Kognitive Probleme, also Schwierigkeiten beim Denken, bei der Konzentration und der Aufmerksamkeit, treten bei Multipler Sklerose (MS) häufig auf. Studien zeigen, dass rund die Hälfte der Menschen mit MS im Verlauf ihrer Erkrankung solche Probleme entwickelt. Damit kommen kognitive Einschränkungen deutlich häufiger vor, als lange angenommen wurde.
Besonders stark betroffen sind Personen mit progredienter MS, doch kognitive Veränderungen können auch bereits im Frühstadium der Erkrankung auftreten. Die Auswirkungen auf Alltag, Beruf und soziales Leben sind gross – selbst dann, wenn körperliche Symptome nur mild ausgeprägt sind.
Die hohe Häufigkeit kognitiver Probleme bei MS wirft unter anderem die Frage nach ihren Ursachen auf und danach, in welchem Zusammenhang sie mit akuten Krankheitsschüben stehen.
Kognitive Verschlechterung unabhängig von Schüben
Im Krankheitsprozess der MS unterscheidet man heute zwischen einer Verschlechterung im Zusammenhang mit akuten Schüben und einem schleichenden Fortschreiten unabhängig von Schüben. Letzteres wird als PIRA (Progression Independent of Relapse Activity) bezeichnet. Wie Prof. Schoonheim erläuterte, konnte mittlerweile ein solches schubunabhängiges Fortschreiten auch für kognitive Einschränkungen nachgewiesen werden. Das heisst, Denk- und Gedächtnisleistungen verschlechtern sich bei manchen Betroffenen, ohne dass es zu einem akuten Schub mit körperlichen Symptomen gekommen ist.
Unterschiedliche Hirnareale betroffen
Lange Zeit ging man davon aus, dass klinische Symptome durch die primäre Schädigung der schützenden Hülle der Nervenfasern entstehen. Diese Veränderungen, die vor allem die weisse Substanz des Gehirns betreffen, können aber kognitive Einschränkungen nur unzureichend erklären.
Heute weiss man, dass bei MS mehrere Prozesse ablaufen. Neben den Veränderungen in der weissen Substanz kommt es auch zu einem Verlust von Nervenfasern und zu Störungen in der Vernetzung verschiedener Hirnregionen. Zudem ist häufig die graue Substanz betroffen – also Bereiche des Gehirns, in denen Informationen verarbeitet werden. Besonders wichtig ist ausserdem, dass bei MS häufig Veränderungen im Thalamus, einer zentralen Schaltstelle im Gehirn, gefunden werden. Sie stehen in engem Zusammenhang mit Denk- und Gedächtnisproblemen.
Gehirn kann nicht unbegrenzt kompensieren
Wie Prof. Schoonheim weiter ausführte, ist das Gehirn als komplexes Netzwerk in der Lage, die im Laufe einer MS unterbrochenen Verbindungen zunächst zu kompensieren, indem andere Bereiche mehr Arbeit übernehmen. Das funktioniert jedoch nicht unbegrenzt. Mit zunehmender Krankheitsdauer kann es zu einer Überlastung zentraler Schaltstellen kommen. Das heisst, die Informationsverarbeitung wird langsamer, Denkprozesse erfordern mehr Energie, und alltägliche geistige Aufgaben fallen zunehmend schwerer.
Wie lange kompensiert werden kann, hängt unter anderem von den individuellen kognitiven Reserven ab. Dabei scheinen Faktoren wie geistige Aktivität, höheres Bildungsniveau oder ein aktives Sozialleben die Reserven zu stärken. Warum einzelne Personen aber länger kompensieren können als andere, ist Gegenstand aktueller Forschung. Die Hoffnung ist, zu erfahren, wie die Kompensationsmechanismen möglichst lange erhalten oder gezielt unterstützt werden können.
Früher erkennen, besser begleiten
Das Ausmass der kognitiven Einschränkungen zu erfassen, ist im Alltag nicht immer einfach. Wie Prof. Schoonheim berichtete, werden dazu zum Teil sehr unterschiedliche Tests verwendet. Um Veränderungen aber systematisch zu erfassen und über die Zeit hinweg vergleichen zu können, braucht es standardisierte Tests. Ihr Einsatz früh im Verlauf einer MS würde es ermöglichen, eine persönliche Ausgangsbasis festzuhalten. So lassen sich spätere Veränderungen besser einordnen und von kurzfristigen Schwankungen unterscheiden.
In diesem Zusammenhang wies Prof. Schoonheim auch auf eine internationale Initiative von IMSCOGS* und ECTRIMS** hin, die darauf abzielt, Leitlinien zur einheitlichen und zuverlässigen Erfassung kognitiver Veränderungen bei MS zu erarbeiten. Sie sollen dazu beitragen, Denk- und Gedächtnisprobleme frühzeitig zu erkennen und besser in die Betreuung von Menschen mit MS einzubeziehen.
*IMSCOGS: «International Multiple Sclerosis Cognition Society»
**ECTRIMS: «European Committee for treatment and Research in Multiple Sclerosis»
Prof. Dr. Menno Schoonheim ist Neurowissenschaftler und wissenschaftlicher Direktor des MS Center am Amsterdam University Medical Center (NL).
«MS State of the Art Symposium»
Das «MS State of the Art Symposium» ist der bedeutendste Fachkongress zum Thema Multiple Sklerose in der Schweiz und wird von der Schweiz. MS-Gesellschaft und ihrem Medizinisch-wissenschaftlichen Beirat organisiert. 2026 fand das Symposium am 24. Januar im KKL Luzern statt.