Multiple Sklerose kennt kein Alter

FORTE Magazin

Immer mehr Menschen leben im höheren Alter mit Multipler Sklerose. Manche erhalten ihre Diagnose sogar erst in der zweiten Lebenshälfte. Was bedeutet das Zusammenspiel von MS und altersbedingten Veränderungen für Diagnose, Therapie und Lebensqualität? Professor Thomas Berger gibt Antworten.

Professor Berger, was sollten wir über Multiple Sklerose im höheren Alter wissen?
Grundsätzlich gibt es zwei Gruppen: Die weitaus grössere Gruppe umfasst Menschen, die mit einer bestehenden MS-Diagnose älter werden. Die kleinere Gruppe erhält die Diagnose erst im höheren Erwachsenenalter, etwa jenseits von 55 Jahren. Dies ist die sogenannte spät einsetzende MS (late onset MS) oder sehr spät einsetzende MS (very late onset MS). Das Erkrankungsalter hat sich nicht grundsätzlich verschoben. Es liegt nach wie vor meist zwischen 20 und 30 Jahren. Vielmehr wird heute auch bei älteren Menschen genauer hingeschaut.

Früher hätte man bei einer 60-jährigen Person mit entsprechenden Symptomen eher nicht an MS gedacht, sondern an andere Ursachen wie etwa einen Schlaganfall oder Durchblutungsstörungen. Dank der besseren Verfügbarkeit insbesondere von MRT-Untersuchungen und einer allgemein grösseren Aufmerksamkeit für MS wird der Krankheitsbeginn auch bei Älteren häufiger erkannt.

Welche Herausforderungen bringt ein fortgeschrittenes Alter für die Behandlung mit sich?

Bei älteren Erwachsenen mit MS stellt sich die Frage nach der geeigneten Therapie. Es gibt aus meiner Sicht eine pragmatische Herangehensweise. Die Therapie sollte sich nach der Krankheitsaktivität richten, nicht nach dem Alter. Wenn sich bei einer 50-jährigen Person ein schubförmiger Verlauf zeigt, sollte sie grundsätzlich ebenso behandelt werden wie eine jüngere.

Dabei gibt es eine nicht unerhebliche Fussnote: Bei älteren Menschen muss man genauer hinschauen, da Begleiterkrankungen und zusätzliche Risiken häufiger sind. Deshalb braucht es eine individuelle Abwägung, ob die Therapie im Zusammenhang mit bestehenden Diagnosen und Risikofaktoren geeignet ist, sowie ein engeres Monitoring. Und die symptomatische Therapie, die oftmals unterschätzt wird, ist nicht ausser Acht zu lassen.

Weshalb ist die symptomatische Therapie so wichtig?

Die symptomatische Therapie zielt nicht darauf ab, den Krankheitsverlauf zu beeinflussen, sondern konkrete Beschwerden zu lindern. Sobald Symptome auftreten, sollte man aktiv werden. Ein Beispiel ist die Spastik. Häufig wird sie von Betroffenen anfangs kaum bemerkt und ist nur in der klinischen Untersuchung diskret erkennbar.

Genau dann ist der Zeitpunkt, gegenzusteuern. Oft helfen vermehrte Bewegung, Sport oder physiotherapeutische Massnahmen, und manchmal Medikamente, um die Beschwerden möglichst lange gering zu halten.

Wenn man den richtigen Zeitpunkt verpasst, kann man das Rad der Zeit nicht mehr zurückdrehen. Deshalb sollten symptomatische Therapien frühzeitig medikamentös sowie nichtmedikamentös eingesetzt werden. Wichtig ist dabei eine enge, kontinuierliche Begleitung. Oft berichten Betroffene von Veränderungen, die wir Ärztinnen und Ärzte klinisch noch gar nicht nachweisen können. Genau diese Mischung aus ärztlicher Erfahrung und dem, was Betroffene selbst wahrnehmen, ermöglicht eine gute Betreuung über viele Jahre.

Sie haben erwähnt, dass man bei älteren Betroffenen genauer hinschauen muss. Gilt das auch mit Blick auf das Immunsystem?

