PIRMA

Blickpunkt Forschung

Eine grosse Registerstudie untersucht, ob hochwirksame MS-Therapien das Fortschreiten der Erkrankung auch dann verhindern können, wenn dieses unabhängig von Schüben und sichtbaren MRI-Entzündungen auftritt.

Hintergrund

Bei MS entsteht Behinderung nicht nur durch akute Schübe oder neue Entzündungsherde im MRI. Ein grösserer Teil der Verschlechterung verläuft schleichend und unabhängig von sichtbarer Krankheitsaktivität. Dieser Prozess wird als Progression unabhängig von Schub- und MRI-Aktivität (PIRMA) bezeichnet. 

Moderne hochwirksame Therapien können Schübe und neue Läsionen deutlich reduzieren. Allerdings ist noch unklar, ob sie auch dieses schubunabhängige Fortschreiten der Erkrankung verhindern können. Das ist eine zentrale Frage, da gerade dieser Mechanismus langfristig zur bleibenden Behinderung beiträgt.

Aktuelle Studie

Für die Analyse wurden Daten aus dem französischen MS-Register (OFSEP) ausgewertet. Insgesamt erfüllten 10’499 Betroffene mit schubförmig beginnender MS die Einschlusskriterien. 2’666 Teilnehmende erhielten von Beginn als «hochwirksam» klassifizierte Therapien (z.B. Fingolimod, Natalizumab, Cladribin, Ocrelizumab). 7’833 Teilnehmende wurden mit als «moderat wirksam» klassifizierten Therapien behandelt (z.B. Glatirameracetat, Interferone, Teriflunomid oder Dimethylfumarat). Die Beobachtungszeit betrug im Durchschnitt 3,7 Jahre. 

Alle Teilnehmenden hatten regelmässige neurologische Untersuchungen und MRI-Kontrollen etwa alle zwei Jahre. Der wichtigste untersuchte Endpunkt war die Zeit bis zum ersten Auftreten von PIRMA. Zusätzlich wurden andere Formen der Krankheitsverschlechterung analysiert, etwa schubbedingte Verschlechterung und MRI-assoziierte Verschlechterung.

Ergebnisse

Insgesamt zeigte sich, dass «hochwirksame» Therapien Schub- und MRI-bedingte Verschlechterungen besser kontrollieren, jedoch keinen klaren Vorteil bei PIRMA bieten. Die durchschnittliche Zeit bis zum ersten PIRMA-Ereignis lag bei 8,7 Jahren unter «hochwirksamer» Therapie und bei 8,9 Jahren unter «moderat wirksamer» Therapie. 

Bei der klassischen Analyse zum Fortschreiten der Behinderung (ohne Einbezug von MRI-Daten) zeigte sich dagegen ein Trend zugunsten «hochwirksamer» Therapien: etwa 7,6 Jahre bis zur Verschlechterung gegenüber 7,3 Jahren unter «moderat wirksamen» Therapien. 

Verschlechterungen im Zusammenhang mit Schüben und MRI-Aktivität traten deutlich häufiger und früher unter «moderat wirksamen» Therapien auf. Zusätzlich identifizierte die Studie mehrere Risikofaktoren für PIRMA, darunter ein höheres Alter zu Therapiebeginn, ein höherer Behinderungsgrad zu Beginn und Rückenmarksläsionen im MRI.

Fazit

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass «hochwirksame» MS-Therapien zwar Entzündungsaktivität und schubbedingte Verschlechterung effektiv reduzieren, die schubunabhängige Progression jedoch offenbar wenig beeinflussen.

Studienergebnisse im Kontext

Die Studie zeigt, dass zukünftige Therapien stärker auf neurodegenerative Prozesse abzielen müssen, um langfristige Behinderung bei MS besser zu verhindern. Allerdings gibt es auch Hinweise darauf, dass das individuelle Ansprechen auf verschiedene Therapien sehr unterschiedlich sein kann, und gewisse Betroffene dennoch gut von den «hochwirksamen» Therapien profitieren. 

 

Link zur Studie (englisch, kostenpflichtig)

Progression independent of relapse and MRI activity and treatment strategies in multiple sclerosis | Brain | Oxford Academic

Brain, 2026