Phil Hubbe, Sie haben selbst MS. Wo beim Zeichnen schränkt sie die Krankheit ein? Wo ist sie vielleicht sogar «von Nutzen»?
Meine MS schränkt mich bei der Arbeit nicht gross ein. Zu Beginn hatte ich in meiner rechten Hand etwas Probleme mit der Feinmotorik. Bin aber zum Glück «Linkshänder». Gegen die zeitweise auftretende Fatigue helfen mir Pausen, die ich dann einlege, wenn ich sie brauche. Da ich ja von zuhause aus arbeite und mein eigener «Chef» bin, kann ich es mir meistens auch so einrichten. Von Nutzen ist meine MS natürlich da, wo sie mir Themen für meine Arbeit liefert. Kann so eigene Erfahrungen und Erlebnisse bestens verarbeiten.
Hat man als selbst MS-betroffener Cartoonist einen «Bonus»?
Einen Bonus in dem Sinne vielleicht, dass, wenn man mir Vorwürfe macht, über Behinderung soll man keine Witze machen, ich immer sagen kann: «Ich bin selbst betroffen.» Dann ist es auch von Vorteil, wenn man selbsterlebte Situationen auch selbst verarbeiten kann.
Darf man «mehr» als Karikaturisten ohne Handicap?
Viele, auch Betroffene, sagen mir immer wieder, ich dürfe das, da ich ja betroffen bin. Ich sehe das mittlerweile etwas anders. Entscheidend ist nicht, ob die oder der, der Karikaturen/Cartoons darüber macht, betroffen ist oder nicht. Entscheidend ist, ob er Ahnung von dem Thema hat. Also eventuell auch nur mit Behinderten zu tun hat und die entsprechenden Situationen daher ebenfalls kennt. Man muss Ahnung von dem Thema haben. Ansonsten funktioniert der Witz nachher auch nicht. Das sollte aber eigentlich auch bei allen anderen Sachen die Voraussetzung sein.
Wo liegen Ihre persönlichen Grenzen? Wen oder was würden Sie nie «aufs Korn nehmen»?
Eine wirkliche feste Grenze in dem Sinne gibt es für mich nicht. Sie verschiebt sich eher immer etwas. Das entscheidende Kriterium dabei ist immer, wie schon in der vorherigen Antwort gesagt, ich muss Ahnung vom Thema haben. Zu Anfang waren Cartoons über tödliche Erkrankungen, wie etwa Krebs oder ALS, tabu für mich. Nachdem ich mich aber damit näher beschäftigt hatte und auch von den Betroffenen selbst der Wunsch danach kam, auch ihre Situation in Cartoons dargestellt zu bekommen, war dies kein Hindernis mehr. Und so versuche ich auch, alles abzuarbeiten, was an mich herangetragen wird. Es dauert vielleicht manchmal etwas länger, aber wenn ich mich eingehend damit beschäftigt habe, kommt meist etwas dabei heraus.
Hitzewellen, Kriege und Konflikte, schwächelnde Wirtschaft, Politik, die zu Extremen tendiert, und eine KI, die «durchzudrehen» droht: Raubt Ihnen der Alltag die Themen oder inspiriert er noch?
Einerseits ist es ganz schön, dass es so viele Themen gibt, an denen man sich versuchen kann. Aber manchmal nervt es auch nur noch, dieses ständige «Chaos», und alles wird immer noch schlimmer. Da wünscht man sich dann schon, doch öfter einfach nur mal ein normales Alltagsproblem im Cartoon verarbeiten zu können.
Sie dürfen mit einer Zeitmaschine an einen beliebigen Punkt in Vergangenheit oder Zukunft reisen: Wen zeichnen sie dort und warum?
Ein wirkliches Lieblings-Zeitalter, in welches ich unbedingt mal reisen möchte, gibt es eigentlich nicht bei mir. Bin mit der Zeit, in der ich lebe, schon recht zufrieden. Allein in der Vergangenheit, was wäre da mit meiner MS? Die Zukunft sieht ja auch nicht unbedingt rosig aus, denkt man allein nur an das Klima. Nee, ich bin mit dem zufrieden (oder muss es sein), wie es gerade ist, und es gibt hier auch genügend Leute, die ich noch zeichnen kann oder muss.
Was denkt und weiss Phil Hubbe über die Schweiz und die Schweizer?
Natürlich nur Gutes (grösstenteils zumindest…). Den eigentlich ersten richtigen Kontakt gab es 2008, als ich für eine Woche nach Davos eingeladen wurde. Maria Walliser organisierte dort ein «Time-Out Lager» für Kinder, die im Rollstuhl sassen. Ich sollte mit ihnen Cartoons zeichnen. Das war eine der schönsten Wochen, die ich je hatte. Daraus entwickelten sich weitere Kontakte und vor allen Dingen auch Freundschaften, die bis heute anhalten. Ich bin so eigentlich auch jedes Jahr in der Schweiz. Arbeite hier unter anderem viel mit «PluSport» zusammen.
Verraten Sie uns Ihren Lieblings-Cartoon?
Mein liebster Cartoon ist «MS Rainer». Das Bild (am Textende), auf dem die Schiffe nebeneinander im Hafen liegen, und am Ende der Reihe steht «MS Rainer» im Rollstuhl. Dies ist, soviel ich weiss, auch der Lieblingswitz von vielen anderen Betroffenen. Als ich ihn veröffentlichte, fragten viele auch gleich an, ob ich dieser «MS Rainer» wäre. Das war dann der Beginn von einigen Comic-Strips mit «MS Rainer» als Hauptfigur.
Phil Hubbe, Jahrgang 1966, MS-Betroffener, Gestalter von Postkarten, Kalendern, Cartoon-Bänden, arbeitet für viele Tageszeitungen und Zeitschriften und wurde für seine Werke mehrfach ausgezeichnet. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt in Magdeburg, Deutschland.