Depressionen bei MS

Menschen mit Multipler Sklerose trauern oft ihren verlorenen Fähigkeiten nach. Dabei durchleben sie seelische Tiefs und viele traurige Momente. Doch auch wenn nicht jedes dieser seelischen Tiefs eine Depression ist, sind Depressionen ein häufiges Symptom und eine Begleiterscheinung bei MS.

Depressionen sind häufiges Symptom bei MS 

Depressionen gehören in der Gesamtbevölkerung zu den häufigsten Krankheiten. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken fast 20 Prozent aller Menschen irgendwann im Leben an einer Depression. Bei MS-Betroffenen ist die Zahl deutlich höher: Studien schätzen, dass bei etwa der Hälfte aller MS-Betroffenen irgendwann eine Depression diagnostiziert wird. Eine Depression ist damit auch eines der häufigsten Symptome bei Multipler Sklerose. 

Was ist eine Depression?

Eine Depression ist eine psychische Krankheit. Sie ist gekennzeichnet durch genau definierte Symptome, die je nach Schweregrad in unterschiedlicher Ausprägung für eine längere Zeitdauer so deutlich in Erscheinung treten, dass die gesamte Erlebnis- und Genussfähigkeit, die Leistungsfähigkeit, das Denken und die zwischenmenschliche Beziehungsfähigkeit eines Menschen deutlich beeinträchtigt werden. 

Von einer Depression spricht man, wenn einige der folgenden Symptome über mindestens zwei Wochen vorliegen und so ausgeprägt sind, dass die betroffene Person nur unter Schwierigkeiten soziale, häusliche und berufliche Aktivitäten fortsetzen kann oder – in einer schweren Form – dazu gar nicht mehr in der Lage ist:

  • Gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit
  • Weniger oder kein Antrieb mehr
  • Unkonzentriertheit, Unaufmerksamkeit
  • Interessensverlust
  • Schnelle Ermüdbarkeit
  • Schlafstörungen
  • Essstörungen, Appetitverlust oder zu viel Essen
  • Weniger Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • Gefühl von Schuld und Wertlosigkeit
  • Ruhelosigkeit
  • Pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Körperliche Beschwerden, die keine körperliche Ursache haben
  • Suizidgedanken oder -handlungen

Es gibt unterschiedliche Formen und Schweregrade der Depression. Dies kann so weit reichen, dass sich die Betroffenen äusserst niedergeschlagen fühlen und sowohl die aktuelle Situation als auch die Zukunftsaussichten als negativ empfinden. 

Manche Symptome einer Depression ähneln typischen MS-Symptomen

Einige Symptome, die zur Depression gehören, sind auch typisch für die MS. Dazu gehören die starke Ermüdbarkeit, Schwierigkeiten bei der Handlungsplanung, reduzierte Konzentrationsfähigkeit oder körperliche Beschwerden. Eine Erschöpfung und die damit verbundene Energielosigkeit kann beispielsweise sowohl Zeichen einer Fatigue als auch Symptom einer Depression sein. 

Umso wichtiger ist es, dass Sie sich bei vorhandenen Symptomen an eine Fachperson wenden und diese abklären lassen. Eine Depression ist eine Krankheit – sie sollte, wie jede andere Krankheit auch, professionell behandelt werden.

Wichtig ist auch: Nicht jedes seelische Tief ist eine Depression

Dass eine chronische Krankheit Angst und Traurigkeit auslöst, ist natürlich und nachvollziehbar. MS-Betroffene erleben den Verlust am eigenen Körper, sie müssen sich nach einem Schub an die Einschränkungen anpassen, manchmal sogar Zukunftspläne aufgeben. Nach einer Phase der Trauer geht es vielleicht wieder schrittweise aufwärts. Und das ist ein Unterschied zur Depression. 

Eine klinische Depression hält länger an und nimmt die ganze Person ein. Ein depressiver Mensch fühlt sich niedergeschlagen, hoffnungs- und wertlos. Er entwickelt pessimistische Zukunftsperspektiven und extreme Ängste, die bis hin zu Suizidgedanken und -handlungen führen können.

Seelisches Tief oder Depression – was habe ich? 

