MS und Sexualität

Multiple Sklerose kann eine Beziehung und die Sexualität verändern. Darüber zu reden, braucht Mut – aber es lohnt sich. Denn Gespräche mit der Partnerin oder dem Partner, aber auch mit Fachleuten, können helfen, Wünsche, Probleme und Ängste anzusprechen und gemeinsam Wege zu finden. 

Weil Sexualfunktionsstörungen sowohl die Lebensqualität als auch die Partnerschaften von MS-Betroffenen erheblich beeinflussen können und das Thema oft schambesetzt ist, kann eine gute Aufklärung Betroffene ermutigen und Möglichkeiten aufzeigen. 

Multiple Sklerose kann sexuelle Störungen verstärken 

In der Durchschnittsbevölkerung haben bis zu 50 Prozent der Männer und 60 Prozent der Frauen sexuelle Probleme. Diese Zahlen zeigen: Sexuelle Störungen sind normal und unabhängig von chronischen Erkrankungen weit verbreitet. Und trotzdem sind sie ein Thema, über das ungern gesprochen wird. 

Diese Funktionsstörungen können sich durch die Multiple Sklerose verstärken, weshalb sie bei Menschen mit MS verbreitet sind. Studien zeigen, dass sexuelle Störungen bei MS-betroffenen Männern sehr häufig sind und auch bei mehr als der Hälfte der Frauen auftreten.

Unsicherheiten können auf beiden Seiten auftreten 

Probleme bei der Sexualität müssen nicht immer von der MS-betroffenen Person ausgehen. Auch beim Partner, der Partnerin können sich Unsicherheiten einstellen. Die Angst, die andere Person sexuell zu überfordern, ihr zu viel Energie abzuverlangen oder aber auch eine gut gemeinte Rücksichtnahme können dazu führen, dass die nicht MS-betroffene Person die eigenen sexuellen Wünsche unterdrückt, unsicher wird und sich schliesslich zurückzieht. Die Folge können Unmut bis hin zur Entfremdung in der Partnerschaft sein.

Die sexuellen Störungen sind vielfältig 

Das häufigste Problem bei MS-Betroffenen: Sie haben kaum oder kein Verlangen nach Sex und empfinden auch keine Lust. «Ich bin viel zu müde» oder «Allein der Gedanke an Sex stösst mich ab» sind verbreitete Aussagen. 

Zudem kommt es bei MS oft zu Empfindungsstörungen: «Jede Berührung schmerzt», «Ich spüre kaum etwas, wenn ich meine Klitoris streichle», «Auch wenn ich Lust verspüre, wird meine Scheide nicht feucht». 

Daneben erschweren Erektions-, Orgasmus- und Ejakulationsprobleme die Sexualität von vielen Betroffenen: «Mein Glied wird nicht steif», «Ich erlebe den Höhepunkt nicht mehr so intensiv», «Ich habe keinen Samenerguss».

Solche Störungen treten zum Teil nur phasenweise oder in bestimmten Situationen auf und sind – je nach Ursache – behandelbar. Meist lassen sie genügend Spielraum für andere sexuelle Erfahrungen, weshalb es sich lohnt, über das Thema zu sprechen. 

Körperliche und psychische Ursachen 

Die Ursachen sexueller Probleme bei MS sind vielfältig. Sie können sowohl körperlich als auch psychisch bedingt sein und als direkte oder indirekte Folgen der Krankheit auftreten. Meist wirken verschiedene Faktoren zusammen. 

Körperliche Ursachen 

Sexuelle Funktionsstörungen können eine direkte Folge der Entzündungsherde im Gehirn oder im Rückenmark und der Schädigung der Nervenumhüllung sein. 

Dieselben Prozesse können aber auch zu Müdigkeit, Spastik, Schmerzen, Muskelschwäche, Blasenproblemen, mangelnder Mobilität und Depressionen führen. Solche Symptome bewirken wiederum, dass die Lust gar nicht erst aufkommt oder die sexuellen Erlebensmöglichkeiten eingeschränkt sind.

Neben der Krankheit selbst und psychischen Faktoren können auch weitere Erkrankungen wie z.B. Diabetes, Rauchen, Alkohol, Drogen sowie verschiedene Medikamente sexuelle Störungen verursachen. 

Psychische Ursachen 

Veränderte Körperwahrnehmung durch die MS 

MS hat auch einen indirekten Einfluss auf die Sexualität. Denn Spass am Sex hängt unter anderem davon ab, wie attraktiv und begehrenswert man sich selbst fühlt. Bei MS funktioniert der Körper oft nicht mehr wie gewohnt, muss behandelt und therapiert werden und wird zum Symbol von Einschränkungen – also zum Gegenteil von Genuss und Lust. 

Bei vielen Betroffenen verändert sich das Körperbild durch die Symptome der MS und damit auch das Selbstbild.

«Nach einem Schub konnte ich mich eine Zeit lang nicht mehr im Spiegel anschauen, geschweige denn zärtlich berühren. Meinen Körper habe ich nur noch betrachtet, um eine Einstichstelle für die nächste Spritze zu finden!»
erzählt eine junge MS-betroffene Frau.

