Am «MS State of the Art Symposium» zeigten Prof. Dr. med. Ursula Wolf und Dr. med. Robert Fitger vom Institut für Komplementäre und Integrative Medizin der Universität Bern, welche ergänzenden Ansätze sinnvoll sein können und wo Grenzen liegen.
Komplementäre Medizin umfasst unterschiedliche Verfahren mit einem gemeinsamen Grundgedanken: den Menschen ganzheitlich zu betrachten und (körper-) eigene Regulations- und Regenerationskräfte zu unterstützen. Integrative Medizin verbindet solche Ansätze gezielt mit der konventionellen Medizin, abgestimmt auf die individuelle Situation der Patientin oder des Patienten. Wichtig dabei ist eine realistische Einschätzung der Möglichkeiten dieser Ansätze. Wenn Organe unwiederbringlich geschädigt sind oder wichtige Hormone fehlen, sind eigenen Regenerationskräften und damit der komplementären und integrativen Medizin (KIM) klare Grenzen gesetzt.
Ergänzung zur konventionellen Therapie
Viele Menschen mit Multipler Sklerose (MS) nutzen zumindest zeitweise Methoden der KIM. Untersuchungen aus der Schweiz und anderen europäischen Ländern ergaben, dass etwa 50 bis 70% der Betroffenen entsprechende Angebote in Anspruch nehmen. Dabei geht es weniger um eine Alternative zur klassischen medikamentösen Therapie, sondern um eine sinnvolle Ergänzung. Denn trotz wirksamer krankheitsmodifizierender Therapien bleiben viele MS-Symptome im Alltag eine Herausforderung. Zudem können medikamentöse Behandlungen Nebenwirkungen verursachen.
Viele Betroffene fragen sich deshalb, wie sie ihre Gesundheit positiv beeinflussen können, was sie selbst tun können, um ihre Beschwerden zu verbessern oder Nebenwirkungen konventioneller Behandlungen zu mildern. KIM setzt genau hier an, bei Beschwerden wie Fatigue (starke, anhaltende Erschöpfung), Schmerzen, Schlafproblemen, Muskelverkrampfungen (Spastik), Blasenstörungen sowie Angst- und Depressionssymptomen.
Praktische Beispiele aus dem Bereich MS
Im Workshop wurden verschiedene, in der Praxis bei MS Betroffenen häufig eingesetzte komplementärmedizinische Therapien vorgestellt. Darunter pflanzliche Arzneimittel wie Weihrauchpräparate (Boswellia serrata) oder Ginkgo biloba, die in Studien mit positiven Effekten auf die Krankheitsaktivität sowie auf die Gedächtnisleistung und Fatigue in Verbindung gebracht werden. Cannabisbasierte Medikamente können bei Spastik und Schmerzen helfen und zeigten in einigen Untersuchungen ausserdem positive Effekte auf Schlaf- und Blasenstörungen. Ihr Einsatz ist in der Schweiz bei bestimmten Fällen offiziell zugelassen.
Viele dieser komplementärmedizinischen Arzneimittel sind gut verträglich. Jedoch gilt grundsätzlich: Jede wirksame Therapie kann auch Nebenwirkungen haben. Ausserdem können pflanzliche Arzneimittel unter Umständen die Wirkung konventioneller Medikamente beeinflussen. Deshalb ist es wichtig, komplementäre Massnahmen immer mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten interdisziplinär zu besprechen.
Akupunktur, achtsame Bewegungstherapien und Meditation
Auch verschiedene nichtmedikamentöse Verfahren sind Teil der KIM. Akupunktur wird häufig zur Linderung von Fatigue, Schmerzen oder Blasenstörungen eingesetzt. Achtsame Bewegungstherapien wie Yoga, Heileurythmie oder Tai-Chi können Beweglichkeit, Gleichgewicht und Erschöpfung positiv beeinflussen. Achtsamkeitsbasierte Verfahren und Meditation zeigten in Studien günstige Effekte auf Fatigue, Stress, Angst und depressive Symptome. Künstlerische Therapien wie Malen, Musik oder plastisches Gestalten können zur Entspannung beitragen, Schmerzen und Spastik lindern und das emotionale Wohlbefinden stärken. Auch äussere Anwendungen, etwa Wickel oder Einreibungen, werden von vielen Betroffenen als wohltuend und beschwerdelindernd erlebt.
Einfluss der Ernährung
Wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass eine Ernährung, die reich an Ballaststoffen und fermentierten Lebensmitteln ist und wenig verarbeitete Produkte enthält, zu einer günstigeren Darmbakterienzusammensetzung führen und entzündungshemmend wirken kann. Für Vitamin D3, Omega-3-Fettsäuren und Probiotika gibt es ebenfalls Hinweise auf einen möglichen Nutzen. Extrem restriktive Diäten werden hingegen kritisch gesehen, da sie im Alltag unnötig belasten und nicht gut belegt sind.
Teil eines umfassenden Behandlungskonzepts
Der Workshop machte deutlich, dass komplementäre und integrative Medizin für Menschen mit MS eine wertvolle Ergänzung sein kann. Sie kann helfen, Symptome zu lindern, Nebenwirkungen besser zu bewältigen, den Gesundheitszustand zu verbessern und das eigene Wohlbefinden zu stärken.
Die wissenschaftliche Evidenz ist je nach Verfahren unterschiedlich gut, weshalb ein sorgfältiges Abwägen sinnvoll ist. Daneben gibt es auch wissenschaftlich noch nicht ausreichend erforschte, aber in der klinischen Anwendungserfahrung gut wirksame und sichere Massnahmen, die sinnvoll sein können. Entscheidend bleibt, ergänzende Massnahmen gemeinsam mit dem behandelnden Team auszuwählen und realistische Erwartungen zu behalten. So können sie als Teil eines umfassenden Behandlungskonzepts einen sinnvollen Beitrag leisten.
Prof. Dr. med. Ursula Wolf ist Direktorin des Instituts für Komplementäre und Integrative Medizin der Universität Bern.
Dr. med. Robert Fitger ist Facharzt für Neurologie und Oberarzt am Institut für Komplementäre und Integrative Medizin der Universität Bern.
«MS State of the Art Symposium»
Das «MS State of the Art Symposium» ist der bedeutendste Fachkongress zum Thema Multiple Sklerose in der Schweiz und wird von der Schweiz. MS-Gesellschaft und ihrem Medizinisch-wissenschaftlichen Beirat organisiert. 2026 fand das Symposium am 24. Januar im KKL Luzern statt.