Hintergrund
Viele Menschen leiden nach einer COVID-19 Infektion an länger anhaltenden Beschwerden. Dieses sogenannte Post-COVID-19 Syndrom (PCS) oder Long COVID bezeichnet Symptome, die mindestens drei Monate nach der Infektion noch bestehen oder neu auftreten, ohne dass sich eine andere Ursache finden lässt.
Für Menschen mit Multipler Sklerose (MS) ist dieses Thema besonders bedeutsam, da typische Post-COVID Beschwerden wie Fatigue, Konzentrationsstörungen oder Schmerzen den bereits bekannten MS-Symptomen sehr ähnlich sein können. Zudem stellt sich die Frage, ob bestimmte krankheitsmodifizierende Therapien (DMTs, «Disease-Modifying Therapies») das Risiko für das Post-COVID-19 Syndrom beeinflussen.
Studie
In einer Schweizer Online-Befragung wurden 107 Personen mit MS zu ihrem Verlauf von COVID-19, den eingesetzten Medikamenten und möglichen Langzeitfolgen befragt. Die Teilnehmenden waren im Durchschnitt gut gegen COVID-19 geimpft, rund 80 Prozent hatten mindestens eine Impfung erhalten. Der akute Krankheitsverlauf war meist mild, nur wenige mussten hospitalisiert werden (8,4 Prozent). Die Forschenden ordneten die verwendeten MS-Therapien nach ihrer Wirksamkeit in drei Kategorien ein: niedrig, mässig und hoch wirksam.
Insgesamt entwickelten nur 7 von 107 Personen, also 6,5 Prozent, ein Post-COVID-19 Syndrom – deutlich weniger als in der Allgemeinbevölkerung. Die häufigsten Symptome bei den Betroffenen waren Fatigue, Schmerzen und Kopfschmerzen. Besonders auffällig war, dass das Post-COVID-19 Syndrom häufiger bei Personen auftrat, die eine niedrigwirksame MS-Therapie erhielten. 71 Prozent der Betroffenen mit dem Post-COVID-19 Syndrom befanden sich in dieser Therapiegruppe, während dies nur bei 17 Prozent der Nicht-Betroffenen der Fall war.
Ein weiterer wichtiger Faktor war die Zahl der Infektionen: Personen mit dem Post-COVID-19 Syndrom hatten im Durchschnitt mehr SARS-CoV-2-Infektionen durchgemacht (2,1 im Vergleich zu 1,3). Weder der Impfstatus noch die Schwere der akuten Erkrankung zeigten nach statistischer Auswertung einen klaren Zusammenhang mit dem Risiko für ein Post-COVID-19 Syndrom.
Für Menschen mit MS sind diese Ergebnisse beruhigend. Das Post-COVID-19 Syndrom scheint bei ihnen seltener aufzutreten als erwartet, und es zeigte sich kein Hinweis darauf, dass stärker wirksame oder immunsuppressive Therapien das Risiko für Post-COVID-19 Syndrom erhöhen. Im Gegenteil: Die Daten deuten darauf hin, dass eine gut kontrollierte Immunreaktion sogar einen gewissen Schutz bieten könnte.
Fazit
Zusammenfassend zeigen die Resultate, dass mehrere COVID-19-Infektionen und eine Behandlung mit weniger wirksamen MS-Medikamenten die wichtigsten Risikofaktoren für Post-COVID-19 Syndrom in dieser Studie waren.
Die Autorinnen und Autoren empfehlen eine individuelle Beurteilung des Risikos und betonen die Bedeutung von Impfschutz, Prävention und einer sorgfältig abgestimmten MS-Therapie.
Autoren
Die Hauptautorin der Studie, Dr. Lara Diem, ist wie weitere Mitwirkende Mitglied des Medizinisch-wissenschaftlichen Beirats der Schweiz. MS-Gesellschaft
Link zur Studie
Multiple Sclerosis and Related Disorders, Volume 104, 106792