Das Älterwerden betrifft jedes Organ, jede Zelle und auch das Immunsystem. Die natürliche Alterung des Immunsystems – oder medizinisch Immunoseneszenz – führt dazu, dass es weniger wirksam arbeitet. Für die Praxis bedeutet das: Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken oder verändern, können bei älteren Betroffenen andere Auswirkungen haben, insbesondere im Hinblick auf Nebenwirkungen oder Risiken. Dazu gehört auch ein erhöhtes Infektionsrisiko durch Erreger, die bei gesunden, jungen Menschen normalerweise nichts auslösen, sogenannte opportunistische Infektionen. Das heisst nicht, dass aus Angst auf eine Therapie verzichtet werden sollte, denn der Nutzen überwiegt deutlich. Deshalb sind bei älteren Betroffenen eine sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung und ein engmaschiges Monitoring besonders wichtig.

Wie lässt sich unterscheiden, ob neue Beschwerden auf MS, das Alter oder andere Krankheiten zurückgehen?

Gerade bei älteren Betroffenen besteht die Gefahr, neue Symptome vorschnell der MS zuzuschreiben. Mit zunehmendem Alter steigt jedoch das Risiko für andere Krankheiten wie Schlaganfälle, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch Tumoren – und da sind MS-Betroffene nicht ausgenommen. Werden diese nicht rechtzeitig erkannt, kann wertvolle Zeit verloren gehen. Deshalb ist es wichtig, neue Beschwerden, die nicht neurologisch und nicht durch die MS erklärbar sind, konsequent abzuklären.

Als Behandelnde müssen wir diesen Blick behalten, um Betroffene auch im höheren Alter bestmöglich zu versorgen. Gleichzeitig ist es wichtig, altersbedingte, MS unabhängige Veränderungen zu berücksichtigen. Viele ältere Menschen sind gangunsicher, weil sie schlechter sehen, oder wenn der Untergrund rutschig ist. Wenn dann schon eine Schwachstelle beim Gehen besteht, kann sich das durch die MS verstärken. Das bedeutet aber nicht, dass die Krankheit aktiver wird. Solche Veränderungen sollte man differenziert betrachten und nicht reflexartig die Therapie ändern.

Was können ältere MS-Betroffene selbst zu ihrer Lebensqualität beitragen?

Wichtig ist, dass Betroffene aktiv zu ihrer Lebensqualität beitragen. Therapien und Ratschläge sind wertvolle Unterstützung, ersetzen aber nicht die Eigeninitiative. Neben einem gesunden Lebensstil spielen soziale Integration und geistige Neugier eine grosse Rolle. Neues zu lernen und offen für neue Situationen zu sein, fordert das Gehirn und erhält kognitive Fähigkeiten. Umgekehrt beschleunigen Isolation und mangelnde soziale Kontakte oft den Abbau geistiger Ressourcen.

Was bedeutet die MS im höheren Alter für die Person und die Gesellschaft?

Mit zunehmendem Alter verändern sich Prioritäten, und soziale oder berufliche Fragen gewinnen an Bedeutung. In den letzten 15 bis 20 Jahren hat sich hier viel entwickelt: Fachleute aus Neurologie, Sozialarbeit und MS-Gesellschaften haben begonnen, diese Aspekte stärker in den Blick zu nehmen. Auch Betroffene ohne schwere körperliche Einschränkungen können erhebliche Schwierigkeiten im Alltag oder Beruf haben. Sozioökonomische Faktoren sind dabei nicht nur finanziell zu verstehen. Es geht ebenso um Lebensqualität und die Möglichkeit, trotz Diagnose ein erfülltes Leben zu führen. Dass dieser Bereich heute mehr Aufmerksamkeit erhält, sehe ich als eine sehr positive Entwicklung.

Was wünschen Sie sich persönlich mit Blick in die Zukunft?

Was ich mir sehr stark wünsche, ist eine Gesellschaft, in der Menschen, die anders sind – auch aufgrund einer Erkrankung – selbstverständlich integriert und akzeptiert werden. Viele MS-Betroffene sind trotz Einschränkungen arbeitsfähig, und es wäre wichtig, dass dies noch stärker anerkannt wird. Hier hat sich schon einiges getan: MS wird heute nicht mehr ausschliesslich mit dem Bild einer Person im Rollstuhl verbunden, sondern auch mit Betroffenen, denen man die Erkrankung nicht ansieht. Eine weitere Entstigmatisierung, soziale Integration und ein stärkeres Eingehen auf Bedürfnisse jenseits der Medizin, das ist eine Wunschvorstellung, die ich aber durchaus für realistisch erreichbar sehe.

 

Univ. Prof. Dr. MSc. Thomas Berger ist Professor für Neurologie und Vorstand der Univ. Klinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Wien, Österreich.

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