Eine Familie zu gründen und Kinder zu haben, gehört für viele zu einem erfüllten Leben. Insbesondere bei MS-betroffenen Frauen entstehen mit einem Kinderwunsch jedoch oft viele Fragen. Wir unterstützen – mit Antworten, Beratungsgesprächen und einem offenen Ohr.
MS und Schwangerschaft
Kann ich mit MS schwanger werden?
Ja, auch mit MS sind eine problemlose Schwangerschaft und Geburt möglich.
Bei der Schwangerschaftsplanung werden der MS Verlauf, bestehende Symptome, die Muttergesundheit und die MS-Therapien berücksichtigt.
Heute weiss man, dass eine Schwangerschaft die MS nicht verschlimmert. Während der Schwangerschaft kann die Schubaktivität sogar deutlich abnehmen. Zudem weiss man inzwischen, welche Medikamente während der Schwangerschaft abgesetzt werden müssen. So kann verhindert werden, dass die Medikamente dem Kind schaden. Zudem tragen die frühzeitige Auseinandersetzung mit dem MS Verlauf und die Berücksichtigung bestehender Symptome zur Mutter-Kind-Gesundheit bei.
Schübe während der Schwangerschaft
Bei vielen schwangeren Frauen mit MS nimmt die Schubaktivität während der Schwangerschaft deutlich ab. Nach der Geburt, speziell in den ersten drei Monaten, kann sie jedoch zunehmen. Diese unterschiedlichen Schubaktivitäten werden auf die natürlichen, hormonellen schwangerschaftsbedingten Veränderungen des Immunsystems der Mutter zurückgeführt.
Im Durchschnitt treten Schübe, sowohl mit als auch ohne Schwangerschaft, gleich häufig auf (über zwei Jahre hinweg gemessen).
Hat MS Einfluss auf die Fruchtbarkeit?
Bei Frauen schränkt MS die Fruchtbarkeit nicht ein. Bei Männern kann die Erkrankung zu Erektionsstörungen oder Ejakulationsproblemen führen, die eine natürliche Zeugung erschweren oder verhindern können.
Ist die Krankheit vererbbar?
MS ist keine klassische Erbkrankheit. Ein gewisses Risiko besteht, dass eine Veranlagung an das Kind weitergegeben werden kann. Diese allein führt jedoch nicht zu MS.
Ist ein Elternteil an MS erkrankt, liegt das Risiko bei 3%, dass das Kind ebenfalls MS bekommt.
Hat die Krankheit andere Auswirkungen auf die Schwangerschaft oder das Neugeborene?
Die Schwangerschaft, Geburt und das Wochenbett verlaufen bei Betroffenen ohne gravierende körperliche Behinderung in den meisten Fällen normal. Bei MS-betroffenen Frauen kann es allerdings sein, dass das Geburtsgewicht des Neugeborenen etwas niedriger als gewöhnlich ist.
Nachwuchsplanung mit MS
Paare mit Kinderwunsch sollten sich am besten frühzeitig eingehend mit der Nachwuchsplanung auseinandersetzen. Sie sollten einen günstigen Zeitpunkt wählen, Rücksprache zu Medikamenten halten und im besten Fall schon vor der Schwangerschaft über die Rollenverteilung in der Partnerschaft sprechen. Denn gerade, wenn ein Elternteil von MS betroffen ist, ist es besonders wichtig, einige Dinge im Vorfeld zu klären.
Einen günstigen Zeitpunkt für eine Schwangerschaft finden
Eine Schwangerschaft sollte bei MS idealerweise in einer stabilen Krankheitsphase – am besten in Absprache mit einer Neurologin oder einem Neurologen – geplant werden.
Denn in einer stabilen Krankheitsphase können Medikamente kontrolliert pausiert oder umgestellt werden. Gleichzeitig sinkt das Risiko, dass während der Schwangerschaft und besonders danach neue Schübe auftreten.
Rücksprache zu Medikamenten halten
Eine frühzeitige Planung ist auch wichtig, weil bei Frauen bestimmte MS-Medikamente frühzeitig abgesetzt werden. Je nach Situation und Medikament sind jedoch Ausnahmen möglich, zum Beispiel bei einer sehr aktiven MS. In diesem Fall wird die Muttergesundheit und die Verträglichkeit der Substanz für das werdende Kind berücksichtigt.
MS-betroffene Männer müssen die gängigen MS-Medikamente vor einer geplanten Zeugung in der Regel nicht absetzen. Eine Ausnahme sind Medikamente, die einen Einfluss auf die Spermienqualität haben. Je nach individueller Situation kann es auch sinnvoll sein, über das vorbeugende Einfrieren von Spermien mit einer Neurologin oder einem Neurologen zu sprechen.
Zugelassene Medikamente während der Schwangerschaft
Einige Medikamente sind während der Schwangerschaft nicht oder nur eingeschränkt zugelassen. Im PDF finden Sie aktuelle Empfehlungen und Vorsichtsmassnahmen zu den gängigsten MS-Medikamenten.