Eigener Leistungsdruck – vor allem bei Männern 

Für Männer ist Sexualität manchmal enger mit Leistung als mit Genuss verknüpft. Sie haben dann eine unrealistische Vorstellung von männlicher Potenz. Dieser Leistungsdruck entwickelt sich schnell zu einem Teufelskreis. Denn der Druck bringt oft Angst vor Versagen mit sich, die Angst führt zu tatsächlichem Versagen und das Versagen zu noch grösserem Leistungsdruck. Dadurch wächst die Angst weiter und viele Betroffene bauen ein «Vermeidungsverhalten» auf: Sie vermeiden bestimmte, eigentlich lustbetonte Situationen, verdrängen sie manchmal sogar gedanklich und tabuisieren das Thema damit vollkommen. 

«Irgendwie hatte ich das Bild im Kopf, dass ein richtiger Mann einen grossen Penis hat und in jeder Situation und die ganze Nacht hindurch kann. Meiner war klein und wurde nicht immer steif, und mehr als einmal pro Nacht ging nicht. Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich dahinterkam, dass es nicht nur mir, sondern auch anderen Männern so ging, obwohl diese keine MS haben.»
erzählt ein junger Mann, der von MS betroffen ist.

Veränderte Rollenbilder

Durch die MS verändert sich einiges. Der Alltagsstress nimmt zu und Perspektiven oder Pläne für die Zukunft müssen neu überdacht werden – genauso wie die Rollenverteilung in einer Beziehung. Für viele Paare wird es schwieriger, erotische Momente herbeizuführen, wenn die Partnerin oder der Partner auch die Rolle des Helfenden oder gar Pflegenden übernehmen muss. 

Wie Betroffene mit sexuellen Störungen umgehen können

Mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin sprechen 

Fassen Sie Mut, die Sexualität zum Thema zu machen. Mit dem Partner oder der Partnerin darüber zu sprechen, fällt vielen schwer. Versuchen Sie, über Ihre Bedürfnisse und Gefühle zu sprechen. Sagen Sie, was Ihnen guttut, was Sie sich wünschen, was Ihnen Schwierigkeiten bereitet und was Sie nicht wollen.

Ein paar Tipps, damit die Gespräche reibungslos verlaufen: 

  • Notieren Sie Ihre sexuellen Wünsche und Gedanken. So werden Sie sich zunächst über Ihre eigenen Empfindungen und Befürchtungen im Klaren und können diese gegenüber Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner besser äussern: Welche körperlichen Beschwerden behindern mich am meisten beim Sex? Welche Gefühle und Assoziationen habe ich, wenn ich an die MS und mein Sexualleben denke? Welche Erwartungen habe ich an meine Partnerin oder meinen Partner?
  • Achten Sie darauf, dass Sie beim Sortieren Ihrer Gedanken nicht in eine pure «Mängelliste» verfallen. Heben Sie auch die angenehmen Situationen und Gefühle in Ihrem Sexualleben hervor: Was tut mir besonders gut? Was würde ich mir in Zukunft wünschen? Wobei fühle ich mich am wohlsten?
  • Wählen Sie den richtigen Zeitpunkt, die passende Atmosphäre und den richtigen Ort für ein solches Gespräch. Nach einem entspannten Abendessen in intimer Atmosphäre lässt sich Vertrautheit schaffen, um auch heikle Themen anzugehen.
  • Stehen Sie zu Ihren Gefühlen und reden Sie darüber, ohne jedoch den anderen für seine vermeintliche Haltung zu kritisieren. Achten Sie auf das Miteinander und geben Sie Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner die Möglichkeit, die Sachlage aus der eigenen Sicht zu beschreiben.
  • Werden Sie konkret. Schildern Sie Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner möglichst anschaulich, was Sie sich wünschen oder welche Situationen Ihnen angenehm sind.

Störungen ärztlich abklären lassen

Hinter sexuellen Funktionsstörungen können viele Ursachen stecken, deshalb gibt es auch diverse Ansätze, wie man damit umgehen kann. Suchen Sie deshalb das Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt Ihres Vertrauens, und schauen Sie gemeinsam, ob Abklärungen bei Spezialisten (Gynäkologin, Urologen, Sexualberaterin, Psychologen) sinnvoll sind. 

Die Fachperson wird zuerst Gefässschäden, Störungen des peripheren Nervensystems und Hormonstörungen ausschliessen und die Erektionsfähigkeit mit relativ einfachen Messungen feststellen. Wenn bei einem MS-betroffenen Mann die normalen, unbewussten nächtlichen Erektionen vorhanden sind oder wenn durch Selbstbefriedigung eine Erektion eintritt, dann ist eine organische Störung eher unwahrscheinlich. 

Für Männer: Medikamente verschreiben lassen 

Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, ob Ihnen ein Medikament helfen könnte. Bei Erektionsstörungen des Mannes können sowohl orale (durch den Mund einzunehmende) als auch direkt am Penis applizierbare Präparate angewendet werden. 

