ich gehe mit offenen Armen durchs Leben und glaube ans Gute. Und meine Kreativität hilft mir auf allen Ebenen.
Was mich manchmal ausbremst: Mein Kopfkarussell – ich denke zu viel, mache mir oft Sorgen. Und meine Ungeduld – wenn mein Kopf eine Idee hat, will ich sofort loslegen. Aber dann bremst mich manchmal der Körper oder die MS.
Ich erwische mich auch oft dabei, mich zu vergleichen – im Leben, im Beruf, im Umgang mit der Krankheit. Ich weiss, mein Weg ist mein eigener, aber der innere Vergleichsmodus ist hartnäckig.
Was ist deine grösste Leidenschaft? Ein Traum, den du dir erfüllen möchtest?
Ich bin seit drei Jahren selbstständiger DJ und Musikproduzent – und seitdem fühlt sich mein Leben ein bisschen an wie ein Traum. Aber ich bin noch lange nicht am Ziel. Es warten neue Projekte – ich will mich immer wieder neu erfinden.
Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Welche Jahreszeit ist dein Favorit und warum?
Ich liebe den Spätherbst. Ich bin ein melancholischer Mensch und liebe verregnete, dunkle Tage. Der Herbst ist für mich die inspirierendste und produktivste Zeit.
Was macht dir in Bezug auf die MS Angst? Was gibt dir Hoffnung?
In Bezug auf die MS habe ich keine Angst. Egal was kommt – es wird eine Lösung geben.
Wie oder wo tauschst du dich aus? Welche Communities helfen dir bei Fragen? Zum Beispiel auf social media-Plattformen, in Regionalgruppen, etc.?
Bei Fragen wende ich mich direkt an die MS-Gesellschaft oder recherchiere selbst im Internet.
Hast du Erwartungen an die Gesellschaft im Umgang mit Menschen, die eine chronische Erkrankung haben? Was muss sich deiner Meinung nach noch ändern? Was würdest du dir wünschen?
Ich finde, wir als Schweizer Gesellschaft sollten uns grundsätzlich mehr mit Krankheiten auseinandersetzen, die wir nicht aus eigener Erfahrung kennen. Gerade bei MS – einer Erkrankung, die in den letzten Jahren zwar bekannter wurde, aber oft unsichtbar bleibt – fehlt es oft an Verständnis und Sensibilität. MS ist nicht immer sichtbar, die Symptome spielen sich häufig im Innern ab. Umso wichtiger ist es, dass wir als Gesellschaft lernen, auch das Unsichtbare ernst zu nehmen und offen darüber zu sprechen. Mehr Aufklärung, mehr Zuhören und weniger vorschnelles Urteilen – das würde schon viel verändern.
Danke, dass du ein «Gesicht der MS» geworden bist. Was hat dich motiviert? Hattest du irgendwelche Bedenken?
Sehr gerne! Wenn meine Geschichte auch nur einer Person Mut gemacht oder neue Wege aufgezeigt hat, bin ich schon sehr glücklich.
Welche Beziehung hast du zur Schweiz. MS-Gesellschaft? Nimmst du Beratung, Angebote oder Dienstleistungen in Anspruch? Was könnte die MS-Gesellschaft besser machen (Beratung, Betreuung, Infos)?
Ich gehe regelmässig an Veranstaltungen der MS-Gesellschaft, bin Mitglied und Gönner – und stolz darauf.
Immer gesucht: Neue Gesichter der MS
- Du liest und magst unsere Portrait-Serie «Gesichter der MS»?
- Du und deine MS, ihr habt eure ganz eigene Geschichte?
- Du möchtest sie erzählen, um anderen Mut zu machen? Und
- Du willst ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind?
Dann schreib uns eine Mail mit dem Betreff «Gesichter der MS» an: redaktion@multiplesklerose.ch
und wir schicken dir zum Kennenlernen ganz unverbindlich den jeweils aktuellen Portrait-Fragebogen zu. Du kannst dann in aller Ruhe überlegen, ob du mitmachen möchtest.
Liebe Grüsse, deine Redaktion
P.S. Du magst/kannst nicht mitmachen, kennst aber jemanden, der gerne dabei wäre? Dann erzähl’ es einfach weiter…