Körperliche und psychische Ursachen
Die Ursachen sexueller Probleme bei MS sind vielfältig. Sie können sowohl körperlich als auch psychisch bedingt sein und als direkte oder indirekte Folgen der Krankheit auftreten. Meist wirken verschiedene Faktoren zusammen.
Körperliche Ursachen
Sexuelle Funktionsstörungen können eine direkte Folge der Entzündungsherde im Gehirn oder im Rückenmark und der Schädigung der Nervenumhüllung sein.
Dieselben Prozesse können aber auch zu Müdigkeit, Spastik, Schmerzen, Muskelschwäche, Blasenproblemen, mangelnder Mobilität und Depressionen führen. Solche Symptome bewirken wiederum, dass die Lust gar nicht erst aufkommt oder die sexuellen Erlebensmöglichkeiten eingeschränkt sind.
Neben der Krankheit selbst und psychischen Faktoren können auch weitere Erkrankungen wie z.B. Diabetes, Rauchen, Alkohol, Drogen sowie verschiedene Medikamente sexuelle Störungen verursachen.
Psychische Ursachen
Veränderte Körperwahrnehmung durch die MS
MS hat auch einen indirekten Einfluss auf die Sexualität. Denn Spass am Sex hängt unter anderem davon ab, wie attraktiv und begehrenswert man sich selbst fühlt. Bei MS funktioniert der Körper oft nicht mehr wie gewohnt, muss behandelt und therapiert werden und wird zum Symbol von Einschränkungen – also zum Gegenteil von Genuss und Lust.
Bei vielen Betroffenen verändert sich das Körperbild durch die Symptome der MS und damit auch das Selbstbild.
«Nach einem Schub konnte ich mich eine Zeit lang nicht mehr im Spiegel anschauen, geschweige denn zärtlich berühren. Meinen Körper habe ich nur noch betrachtet, um eine Einstichstelle für die nächste Spritze zu finden!»
erzählt eine junge MS-betroffene Frau.
Eigener Leistungsdruck – vor allem bei Männern
Für Männer ist Sexualität manchmal enger mit Leistung als mit Genuss verknüpft. Sie haben dann eine unrealistische Vorstellung von männlicher Potenz. Dieser Leistungsdruck entwickelt sich schnell zu einem Teufelskreis. Denn der Druck bringt oft Angst vor Versagen mit sich, die Angst führt zu tatsächlichem Versagen und das Versagen zu noch grösserem Leistungsdruck. Dadurch wächst die Angst weiter und viele Betroffene bauen ein «Vermeidungsverhalten» auf: Sie vermeiden bestimmte, eigentlich lustbetonte Situationen, verdrängen sie manchmal sogar gedanklich und tabuisieren das Thema damit vollkommen.
«Irgendwie hatte ich das Bild im Kopf, dass ein richtiger Mann einen grossen Penis hat und in jeder Situation und die ganze Nacht hindurch kann. Meiner war klein und wurde nicht immer steif, und mehr als einmal pro Nacht ging nicht. Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich dahinterkam, dass es nicht nur mir, sondern auch anderen Männern so ging, obwohl diese keine MS haben.»
erzählt ein junger Mann, der von MS betroffen ist.
Veränderte Rollenbilder
Durch die MS verändert sich einiges. Der Alltagsstress nimmt zu und Perspektiven oder Pläne für die Zukunft müssen neu überdacht werden – genauso wie die Rollenverteilung in einer Beziehung. Für viele Paare wird es schwieriger, erotische Momente herbeizuführen, wenn die Partnerin oder der Partner auch die Rolle des Helfenden oder gar Pflegenden übernehmen muss.