EBV und Multiple Sklerose

Blickpunkt Forschung

Eine aktuelle Studie zeigt, dass bestimmte Antikörper gegen das Epstein-Barr-Virus ein neuer Biomarker sein könnten, um MS zuverlässiger von anderen entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems zu unterscheiden.

Hintergrund

Die Diagnose von MS kann schwierig sein, weil andere Erkrankungen ähnliche Symptome und MRI-Befunde verursachen können. Dazu gehören insbesondere die MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankung (MOGAD) und die Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD). Diese Krankheiten unterscheiden sich jedoch in Behandlung und Prognose deutlich von MS. 

Gleichzeitig gilt das Epstein-Barr-Virus als wichtiger Risikofaktor für die Entstehung von MS. Viele Studien zeigen, dass MS-Betroffene häufig eine besonders starke Immunreaktion gegen bestimmte EBV-Proteine entwickeln. Forschende untersuchten deshalb, ob Antikörper gegen ein EBV-Protein (das sogenannte EBNA-1-Peptid) helfen können, MS besser von anderen Erkrankungen zu unterscheiden. 

Aktuelle Studie

Die Studie analysiert Daten aus Österreich, Deutschland und den USA. Insgesamt wurden 2’091 Patientinnen und Patienten mit neuroinflammatorischen (Aktivierung von Immunzellen und Freisetzung von entzündlichen Molekülen, die zu Nervenzellschädigungen führen) Erkrankungen sowie 1976 gesunde Kontrollpersonen untersucht. Zu den Erkrankungen gehörten MS, MOGAD, NMOSD sowie weitere entzündliche und nicht-entzündliche neurologische Erkrankungen. Bei allen Teilnehmenden wurden Antikörper gegen EBNA-1 zu vier verschiedenen Zeitpunkten über etwa zwei Jahre im Blut gemessen.

Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Erkrankungen. Anhaltend hohe EBNA-1-Antikörperspiegel traten bei der grossen Mehrheit der MS-Betroffenen auf. In einer Testkohorte hatten 177 von 184 MS-Betroffenen (96,2 %) dauerhaft hohe Antikörperspiegel in mindestens zwei von vier Proben. 

Dagegen zeigten nur 5 von 65 Personen mit MOGAD (7,7 %) und 11 von 61 mit NMOSD (18,0 %) solche dauerhaft hohen Werte. 

In einer unabhängigen Validierungskohorte bestätigte sich dieses Muster: 135 von 142 MS-Betroffenen (95,1 %) hatten fortbestehend hohe Antikörperspiegel. Zusätzlich zeigte sich, dass bei MS-Betroffenen die Antikörperwerte über die Zeit stabil hoch bleiben, während sie bei anderen Erkrankungen oft deutlich abnehmen. 

Fazit

Die Studie legt nahe, dass dauerhaft hohe Antikörperwerte gegen das EBV-Protein EBNA-1 ein hilfreicher Biomarker bei der MS sein könnten. 

Studienergebnisse im Kontext

Besonders bei unklaren Fällen könnte dieser Bluttest die Diagnose unterstützen und helfen, MS von ähnlichen Erkrankungen zu unterscheiden. Zwar ersetzt der Test nicht die bestehenden Diagnosekriterien, doch er könnte künftig eine zusätzliche, einfache und nicht-invasive Methode sein, um die Diagnose von MS zu verbessern.

 

Link zur Studie (englisch, kostenpflichtig)

Epstein-Barr Virus Antibodies to Differentiate Multiple Sclerosis From Other Neuroinflammatory Diseases | Neurology | JAMA Neurology | JAMA Network

JAMA Neurology, 2026