Medikamentöse Behandlung idealerweise auf Kinderwunsch abstimmen
Manche Substanzen müssen vor einer Schwangerschaft abgesetzt werden, bei anderen werden bestimmte zeitliche Abstände zwischen der letzten Einnahme und dem Empfängniszeitpunkt empfohlen. Am besten ist es daher, wenn das Thema Familienplanung schon bei der Wahl der ersten Verlaufstherapie (medikamentösen Behandlung) besprochen wird.
So lässt sich auch verhindern, dass Therapien abgebrochen werden müssen. Ein solcher Abbruch birgt oft die Gefahr eines «Rebound-Schubs», also eines Schubs nach dem Therapieabbruch.
Die Rollenverteilung in der Partnerschaft klären
Viele Paare verteilen die Rollen innerhalb der Partnerschaft aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen. Dabei spielen neben der Ausbildung, Arbeitssituation und dem Verdienst auch persönliche Bedürfnisse und Vorlieben eine wichtige Rolle.
Entscheidet sich ein Paar für ein Kind, wird die Rollenverteilung oft überprüft und angepasst. Das ist noch wichtiger, wenn ein Elternteil von MS betroffen ist und die eigene Rolle möglicherweise nicht ausreichend wahrnehmen kann. Denn genau dann müssen vielleicht alte Muster verändert und so angepasst werden, dass beispielsweise der MS-erkrankte Vater und bisherige Hauptverdiener neu den Haushalt und die Kinderbetreuung übernimmt und die Mutter einer Vollzeittätigkeit nachgehen kann.
Während der Schwangerschaft
Eine Schwangerschaft kann sich auf bestehende Symptome auswirken
MS kann unterschiedliche Symptome verursachen, die in der Schwangerschaft aufgrund der körperlichen Veränderungen zunehmen. Bestehende Blasenprobleme können zum Beispiel während einer Schwangerschaft durch den Druck im Beckenbereich zunehmen. Auch bestehende Schmerzen und Fatigue können durch die generelle körperliche Belastung der Schwangerschaft stärker auftreten.
Tipps zur körperlichen und mentalen Entlastung
Während der Schwangerschaft gelten grundsätzlich die gleichen Empfehlungen wie für Frauen ohne MS.
Zur Entlastung während der ersten Monate mit Baby lohnt es sich jedoch, einige Massnahmen frühzeitig zu erledigen beziehungsweise in Betracht zu ziehen:
- Persönlichen Kontakt zu werdenden Müttern suchen, zum Beispiel in Geburtsvorbereitungskursen
- Gezielte Ergo- und Physiotherapie-Techniken lernen, um körperlicher Erschöpfung vor, während und nach der Schwangerschaft entgegenzuwirken
- Ärztin oder Arzt nicht nur nach Medikamenten, sondern auch nach sinnvollen Vitaminen als Nahrungsergänzung fragen
- Das Thema Stillzeit frühzeitig mit der Neurologin oder dem Neurologen besprechen
- Betreuende Fachpersonen vernetzen und den Austausch untereinander anregen, zum Beispiel Neurologe, Gynäkologin, Hebamme und MS-Pflegefachperson
Nach der Geburt
Die Zeit nach der Geburt ist für viele Paare eine Herausforderung – körperlich und auch mental.
Stimmungsschwankungen einordnen
Die ersten Wochen nach der Geburt bedeuten für die frischgebackene Mutter oft ein Wechselbad der Gefühle: Grenzenlose Freude wechselt sich mit Müdigkeit und Frustration ab. Diese Stimmungsschwankungen treten unabhängig von der MS auf, sie liegen an den hormonellen Veränderungen nach der Geburt. Die Symptome können schon im Wochenbett, aber auch noch bis zwölf Monate nach der Geburt auftreten.
Je nach Symptomatik und Schwere kann eine psychologische Behandlung sinnvoll sein.
Hilfe in Anspruch nehmen
Wenn die Mutter oder der Vater nach der Geburt MS-Schübe erleben und die Verantwortung für das Baby nicht mehr im gewünschten Rahmen wahrnehmen können oder die Fatigue die Säuglingspflege erschwert, ist das für viele Paare sehr belastend. Sie haben oft zusätzliche Zweifel, Ängste und verspüren oft sogar das Gefühl von Scham.
Treten solche Gefühle auf, ist externe Hilfe sinnvoll und wichtig – auch wenn Betroffene, die die Situation mit externer Unterstützung bewältigen, sich meist weniger einsam, hilflos oder überfordert fühlen. Eine Fachperson, zum Beispiel eine Hebamme oder Psychologin, kann in dieser Zeit Sicherheit geben.
Denn ganz wichtig ist: Trotz möglicher Einschränkungen hat MS keinen Einfluss auf eine enge und schöne Eltern-Kind-Beziehung. Ein Kind braucht für die Entwicklung in erster Linie Liebe und emotionale Unterstützung.
Die MS-Gesellschaft unterstützt Betroffene und Angehörige
Vielen Betroffenen hilft es, über ihre Ängste, Gefühle und Wünsche zu sprechen. Mit dem Peer Support der Schweiz. MS- Gesellschaft ist dieser Austausch mit anderen Betroffenen einfach möglich. Wünschen Sie sich fachliche Beratung oder ein offenes Ohr, unterstützen wir Sie ebenfalls gern.
In unserem PDF über MS und Schwangerschaft finden Sie ausserdem alle Informationen verständlich aufbereitet.
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