Wichtig ist, dass Sie nie Medikamente ohne ärztliche Absprache einnehmen. Nur mit der richtigen Auswahl und gut dosiert können Sie sichergehen, dass sich der Wirkstoff mit den Medikamenten Ihrer MS-Therapie verträgt. Besorgen Sie sich bitte auch keine Medikamente aus zweifelhaften Internetquellen. 

Für Frauen: neue Wege finden, Hilfen ausprobieren

  • Frauen können eine fettfreie Gleitcreme verwenden, die bei zu trockener Scheide hilft. Auch das Berühren der Genitalien macht mit einer Creme eventuell mehr Spass.
  • Bei Spastik im Beckenboden oder den inneren Oberschenkeln kann die zeitlich abgestimmte Einnahme eines Antispastikums helfen. Probieren Sie aus, welche Stellung am wenigsten Spastiken auslöst.
  • Bei Inkontinenz hilft es, einige Stunden vor dem Zusammensein sehr wenig zu trinken und die Blase durch Klopfmassage oder Selbstkatheterisieren zu entleeren.
  • Sollten Sie unter Empfindungsstörungen im Genitalbereich leiden, suchen Sie andere erogene Zonen, in denen Sie stimulierbar sind. Versuchen Sie es mit einem Vibrator, wenn Sie das mögen. Wichtig ist, dass all das im Einvernehmen mit Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner geschieht und diese Möglichkeiten von Ihnen beiden als lustvoll erlebt werden.

Denkweise verändern

  • Sex kann trotz Funktionsstörungen befriedend sein

    Sexuelle Funktionsstörungen müssen nicht zwingend bedeuten, dass die Sexualität nicht mehr als befriedigend erlebt wird. Sich das bewusst zu machen, kann helfen.

  • Es gibt keine «Sex-Normen»

    Lassen Sie sich bei Ihren Gedanken zur Sexualität nicht von vermeintlichen «Normen» leiten: Es gibt keine Normen über Häufigkeit, Intensität und Qualität des Sexuallebens.

  • Der Orgasmus muss nicht das Ziel sein, auch der Weg dorthin kann befriedigend sein

    Konzentrieren Sie sich nicht auf den Orgasmus, sondern auf alles, was Sie mit Ihrem Partner auf dem Weg dazu erleben und spüren. Geben Sie sich ab und zu dem Motto hin: «Alles, was Spass macht, ist erlaubt – ausser miteinander zu schlafen.» Das reduziert den Leistungsdruck oder Erwartungsängste und beflügelt die Fantasie. Entdecken Sie Ihre erogenen Zonen, indem Sie verschiedene Berührungen von Kopf bis Fuss testen und feststellen, ob sie angenehm oder unangenehm sind.

  • Guter Sex muss nicht immer spontan sein, er darf auch geplant werden

    Wählen Sie eine Tageszeit, zu der Sie viel Energie haben – vor allem, wenn Sie unter Müdigkeit leiden. Ruhen Sie sich bewusst vorher aus. Wenn am Abend nichts geht, ist vielleicht der Morgen die richtige Zeit. Sorgen Sie für eine ruhige, entspannte Atmosphäre. Bringen Sie die Kinder zu den Grosseltern, legen Sie Musik auf und schalten Sie das Mobile aus.

Neues ausprobieren

Liebkosen, Streicheln und Massieren: Das alles ist gelebte Sexualität. Manche mögen orale und anale Stimulierung oder Hilfsmittel wie Vibratoren, andere nicht. Schauen Sie sich zusammen einen erotischen Film an, lassen Sie Fantasien zu. Erlaubt ist, was beiden gefällt und die Grenzen des anderen respektiert.

Diese kleinen Umwege und Vorbereitungen mögen zwar teilweise aufgesetzt und geplant wirken, können aber das Lustempfinden und die gemeinsame Freude an der Sexualität steigern.

Professionelle Hilfe suchen

Durch nicht ausgesprochene Sorgen, Vorstellungen und Bedürfnisse kann es zu Missverständnissen in der Partnerschaft kommen. Diese Missverständnisse können sich im Laufe der Zeit verstärken und die Kommunikation innerhalb einer Beziehung deutlich beeinträchtigen. Wenn es so weit gekommen ist, kann es sinnvoll sein, eine Ärztin oder einen Psychotherapeuten hinzuzuziehen. Fachpersonen können das Thema unbefangen und professionell angehen oder zumindest das Gespräch in Gang setzen. Oftmals bilden unangemessene Erwartungen und Schamgefühle eine nur schwer zu überwindende Hürde in der gemeinsamen Auseinandersetzung mit diesem Thema. 

Die MS-Gesellschaft unterstützt Betroffene und Angehörige

Wir begleiten MS-Betroffene und deren Angehörige in allen Phasen des Lebens, finden neue Wege, um mit der Krankheit umzugehen und haben jederzeit ein offenes Ohr.

In unserem PDF über MS und Schwangerschaft finden Sie ausserdem alle Informationen verständlich aufbereitet. 

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