Blutmarker gibt Hinweise auf schleichendes Fortschreiten bei Multipler Sklerose
Blickpunkt Forschung
Die Ergebnisse könnten damit auch dazu beitragen, Therapien individueller anzupassen und die Entwicklung neuer Behandlungsstrategien für Menschen mit MS zu beschleunigen.
Fast 19'000 Blutproben analysiert
Für die Studie wertete das Forschungsteam insgesamt 18'629 Blutproben von 2'329 Personen mit Multipler Sklerose aus. Die Daten stammen aus zwei grossen internationalen Langzeitkohorten: der Swiss Multiple Sclerosis Cohort (SMSC) sowie der EPIC-Studie der University of California, San Francisco. Im Fokus stand die Frage, ob Veränderungen der GFAP-Konzentration im Blut auf Progression unabhängig von Schubaktivität (genannt PIRA) hinweisen können. Diese Form der Krankheitsverschlechterung gilt als einer der wichtigsten Faktoren für die langfristige Behinderungsentwicklung bei Multipler Sklerose.
Erhöhte GFAP-Werte gehen mit höherem Progressionsrisiko einher
Die Analysen zeigten, dass Personen mit erhöhten GFAP-Werten ein signifikant höheres Risiko für eine spätere Behinderungszunahme aufwiesen. Gleichzeitig konnten die Forschenden beobachten, dass sinkende GFAP-Konzentrationen nach Beginn einer MS-Verlaufstherapie mit günstigeren klinischen Verläufen verbunden waren. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die wiederholte Messung von GFAP im Blut wichtige Informationen über die Krankheitsentwicklung liefern kann. Damit könnte der Biomarker künftig helfen, Patientinnen und Patienten mit erhöhtem Progressionsrisiko frühzeitig zu identifizieren.
Ergänzung zu etablierten Biomarkern
GFAP ergänzt den bereits besser etablierten Biomarker NfL (Neurofilament Light Chain) , der vor allem durch akute Entzündungsaktivität und Schübe entstehende neuroaxonale Schädigung widerspiegelt.
Während NfL somit insbesondere Hinweise auf Schübe und entzündliche Prozesse liefert, scheint GFAP stärker mit biologischen Mechanismen der langfristigen Krankheitsprogression verbunden zu sein. Die Kombination beider Marker könnte deshalb einen differenzierteren Einblick in die der Erkrankung zugrunde liegenden Vorgänge ermöglichen und die klinische Beurteilung von Krankheitsverläufen verbessern.
Potenzial für klinische Studien und personalisierte Medizin
Die Forschenden sehen in GFAP nicht nur einen vielversprechenden Biomarker für die klinische Versorgung, sondern auch für die Entwicklung neuer Therapien. Durch die gezielte Identifikation von Personen mit erhöhtem Progressionsrisiko könnten zukünftige klinische Studien effizienter gestaltet und neue Behandlungsansätze gezielter untersucht werden. Die Studie stellt damit einen wichtigen Schritt in Richtung Präzisionsmedizin bei Multipler Sklerose dar. Blutbasierte Biomarker wie GFAP könnten künftig dazu beitragen, individuelle Krankheitsverläufe besser vorherzusagen, Therapieentscheidungen zu unterstützen und die Entwicklung wirksamer Behandlungen gegen die Krankheitsprogression voranzutreiben.
Prof. Dr. Jens Kuhle ist Mitglied des Medizinisch-wissenschaftlichen Beirats der Schweiz. MS-Gesellschaft.
Link zur Studie
Maximilian Einsiedler et al.
Publiziert in: JAMA Neurology, 2026.
Textquelle
Universität Basel, Departement für Klinische Forschung, 3. August 2026
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