Nach einer MS-Diagnose stellen sich früher oder später die Fragen, wann eine Behandlung begonnen werden sollte und welche Therapie dafür am besten geeignet ist. Seit Mitte der 1990er Jahre stehen sogenannte DMT (Disease-Modifying Therapy, immunmodulierende Therapien) zur Verfügung, die Schübe kontrollieren und den Krankheitsverlauf beeinflussen können.
Inzwischen können solche Therapien grundsätzlich bei allen Verlaufsformen der MS eingesetzt werden, auch wenn sich die Auswahl der Medikamente je nach Krankheitsform und -aktivität unterscheidet. DMTs können anhand ihrer Wirksamkeit in drei Kategorien eingeteilt werden: niedrig-, moderat- und hochwirksame Therapien. Während niedrigwirksame Therapien mehrheitlich Injektions-Therapien sind, werden die meisten moderat wirksamen DMTs oral (als Tablette) eingenommen. Hochwirksame Therapien werden hingegen überwiegend als Infusion oder Injektion verabreicht. Neben der Wirksamkeit und der Verabreichungsform unterscheiden sich die Medikamente auch in ihrem Wirkmechanismus und in den möglichen unerwünschten Effekten.
Doch wie hat sich die Verschreibungspraxis solcher Behandlungen über die Zeit verändert? Starten MS-Betroffene heute schneller mit einer immunmodulierenden Therapie als früher? Welche Medikamente werden zu Beginn der Erkrankung eingesetzt? Bislang war nur wenig darüber bekannt, wie die Behandlung mit immunmodulierenden Therapien in der Schweiz in der Praxis aussieht und wie sich diese im Zeitverlauf entwickelt hat. Deshalb wurde dieses Thema im Rahmen einer Studie des Schweizer MS Registers untersucht.
Was wurde untersucht?
In dieser Studie wurden die Daten von über 1'700 MS-Betroffenen aus dem Schweizer MS Register ausgewertet. Berücksichtigt wurden Personen mit einem klinisch isolierten Syndrom oder einer schubförmig-remittierenden MS, deren MS-Diagnose ab 1995 gestellt wurde. Folgende Fragen wurden in der Studie untersucht:
- Wie hat sich der Zeitraum zwischen der MS-Diagnose und dem Beginn der ersten immunmodulierenden Therapie verändert?
- Welche immunmodulierenden Medikamente werden als erste Therapie eingesetzt?
- Von welchen möglichen unerwünschten Wirkungen berichten MS-Betroffene nach Beginn ihrer ersten Therapie?
Welche Ergebnisse zeigten sich?
Die Daten deuten darauf hin, dass heute nach einer MS-Diagnose schneller mit einer immunmodulierenden Therapie begonnen wird als früher. Während MS-Betroffene mit einer Diagnose bis in die späten 2000er-Jahre typischerweise etwa 4,5 Monate nach der Diagnose mit der ersten Therapie begannen, sind es heute meist nur noch rund zwei Monate.
Neben der Zeit bis zum Beginn der ersten immunmodulierenden Therapie scheint sich auch die Wahl der Ersttherapie verändert zu haben. Lange Zeit dominierten niedrig wirksame Injektions-Therapien, doch seit etwa 2011 erhalten zunehmend mehr MS-Betroffene eine moderat wirksame orale Therapie. Seit etwa 2020 werden zudem vermehrt hochwirksame Therapien als Infusion oder Injektion als Ersttherapie eingesetzt.
Auch bei den möglichen unerwünschten Wirkungen zeigen sich Unterschiede zwischen den Therapien. Die Daten zeigen, dass MS-Betroffene, die mit hochwirksamen Therapien starteten, insgesamt über weniger unerwünschte Wirkungen berichteten als MS-Betroffene, die mit weniger wirksamen Therapien begannen. Falls jedoch solche auftreten, dann sind sie in der Regel schwerwiegender.
Was bedeutet das nun für MS-Betroffene?
Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass sich die Behandlung von MS in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten verändert hat. So werden Therapien heute früher und häufiger mit hochwirksamen immunmodulierenden Medikamenten begonnen. Dies spiegelt die allgemeinen Behandlungsrichtlinien wider, die Krankheitsaktivität bei MS möglichst früh zu kontrollieren und so den Krankheitsverlauf langfristig positiv zu beeinflussen.
Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse des MS Registers, die auf vielfältigen Erfahrungen von Betroffenen basieren, wertvolle Einblicke in die Behandlungspraxis und die Erfahrungen mit Therapien im Alltag. Solche Informationen aus dem Blickwinkel der Betroffenen können die gemeinsame Entscheidungsfindung über Therapien unterstützen, bei der die Wirksamkeit, mögliche Risiken und persönliche Präferenzen berücksichtigt werden sollten.
Zusatzinformationen
Um mehr über die verschiedenen Therapieformen zu erfahren, hat die Schweiz. MS-Gesellschaft eine Übersicht der Behandlungen für Sie zusammengestellt: Aktuelle Therapien
Original-Publikation
Text: Dr. Stefania Iaquinto, Melinda Steiner, Dr. Nina Steinemann