Diese Diagnose sollte nie selbst gestellt werden. Die folgenden Fragen können Ihnen aber einen Anstoss geben, sich über Ihre eigene Befindlichkeit Gedanken zu machen. Wenn Sie oft mit «Ja» antworten, sollten Sie sich an eine Ärztin, einen Arzt oder eine psychotherapeutische Fachperson wenden. Sie wird mit Ihnen prüfen, ob Sie an einer Depression leiden.

Fragen zur Selbsteinschätzung 

  • Kann ich mich nicht mehr freuen?
  • Fällt es mir schwer, Entscheidungen zu treffen?
  • Habe ich kein Interesse mehr an etwas?
  • Neige ich in letzter Zeit vermehrt zum Grübeln?
  • Plagt mich das Gefühl, dass mein Leben sinnlos geworden ist?
  • Fühle ich mich müde und schwunglos?
  • Habe ich Schlafstörungen?
  • Spüre ich irgendwelche Schmerzen oder einen Druck auf der Brust?
  • Habe ich wenig Appetit oder Gewicht verloren?
  • Habe ich Schwierigkeiten in sexueller Hinsicht?

Depressionen bei MS haben verschiedene Ursachen und Einflussfaktoren

In der Forschung zu Depressionen wird vermutet, dass unterschiedliche Faktoren, wie Vererbung, organische Veränderungen des Gehirns, hormonelle Störungen, ein gestörtes Immunsystem oder soziale Komponenten, Depressionen begünstigen. Wie MS und Depression genau zusammenhängen, ist dagegen weitgehend unklar.

  • Möglicherweise genetische Faktoren

    Bisher gibt es keinen Beleg dafür, dass ein genetischer Zusammenhang zwischen MS und Depression besteht. Dennoch ist die Depressionsrate unter MS-Betroffenen deutlich höher als bei Patienten mit anderen neurologischen oder chronischen Erkrankungen. Eine Depression bei MS ist deshalb möglicherweise nicht nur eine Reaktion auf die Erkrankung.

  • Hirnorganische Veränderungen

    Depressionen treten bei MS-Betroffenen mit Entzündungsherden im Gehirn häufiger auf als bei Betroffenen mit Entzündungen ausschliesslich im Rückenmark. Diese Beobachtung lässt vermuten, dass die Veränderungen im Gehirn an der Entstehung einer Depression beteiligt sind. Eine besondere Rolle könnten dabei die vorderen Bereiche der linken Hirnhälfte spielen.

  • Hormone und Immunsystem

    Als weitere Ursachen von Depression bei MS werden hormonelle Störungen und eine Beeinträchtigung des Immunsystems vermutet.

  • Medikamente

    Bestimmte Medikamente, die bei der Behandlung von MS-Symptomen (z. B. Spastiken) eingesetzt werden, können die Stimmung verändern oder depressive Stimmungen verstärken oder hervorrufen

  • Stress, soziale Unterstützung und das Gefühl von Hilflosigkeit

    Das Auftreten und die Intensität von depressiven Symptomen scheinen davon abhängig zu sein, wie viel subjektiven Stress Betroffene erleben und wie viel soziale Unterstützung sie erfahren. 

    Das Gefühl von Hilflosigkeit angesichts des unvorhersagbaren Verlaufs der Erkrankung ist vermutlich ebenfalls ein wichtiger Faktor in der Entstehung einer Depression. 

Wie wird eine Depression behandelt?

Eine Depression ist eine Krankheit. An erster Stelle stehen deshalb die Diagnose durch eine Fachperson und die Suche nach möglichen Ursachen. Ist die Depression erkannt, kann man sie behandeln, lindern oder sogar heilen. 

Bei der Diagnose wird auch ausgeschlossen, dass Nebenwirkungen von Medikamenten die Ursache für die Symptome sind. Die Fachperson betrachtet dazu auch das ganze Lebensumfeld der Person. In manchen Fällen ist die Depression zum Beispiel ein Ausdruck eines Erschöpfungssyndroms, weil sich jemand permanent selbst überfordert und nicht realisiert, dass er oder sie durch die MS gar nicht so viel leisten kann, wie er oder sie will. 

