Primär-progrediente MS: Ocrelizumab in der Kritik

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Im April 2026 wurde in der britischen Fachzeitschrift «BMJ» eine Kritik am MS-Medikament Ocrevus® (Ocrelizumab) bei der Therapie von primär-progredienter MS veröffentlicht. Der Medizinisch-wissenschaftliche Beirat der Schweiz. MS-Gesellschaft nimmt Stellung.

Ocrevus® wurde 2017 zugelassen. Es ist bislang das einzige Medikament, das bei primär-progredienter MS (PPMS) verschrieben werden darf. Konkret wird kritisiert, dass die US Arzneimittelbehörde FDA das Medikament für diese Krankheitsform zugelassen habe, obwohl im Vorfeld Bedenken hinsichtlich mangelnder Wirksamkeit bei Frauen und eines erhöhten Brustkrebsrisikos geäussert wurden.

Der Effekt der aktuell verfügbaren krankheitsmodifizierenden Therapien auf das schubunabhängige Fortschreiten bei MS ist insgesamt moderat. Genau deshalb arbeiten Forschende mit Nachdruck an neuen, wirksameren Ansätzen.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Wirkung von Ocrelizumab klinisch irrelevant ist – auch ein begrenzter Nutzen kann für einzelne MS-Betroffene einen wichtigen Unterschied machen. Leider lässt sich diese individuelle Wirksamkeit derzeit nicht zuverlässig vorhersagen, und zugleich fehlen wirksame therapeutische Alternativen bei PPMS.

Die in der Kritik hervorgehobenen Unterschiede zwischen einzelnen Patientengruppen reflektieren die bekannte Heterogenität der Erkrankung. Aufgrund methodischer Limitationen solcher nachträglich durchgeführten Analysen ergeben sich keine negativen Schlussfolgerungen für die Therapie mit Ocrelizumab.

Auch die Kritik eines erhöhten Brustkrebsrisikos unter Ocrelizumab hat sich in der längerfristigen Nachbeobachtung der Studienkohorten sowie in der breiten klinischen Anwendung bislang nicht bestätigt.

Insgesamt sollte die vorhandene Evidenz differenziert interpretiert werden: Sie zeigt einen begrenzten, aber klinisch wahrscheinlich relevanten Behandlungseffekt, dessen Nutzung im aktuellen therapeutischen Kontext gerechtfertigt ist.

Die Notwendigkeit für bessere und gezieltere Therapien bei PPMS wird dadurch keinesfalls infrage gestellt.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Jens Kuhle, Universitätsspital Basel | Medizinisch-wissenschaftlicher Beirat der Schweiz. MS-Gesellschaft