Hintergrund
Bei MS kommt es nicht nur zu Entzündungen, sondern auch zu einem schleichenden Verlust von Nervenzellen und Gehirnsubstanz. Dieser neurodegenerative Prozess trägt wesentlich zur langfristigen Behinderung und zu Denk- und Gedächtnisproblemen bei. Bisher wurde dieser Schaden meist über das Hirnvolumen im MRI gemessen. Diese Methode hat jedoch Nachteile, da sie stark vom Lebensalter abhängt und Veränderungen schwer vergleichbar sind.
Ein neuer Ansatz ist das sogenannte «Brain Age»: Mithilfe künstlicher Intelligenz wird aus MRI-Bildern berechnet, wie alt ein Gehirn aussieht. Die Differenz zwischen berechnetem «Gehirnalter» und tatsächlichem Alter nennt man Brain-PAD. Ein höherer Wert bedeutet ein schnelleres Altern des Gehirns.
Aktuelle Studie
An der vorliegenden Studie nahmen 237 MS-Betroffene und 116 gesunde Kontrollpersonen teil. Alle Teilnehmenden waren 1966 geboren und somit 52 beziehungsweise 53 Jahre alt. Es wurden Menschen mit schubförmiger sowie progredienter Verlaufsform untersucht: Folgende Faktoren wurden geprüft und systematisch erfasst:
- MRI-Bilder
- körperliche Einschränkungen:
- EDSS - eine Skala zur Messung des Behinderungsgrads
- Geh- und Handfunktion
- kognitive Leistungen:
- Gedächtnis
- Aufmerksamkeit
- Verarbeitungsgeschwindigkeit
Ziel war es festzustellen, wie stark das «Gehirnalter» mit Behinderung und kognitiven Defiziten zusammenhängt.
Ergebnisse
Das Gehirn von MS-Betroffenen wirkte im Durchschnitt 9.7 Jahre älter als das von gleichaltrigen gesunden Personen. Dieser Effekt war jedoch individuell sehr unterschiedlich. Besonders ausgeprägt war er bei sekundär progredienter MS. Mit zunehmender Krankheitsdauer stieg das «Gehirnalter» weiter an; pro 10 Jahre MS-Erkrankung nahm das Brain-PAD um 2.1 zusätzliche Jahre zu.
Ein höheres Gehirnalter zeigte klar, dass dies mit stärkeren körperlichen Einschränkungen einhergeht, darunter langsameres Gehen, schlechtere Handfunktion und ein höherer EDSS-Wert. Auch kognitive Einschränkungen zeigten einen deutlichen Zusammenhang: Betroffene mit messbaren Denk- und Gedächtnisproblemen hatten ein deutlich höheres Brain-PAD als kognitiv unauffällige Teilnehmende. Besonders betroffen waren Verarbeitungsgeschwindigkeit und visuell-räumliches Gedächtnis. Wichtig ist, dass das Gehirnalter zusätzliche Informationen lieferte, die über klassische MRI-Messungen hinausgingen.
Fazit
Die Studie zeigt, dass das beschleunigte Altern des Gehirns ein zentraler Marker für Krankheitsbelastung bei MS ist. Das sogenannte Brain-PAD spiegelt unabhängig vom tatsächlichen Lebensalter sowohl körperliche als auch kognitive Einschränkungen wider. Langfristig könnte dieses Mass helfen, Krankheitsverläufe besser einzuschätzen und neurodegenerative Prozesse bei MS früher zu erkennen.
Link zur Studie
Neurology, 2026.