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Wenn ein Fussballklub dich am Leben hält

Ich muss drei oder höchstens vier Jahre alt gewesen sein, als ich erstmals das Lachenstadion betreten und ein Spiel von «meinem» FC Thun gesehen habe. Dieser Augenblick war magisch, aber ich dachte keine Sekunde daran, dass ich je einmal ein Teil dieses Klubs sein werde. 

Hinter dem Tor auf der Hecke, dort war mein Platz im Stadion, Wochenende für Wochenende.

«Hurra mir si im A», der Schriftzug zierte mein rotes T-Shirt, weil, der FC Thun war damals in die höchste Schweizer Fussballliga aufgestiegen. Die Thuner wurden Vize-Schweizer Meister, spielten in der Champions League, bekamen ein neues Stadion und schafften es sogar bis in den Cupfinal. 

Im 2013, drei Jahre nach der Diagnose MS, war ich bereits stark gezeichnet von der Krankheit. Doch die Spiele von «meinem» FC Thun liess ich mir nicht nehmen. In der neuen Stockhorn Arena, bei den Jungs, da fühle ich mich frei, wohl und total geborgen. Dieses magische Stadion ist mein zweites Zuhause. Da kann ich einfach alles vergessen, mitfiebern und «meine» Jungs anfeuern. Dort im Block A3, Reihe 2, Platz 234 – da kann ich einfach  ich sein.

Ein Gespräch mit dem damaligen Klubpräsidenten Markus Lüthi veränderte mein Leben. 

Es war der Beginn einer never ending Story, die es so wohl nur sehr selten gibt.

Der FC Thun erfuhr von meinem Schicksal und setzt seither alles daran, mich und meine Familie zu unterstützen. Obschon ich immer mehr von der MS gezeichnet bin,  hält der FC Thun zu mir. Es gibt keine Tabus, im Gegenteil. Die Solidarität mir gegenüber wächst immer weiter. Die Spieler bauen mich immer wieder auf und holten mich bereits mehrmals aus krankheitsbedingten Tiefs heraus.

Sie kommen mich im Spital besuchen, schicken Grussbotschaften ans Krankenbett oder motivierende Geschenke in die Reha. Ich darf immer wieder Mannschaftsfotos mit dem ganzen Team machen und sie schenken mir oft ihre Original-Team-T-Shirts. 

Als ich 2016 den MS-Preis gewonnen habe, wurde ich mit Videobotschaften der Lieblingsspieler überrascht.

Ich traute meinen Augen nicht, als die ganze (!) Erste (!) Mannschaft (!) meine Party zum 25. Geburtstag gecrasht hat. Da waren auf einmal alle Spieler und der Staff anwesend und haben Happy Birthday gesungen. Das war der absolut schönste Moment in meinem Leben. Eine Erinnerung, die mir noch heute sehr viel Kraft schenkt.

Man sagt, ich sei der grösste FC Thun-Fan überhaupt. Die erste Mannschaft sieht mich nach all den gemeinsamen Jahren als Maskottchen und Teil des Teams. Unsere Beziehung ist wirklich schön, sehr innig und freundschaftlich.

Die folgenden Worte habe ich dem Team vor Kurzem geschrieben: «Ihr  seid für mich die Luft, die ich zum Atmen brauche, das Herz das mich am Leben hält. Keinen Moment, möchte ich von euch getrennt sein. Ich brauche euch mehr, als alles andere auf der Welt. Hätte ich euch  nicht, dann wär es schlecht um mich bestellt. Ihr bedeutet mir mehr, als ich es euch je mit meinen Worten sagen kann.

Ihr nehmt mir all meine Sorgen, all meine Schmerzen und lässt die Erkrankung verstummen. Dieses Gefühl ist so unbeschreiblich schön und macht mich stark. Getragen vom ganzen Team des FCT darf ich durch die Welt rollen, immer mit dem Wissen, dass ihr da seid und mir Halt gebt.»

Ein Fussballklub der mich am Leben hält - das tönt für Sie und viele von Ihnen wohl befremdlich und etwas komisch. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich ohne die Spieler und ohne den FC Thun Berner Oberland  nicht mehr hier wäre!  

Ich trage Pants wegen der Inkontinenz, die Jungs stehen trotzdem hinter mir. Ich habe ein Augenpflaster und eine Augenklappe, die Jungs stehen trotzdem hinter mir. Ich bin im Rollstuhl und sehr stark übergewichtig, auch das hält die Jungs nicht davon ab, mich zu unterstützen.

Es gibt absolut keine Tabus zwischen dem Klub und mir. Sie wissen alles von mir. Egal was noch kommt, eines ist sicher: Auf die Solidarität von «meinem» FC Thun kann ich immer zählen. Und sie können umgekehrt darauf zählen, dass mein rot- weisses Herz bis zu meinem Tod für den FC Thun schlägt.

Was auch immer passiert, die Jungs und der Klub werden immer die Liebe meines Lebens sein!

Luana


Lattmann & Luana: ER war selfmade Himmelsstürmer und dirigierte als Aviatik-Manager eine Flotte von Business-Jets, ehe die MS ihm ein temporäres Grounding bescherte. SIE schlug als Jugendliche Belinda Bencic auf dem Tennis-Court, jetzt wehrt sie sich tagtäglich gegen den Versuch der MS, sie in die Knie zu zwingen. Oliver R. Lattmann (55) und Luana Montanaro (28) schreiben aus völlig unterschiedlichen Perspektiven über eine Sache: Ihre MS. Wie und wo sie im Alltag auf Verständnis und Solidarität treffen. Oder auch nicht. Und welche Hindernisse und Tabus ihnen rund um die unheilbare Krankheit MS in der Welt draussen (noch immer) begegnen. Lattmann & Luana sind #MiteinanderStark und unser Autoren-Team für den Welt MS Tag 2021.

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