Multiple Sklerose (MS) beginnt in den meisten Fällen bereits im jungen Erwachsenenalter. In den letzten Jahren hat sich jedoch gezeigt, dass das Durchschnittsalter der Betroffenen steigt: Gemäss einer kürzlich erschienenen Schätzung sind fast die Hälfte (47%) aller MS-Betroffenen 50-jährig oder älter. In diesem Alter kann die Krankheitsaktivität abnehmen – also die Häufigkeit von Entzündungen und Schüben. Genau diese Entzündungsprozesse werden durch immunmodulierende Therapien (DMTs) gezielt gebremst, um das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen. Das bedeutet, dass die Wirksamkeit der angewendeten Medikamente im höheren Alter möglicherweise abnimmt. Zudem können Nebenwirkungen der DMTs mit zunehmendem Alter stärker ins Gewicht fallen.
Sowohl die Wirksamkeit als auch die Sicherheit immunmodulierender Therapien bei älteren Menschen sind bislang nur unzureichend untersucht. Daher gibt es für diese Altersgruppe derzeit keine einheitliche Empfehlung, ob und wann eine laufende Behandlung fortgeführt oder allenfalls beendet werden sollte.
Das Schweizer MS Register hat die tatsächliche Anwendung von DMTs bei Menschen ab 55 Jahren genauer untersucht. Für die Analyse wurden 378 Personen berücksichtigt, die zum Zeitpunkt der Befragung mindestens 55 Jahre alt waren.
Erkenntnisse der Studie
- Etwas mehr als die Hälfte (54.5 %) der Teilnehmenden nutzte zum Zeitpunkt der Befragung eine DMT
- Die meisten Personen setzten ihre bisherige Therapie fort
- Am häufigsten kamen die Wirkstoffe Ocrelizumab, Fingolimod und Dimethylfumarat zum Einsatz
Die Forschenden haben insbesondere untersucht, welche Faktoren die Entscheidung beeinflussen, ob eine immunmodulierende Therapie durchgeführt wird oder nicht. Die Analyse zeigte, dass die ärztliche Betreuung eine zentrale Rolle spielt. Ein Teil der Befragten war nicht mehr regelmässig in neurologischer Behandlung. Diese Personen haben markant weniger häufig angegeben, dass sie DMTs anwenden. Gründe dafür könnten sein, dass Betroffene unter Umständen als «austherapiert» gelten (also keine verfügbaren Therapieoptionen mehr haben).
Bei Teilnehmenden, die regelmässig neurologisch betreut wurden, zeigten sich folgende Zusammenhänge:
- Personen mit schubförmig-remittierender MS nutzten DMTs am häufigsten
- Bei progredienten Verlaufsformen kamen diese Medikamente deutlich seltener zum Einsatz
- Mit ansteigendem Alter und längerer Krankheitsdauer nahm die Häufigkeit von DMTs etwas ab, jedoch nicht markant
Fazit der Studie
Etwa die Hälfte der Teilnehmenden nutzte eine immunmodulierende Therapie. Alter sowie Krankheitsdauer spielten nur eine geringe Rolle und es gibt aktuell keinen Konsens dazu, in welchem Alter eine solche Therapie beendet werden kann und sollte. Ärztinnen, Ärzte und Betroffene treffen diese Entscheidung individuell, basierend auf Krankheitsverlauf, Lebensqualität und möglichem Nutzen der Therapie. Weitere Forschung ist nötig, um klare Behandlungsempfehlungen zu geben.
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Text///Mina Stanikić doktorierte bereits beim Schweizer MS Register zum Thema «Altern mit Multipler Sklerose». Nachdem sie auch nach ihrem Abschluss als Postdoktorandin das MS Register-Team verstärkte, setzt sie ihre Forschung seit Kurzem an der Universität Harvard in den Vereinigten Staaten fort.
Das Schweizer MS Register wurde von der Schweiz. MS-Gesellschaft auf Wunsch von Betroffenen initiiert, um ihre Perspektive in die Forschung einzubringen. Ausgeführt wird das Citizen Science-Forschungsprojekt von der Universität Zürich. Gemeinsam mit MS-Betroffenen untersuchen Forschende verschiedene Fragestellungen, stets mit dem Ziel, zu einer Verbesserung der Lebensqualität MS-Betroffener beizutragen.