Essens- und Schlafrhythmus als Teil des Fatigue-Managements
Ein unsichtbares Symptom, das Beruf, Freizeit und Lebensqualität spürbar bremsen kann, betrifft viele Menschen mit MS: die Fatigue. Neben medikamentösen Möglichkeiten gewinnen alltagstaugliche Strategien im Umgang mit dieser Form von chronischer Ermüdbarkeit an Bedeutung — etwa ein regelmässiger Essens- und Schlafrhythmus — die Chrononutrition. Eine Studie des Schweizer MS Registers liefert erste Hinweise.
Fatigue gehört zu den häufigsten Symptomen bei Multipler Sklerose (MS). Nahezu 80 Prozent aller Teilnehmenden im Schweizer MS Register sind davon betroffen. Es schränkt nicht nur die berufliche Tätigkeit und das Sozialleben ein, sondern mindert das gesamte Wohlbefinden der Betroffenen. Da die medikamentösen Möglichkeiten bei Fatigue begrenzt sind, rücken unterstützende Massnahmen in den Fokus. Hier bietet die Ernährung einen vielversprechenden Ansatz für den Alltag. Sie spielt eine wichtige Rolle im Krankheits- und Symptommanagement bei MS.
Wenn der Körper den Takt vorgibt
Studien zeigen, dass eine gesunde und ausgewogene Ernährung den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen und das Wohlbefinden steigern kann. Doch nicht nur die Wahl der Lebensmittel ist entscheidend, sondern auch der Zeitpunkt der Mahlzeiteneinnahme. Hier setzt die Chrononutrition an. Sie untersucht die Wechselwirkung der Nahrungsaufnahme und der inneren biologischen Uhr.
Dieser Ansatz macht deutlich, dass Menschen ihr Wohlbefinden unterstützen können, indem sie ihre Mahlzeiten möglichst gut mit ihrem natürlichen Biorhythmus in Einklang bringen. Dabei geht es darum, die Bedürfnisse des Stoffwechsels entsprechend seiner biologischen Uhr zu berücksichtigen. Ein optimaler Mahlzeitenrhythmus kann den Körper unterstützen, Entzündungsprozesse zu regulieren und die begrenzten Energiereserven des Tages besser zu verwalten.
Erhebung im Schweizer MS Register
Das Schweizer MS Register hat dieses Thema gemeinsam mit Forschenden unter der Leitung von Prof. Dr. med. Caroline Pot am Universitätsspital Waadt (CHUV) und Prof. Dr. med. Tinh-Hai Collet am Universitätsspital Genf (HUG) näher untersucht. Registerteilnehmende haben in einer Umfrage spezifische Fragen zum Essens- und Schlafrhythmus beantwortet, wie zum Beispiel zur Aufwachzeit, zur Schlafenszeit und zum Zeitpunkt ihrer Mahlzeiteneinnahme. Zusätzlich konnten die Betroffenen Angaben zum Auftreten und Ausmass der Fatigue machen.
Die Studie mit Angaben von 958 Registerteilnehmenden (im Durchschnitt 49 Jahre alt, 73 Prozent Frauen) zeigte folgende Ergebnisse: Ein längeres Essensfenster (der Zeitraum zwischen der ersten und der letzten Mahlzeit) war mit weniger Fatigue verbunden. Ein späteres Aufwachen und späteres Frühstück waren mit mehr Fatigue verbunden. Am Wochenende allerdings zeigte sich ein anderes Bild: Spätere erste Mahlzeiten und Schlafenszeiten waren mit weniger Fatigue verbunden.
Der Erwerbsstatus nimmt Einfluss
Es ist zu beachten, dass viele andere Faktoren die Fatigue beeinflussen können. Dazu gehören beispielsweise der Beruf, die Ausbildung, Rauchen oder körperliche Aktivität. Besonders der Berufsalltag spielt hier eine grosse Rolle: Ein grösserer Unterschied zwischen Werktagen und Wochenenden bei der ersten Mahlzeit und ein späteres Zubettgehen waren mit weniger Fatigue verbunden, während eine längere Gesamtzeit im Bett mit mehr Fatigue einherging. Dies könnte darauf hindeuten, dass abwechslungsreiche Tagesabläufe körperliche, soziale und psychische Vorteile bieten, eine bessere Anpassung an den Alltag ermöglichen und die Erholung am Wochenende fördern.
Die Art des Zusammenhangs muss jedoch noch genauer erforscht werden, da auch die Fatigue direkt den Alltag und Lebensrhythmus von Betroffenen stark beeinflussen kann.
Essens- und Schlafrhythmus als Teil des Fatigue-Managements
Was heisst das nun konkret?
Die Ergebnisse zeigen einen Zusammenhang zwischen Essens- und Schlafenszeiten mit Fatigue, der jedoch durch den Lebensstil — insbesondere den Erwerbsstatus — beeinflusst werden kann. Das bedeutet aber nicht, dass ein früheres Frühstück oder kürzere Schlafenszeiten Fatigue minimieren können. Vielmehr deuten sie darauf hin, dass Flexibilität im Alltag und Erholung am Wochenende für Menschen mit MS wichtig sind.
Auch wenn die Zusammenhänge weiter erforscht werden müssen, können folgende ernährungswissenschaftliche Empfehlungen als Orientierung im Alltag dienen:
Ein regelmässiger Essens- und Schlafrhythmus ist wichtig für das individuelle Wohlbefinden.
Ein Tagebuch kann helfen, Essens- und Schlafenszeiten sowie das Wohlbefinden oder auch Fatigue festzuhalten, um den optimalen Rhythmus zu finden.
Professionelle Unterstützung durch diplomierte Ernährungsberaterinnen oder -berater ist empfehlenswert, um den optimalen Mahlzeitenrhythmus in den Alltag einzubauen.
Gemeinsam mehr Wissen schaffen
Möchten Sie Teil der Forschungsgemeinschaft werden? Das Team des MS Registers freut sich über Ihre E-Mail an ms-register@ebpi.uzh.ch
Text: Dr. Nina Steinemann, Linda Zaugg und Melinda Steiner vom Schweizer MS Register