Kombination aus Psychotherapie und speziellen Medikamenten 

Eine Psychotherapie ist bei leichten bis mittelschweren Formen der Depression eine wirksame Behandlungsmethode, zudem können auch Antidepressiva zum Einsatz kommen. Bei schwereren Formen werden begleitend Antidepressiva eingesetzt. 

Antidepressiva müssen im Allgemeinen während mehrerer Monate täglich eingenommen werden, auch wenn keine Symptome da sind. Es kann Wochen dauern, bis eine Besserung eintritt. Es ist daher wichtig, das Medikament nicht einfach selbst abzusetzen, wenn vermeintlich keine Wirkung eintritt oder Nebenwirkungen auftreten, sondern Rücksprache mit der Ärztin oder dem Arzt zu halten. 

Für die Psychotherapie ist zudem das Vertrauen zur Therapeutin oder dem Therapeuten für den Erfolg der Behandlung enorm wichtig. 

Selbsthilfeaktivitäten

Selbsthilfeaktivitäten ersetzen zwar keine fachgerechte Behandlung der Depression, sie können aber zusätzlich helfen. 

Austausch mit Betroffenen

Es kann befreiend sein, über Ängste, Sorgen und Frustrationen zu sprechen, ohne verurteilt zu werden. Gleichzeitig kann es helfen, Erfahrungen auszutauschen: Wie gehen andere Betroffene mit der Situation um? 

Die MS-Gesellschaft bietet Ihnen deshalb die Möglichkeit, sich online mit anderen betroffenen Personen auszutauschen, über Fragen, Ängste und das Leben mit MS zu sprechen. 

Zum Peer-Support der MS-Gesellschaft

Was Angehörige wissen sollten

Für die Angehörigen ist es wichtig zu wissen, dass eine Depression nicht allein durch Trösten, gutgemeintes Zureden, Überzeugen oder gar unter Druck setzen gebessert werden kann. Andersrum kann eine Depression auch nicht allein durch Psychotherapie und eine medikamentöse Behandlung geheilt werden. Zentral ist auch die Unterstützung durch Angehörige. 

Die Herausforderung: Die Depression eines Familienmitglieds hat oft Auswirkungen auf die Partnerschaft oder die Beziehung zu den Kindern. Angehörige fühlen sich häufig sehr hilflos und werden mit der Zeit ungeduldig, verärgert oder resigniert. Sie können nur schwer verstehen, warum sich der Betroffene nicht einfach zusammenreisst und etwas gegen die belastende Situation unternimmt.

Aussenstehende können häufig nicht nachempfinden, dass eine Depression eine echte Erkrankung ist und kein «Nicht-Wollen». Hinzu kommt, dass depressive Personen oft nur indirekt um Unterstützung bitten. Damit ist es für Angehörige schwer zu verstehen, was ihr Gegenüber braucht. Oft stossen sie sogar auf Ablehnung, wenn sie Hilfe anbieten. Auch professionelle Hilfe wird häufig zurückgewiesen. 

Leisten Sie deshalb Unterstützung, indem Sie das Befinden Ihres Gegenübers so akzeptieren, wie er oder sie es schildert. Damit zeigen Sie Verständnis und bekräftigen Ihr Vertrauen. Fühlen Sie sich selbst mit der Situation überfordert oder sind verunsichert, ist es legitim, dass Sie sich mit einer Fachperson austauschen und sich unterstützen lassen. Auch Paar- und Familientherapien können helfen. 

Die Schweiz. MS-Gesellschaft unterstützt Betroffene und Angehörige

Eine Depression kann für MS-Betroffene und deren Angehörige eine zusätzliche Herausforderung sein.

Ein kleines Netzwerk von Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten, die sich MS-spezifisch weitergebildet haben, finden Sie hier. Zudem gibt Ihnen das Beratungsteam gerne Tipps zur Suche von Fachpersonen in Ihrer Region. 

Adressdatei anerkannter Therapeuten

Alle Informationen rund um MS und Depressionen für Sie gebündelt: 

MS-Info «MS und Depression»

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Viele MS-Betroffene erleben im Verlauf der Krankheit verschiedene psychische Symptome oder Probleme. Die Depression ist eines davon.